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Charles Taylor verurteilt: Mörderische Beihilfe

Zum ersten Mal seit den Nürnberger Prozessen wird ein ehemaliger Staatschef für seine grausamen Verbrechen bestraft. Dabei hatte die Anklage in Den Haag wenig gegen Charles Taylor, den Diktator von Liberia, in der Hand. Dennoch fiel das Urteil einstimmig.

Von Julia Prosinger

Wenige Minuten bevor er das Urteil verkündet, hält der Richter inne: Ein neues Videoband muss eingelegt werden. Zwei Stunden hat er schon gesprochen, aber noch ist kein Urteil gefallen, so umfangreich ist dieser Fall. 50 000 Seiten schriftliche Zeugenaussagen, mehr als hundert Zeugen, 1500 Beweisdokumente.

Minuten, die keinen Unterschied mehr machen, weil das Verfahren mehr als drei Jahre dauerte, weil die Verbrechen ein Jahrzehnt und mehr zurückliegen. Was heute zählt, wird der Richter gleich aussprechen und damit beweisen, dass das Recht Zähne hat und auch bei Staatschefs zubeißt. Er wird das Urteil verkünden gegen Charles Taylor, 64, das erste Urteil gegen einen Staatschef seit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Slobodan Milosevic war während seines Verfahrens an Herzversagen gestorben.

Als der versiegelte Haftbefehl kam, 2003, war Taylor noch amtierender Präsident Liberias. Er trat von seinem Amt zurück, versprach sich von der Politik fernzuhalten und ging nach Nigeria ins Exil. Die internationale Gemeinschaft wollte Gerechtigkeit gegen Frieden tauschen, so wie es sich manche dieser Tage bei Syriens Präsident Assad vorstellen. Doch als sich Taylor weiter in die Politik der Region einmischte, hob man den Tausch auf. An der Grenze zu Kamerun in seinem Auto mit Bargeld und Heroin nahmen ihn die nigerianischen Behörden gerade noch fest, bevor er untertauchte.

Jahre später, am Tag des Urteils, sind die Videobänder ausgetauscht, der Richter in schwarz-roter Robe, einen weißen Latz vor der Brust, bittet den Angeklagten aufzustehen. In der letzten Reihe erhebt sich ein Mann im dunklen Anzug, weinrote Krawatte, Manschettenknöpfe, strafft die Schultern, Charles Taylor. Hinter der Glasscheibe beginnt seine Familie zu weinen.

Dabei ist politisch seit Jahren klar, was heute juristisch bewiesen werden soll. Charles Taylor hat nicht nur sein eigenes Volk über Jahre tyrannisiert und traumatisiert, nachdem er 1989 seinen Vorgänger Samuel Doe gewaltsam gestürzt hatte. Er hat auch die Rebellengruppe RUF im benachbarten Sierra Leone finanziert und unterstützt, die mordend, plündernd und vergewaltigend durch das Land zog.

Nur für Letzteres klagte ihn 2003 der neu gegründete Sondergerichtshof für Sierra Leone an. Das Tribunal mit nationalen und internationalen Richtern, eingesetzt vom UN-Generalsekretariat, war nicht zuständig für Taylors Verbrechen an der liberianischen Bevölkerung. Er wollte Taylors Rolle während des Bürgerkrieges im benachbarten Sierra Leone untersuchen, die Anklage warf ihm in elf Punkten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.

Sein Verfahren lagerte man nach Den Haag aus, dorthin, wo viele andere Tribunale und der permanente internationale Strafgerichtshof sitzen. Einen Prozess in der sierraleonischen Hauptstadt Freetown traute man dem brüchigen Frieden in der Region nicht zu. Auch heute noch ist die Lage dort gespannt. In einem halben Jahr stehen schwer umkämpfte Wahlen bevor, die wieder zu einem bewaffneten Konflikt führen könnten.

Seinem ersten Verhandlungstag 2007 blieb Taylor fern und feuerte seine vom Tribunal eingesetzten Pflichtverteidiger. Dann besorgte er sich einen Engländer als Anwalt, der daheim als Mann für aussichtslose Fälle gilt: Courtenay Griffiths, jamaikanische Eltern, schauspielerisches Talent, viel Wut gegen den Staat im Bauch. Griffiths sagt von sich: „Ich bin eine Waffe, die man mieten kann.“

Zeugen berichten von den grausamen Verbrechen der RUF.

So begann die Waffe Griffiths in den Folgejahren zu schießen. Griffiths stellte Taylor als einen Friedensstifter dar, ließ Taylor mit Tränen in den Augen von „Lügen“ und einer „westlichen Verschwörung“ sprechen. Die USA, die ihn einst gestützt hatten, hätten ihn loswerden wollen, das zeigten von Wikileaks vorgebrachte diplomatische Depechen. Zeugen der Anklage hätten Schmiergelder erhalten.

Einmal verließ Griffiths aus Protest den Gerichtssaal, immer wieder fragte er, warum die internationale Strafjustiz sich nur mit Afrika beschäftigte, sprach von Neokolonialismus, Imperialismus, Vorverurteilung. „Und wenn Taylor die Rebellen ausgestattet hätte, was haben die USA in Vietnam gemacht? Was hat der Westen in Libyen getan?“, fragte Griffiths.

Die Anklage feuerte zurück. Von Anfang an habe die Verteidigung versucht, das Verfahren als Plattform für Taylors Politik und Propaganda zu nutzen. Einen besonders starken Fall konnte sie allerdings selbst nicht präsentieren. Sie konnte nicht, wie in anderen großen Fällen vor internationalen Tribunalen, wie bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen oder den Verfahren vor dem Jugoslawien-Tribunal, seitenweise Dokumente vorlegen, die Taylors Verwicklung in die Verbrechen von Sierra Leone beweisen sollten. Sie musste sich auf Zeugen verlassen, die das behaupteten. Kaum einer aber konnte bestätigen, direkte Anweisungen von Taylor erhalten zu haben.

Stattdessen schilderte die Mehrheit der 94 Zeugen der Anklage die Grausamkeiten der RUF. Einen Zeugen hatten die Rebellen gezwungen zuzusehen, wie sie einer alten Frau den Hals aufschlitzten. Ein Geschwisterpaar war zum Sex gezwungen worden, eine Frau hatte die Abkürzung der Rebellengruppe auf die Brust gebrannt bekommen, andere waren mit Bajonetten und Gewehren vergewaltigt worden.

Im Zeugenstand saßen Opfer mit Armstümpfen, Rebellen hatten sie mit Äxten verstümmelt, manche brachen vor Gericht zusammen, als sie davon erzählten. Väter hatten den Rebellen die eigenen Hände hingestreckt, damit sie ihre Söhne verschonten. Schwangeren Frauen sollen Bäuche aufgeschlitzt worden sein, andere seien lebendig begraben worden.

Dass all dies der Wahrheit entspricht, hatte die Verteidigung nie angezweifelt. Taylor aber für die Verbrechen verantwortlich zu machen, das sei Aufgabe der Anklage.

Die brachte weitere Zeugen auf. Einer berichtet gar von Kannibalismus. Taylor habe seine Feinde verspeist, quälend lang nahm ihn Verteidiger Griffiths dazu ins Kreuzverhör und entlarvte ihn als unglaubwürdig.

Der potenziell wichtigste Zeuge für die Anklage, Foday Sankoh, der mit Taylor gemeinsam von Muammar Gaddafi in Libyen militärisch ausgebildet worden war, starb schon vor Jahren an einem Schlaganfall. Sein Nachfolger Issa Sesay blieb bei der Version, dass Taylor keine Befehle erteilt habe. Sesay war zu diesem Zeitpunkt vom Sondergericht bereits zu 52 Jahren verurteilt worden.

Taylors Vermögen muss mehrere Milliarden betragen. Das Verfahren gegen ihn bringt den Gerichtshof dagegen in Geldnot.

Für die Dauer des Prozesses saß Taylor gemeinsam mit afrikanischen Angeklagten der anderen Haager Tribunale in einem Trakt im Gefängnis Scheveningen. Einst verhörte hier nah am Meer die Gestapo, heute mieten die Tribunale Zellen des Backsteingebäudes für ihre Angeklagten an. Taylor beschwerte sich über die europäische Küche des Gefängnisses und ließ sich – auf eigene Rechnung – afrikanische Lebensmittel liefern. Manchmal kam seine Frau zu Besuch. Er konvertierte zum Judentum, statt der weißen Gewänder, in denen er einst baptistisch predigte und Jesus den Herrscher über Liberia nannte, trägt er im Gericht Nadelstreifenanzüge und eine Lesebrille.

Es gelang ihm sogar, das Gericht von seiner Armut zu überzeugen, obwohl sein Vermögen durch Geschäfte mit Edelhölzern und Rohstoffen auf Milliarden geschätzt wird. Doch bislang konnten die UN-Ermittler keine Konten finden. Das Gericht musste ihn und sein Verteidigungsteam mit monatlich 100 000 Dollar unterstützen.

Dabei war das Sondergericht selbst von Anfang an chronisch knapp bei Kasse. Das Verfahren in Den Haag war besonders teuer, Zeugen mussten eingeflogen, Löhne an Den Haager Standards angepasst werden, 1000 Dollar am Tag soll Taylors Zelle gekostet haben. Es folgten Einsparungen, das Gericht wurde immer langsamer. Anstatt um das Verfahren mussten sich die Mitarbeiter um Finanzierung kümmern, Hauptsponsoren waren die USA und England.

Jahrelang war das Verfahren so unbeachtet, dass die Anklage im August 2010 Supermodel Naomi Campbell in den Zeugenstand rief. Sie sollte aussagen, dass Taylor ihr „Blutdiamanten“ geschenkt hatte. So werden die von der RUF zur Finanzierung ihres Krieges geschürften Diamanten bezeichnet. Zwar brachte diese Aussage die Wahrheitsfindung des Gerichts keineswegs voran, aber die Welt, besonders die Welt der potenziellen Geldgeber für das verarmte Gericht, wurde an diesem Tag an das Verfahren erinnert, ein gelungener PR-Gag.

Taylors Einfluss auf die Politik ist immer noch groß.

Sollte Griffiths’ Strategie aufgegangen sein? Sollte das Gericht Taylor tatsächlich freisprechen? „Ein Strafverfahren ist kein Schönheitswettbewerb. Wir bitten das Gericht nicht, Charles Taylor zu mögen“, hatte Griffiths in seinem Abschlussplädoyer gesagt. Dann würde Taylor zurückkehren können, nach Liberia. „Er hat enorm viele Anhänger, die sich wünschen, dass er das Land wieder übernimmt“, sagt der Journalist Ignatius Roberts. Er ist mit einer Gruppe aus Liberia angereist, um das Urteil zu beobachten und es in den nächsten Tagen in einfachen Worten in Liberia zu verbreiten, so wie sie in den vergangenen Jahren auch Videos von Verhandlungstagen in die Dörfer brachten. Wie groß Taylors Einfluss auf die Politik in der liberianischen Hauptstadt Monrovia noch immer ist, zeigte sich bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr. Damals tat sich Taylors Partei mit der Partei des ehemaligen Fußballstars George Whea zusammen, die den Gegenkandidaten zur schließlich wiedergewählten Johnson-Sirleaf unterstützten. Und Taylors dritte Frau, Jewel Taylor, wird in der liberianischen Politik inzwischen als mögliche nächste Präsidentin gehandelt.

Der Richter mit der monotonen Stimme erklärt jetzt in Den Haag, dass die Anklage keine Befehlskette herstellen konnte. Dass Taylor also nicht als Vorgesetzter verantwortlich für die Verbrechen der RUF ist. Auch den gemeinsamen Plan zu den Verbrechen in Sierra Leone, fährt der Richter fort, habe er nicht feststellen können.

Und dann kommt es doch noch zur Verurteilung: Die Richter befinden Taylor einstimmig für schuldig, in allen elf Anklagepunkten Beihilfe geleistet zu haben. Durch praktische Unterstützung, Waffen, Geld im Austausch für Diamanten, Medikamente, Lebensmittel, Kleidung. Durch moralische Unterstützung, Ratschläge, Ideen, Telefonate. Dabei, so das Gericht, habe er immer gewusst, was die Rebellen mit dieser Unterstützung anstellten, er habe nichts dagegen unternommen.

Beihilfe also. Nicht die volle Verantwortung. Taylor blinzelt. Die Verteidigung kann nun einen Berufungsantrag stellen. Ende Mai wird über das Strafmaß entschieden. Seine Haftstrafe wird Taylor dann in England absitzen, das steht schon seit Jahren fest. Es könnte eine lebenslange Haft sein.

Mitarbeit Dagmar Dehmer

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