Nach Özil-Rücktritt : Erdogan unterstützt Özil im Rassismus-Streit

Die Debatte um Mesut Özils Rassismus-Vorwürfe verschärft sich. Auch der türkische Präsident Erdogan mischt sich jetzt ein.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.
Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.Foto: REUTERS

Aus der Debatte um den Rücktritt des Fußballnationalspielers Mesut Özil ist eine breite Auseinandersetzung um das Thema Rassismus in Deutschland geworden. Özil hatte am Sonntag seinen Rückzug aus der deutschen Nationalmannschaft mit rassistischer Diskriminierung und einer allgemeinen Feindschaft gegenüber Deutsch- Türken begründet. Nun ist in der Bundesrepublik eine neue Diskussion über Integration und kulturelle Vielfalt entbrannt, die bis über die Bundesgrenzen hinaus hohe Wellen schlägt.

Erdogan: "Ich stehe hinter Mesut"

Unterstützung aus dem Ausland erhielt Özil am Dienstag vom türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. „Einen jungen Mann, der alles für die deutsche Nationalmannschaft gegeben hat, wegen seines religiösen Glaubens so rassistisch zu behandeln, ist inakzeptabel“, sagte Erdogan vor Journalisten in Ankara. Der Präsident gab an, mit Özil telefoniert zu haben. „Sie können unser gemeinsames Foto nicht hinnehmen“, sagte er mit Bezug auf ein Bild von Erdogan und Özil aus dem vergangenen Mai, für es in Deutschland viel Kritik gab. Dass der Fußballer aus Gelsenkirchen in Ankara einen Unterstützer hat, machte Erdogan zweifelsfrei klar. „Ich stehe hinter Mesut“, sagte er.

In Deutschland sind viele hochrangige Politiker von Union bis SPD besorgt über den scharfen Ton in der Debatte um Özil. Horst Seehofer (CSU), als Bundesinnenminister für Sport- und Integrationspolitik zuständig, sagte, in der Auseinandersetzung um den Fußballstar gebe es „nur Verlierer“. Viele Bundespolitiker mahnten einen zivilisierten Umgang mit dem Thema an. Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) forderte als Konsequenz aus der Affäre um den Fußballprofi Özil „eine große Wertedebatte“ in Deutschland. „Ich glaube, dass wir jetzt einfach darüber diskutieren müssen, dass unsere Gesellschaft jeden auch in seiner Andersartigkeit akzeptieren muss“, sagte er in der ARD.

Muss DFB-Chef Grindel zurücktreten?

Seine Kabinettskollegin, die Staatssekretärin für Integration in Nordrhein- Westfalen, Serap Güler (CDU), äußerte die Sorge, „dass die Mitte in dieser Debatte verlorengeht“. Özils Rückzug aus der Nationalmannschaft sei für die Integrationspolitik „ein fatales Signal“. Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe: „Es bleibt eine Aufgabe für uns alle, einzustehen für die Werte, die unser Land ausmachen: Toleranz, Vielfalt und Freiheit.“

Die Grünenpolitikerin und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth wertete Özils Rückzug als einen „Aufschrei“, der eine öffentliche Rassismus-Diskussion nach sich ziehen müsse. Grünen-Chef Robert Habeck kritisierte den Deutschen Fußballbund (DFB). Dem sei es in der Vergangenheit nicht gelungen, rassistische Anfeindungen gegen Spieler wie Özil zu stoppen. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir nannte den Umgang des DFB-Präsidenten Reinhard Grindel mit Özil „unverantwortlich“. Er könne sich nicht vorstellen, „wie der Neubeginn der Nationalmannschaft funktionieren soll mit ihm an der Spitze des DFB“.

Hans-Ludwig Meyer, Präsident des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes hingegen verteidigte die DFB-Führung: „Oliver Bierhoff und Reinhard Grindel haben sich sicherlich in der Causa Özil nicht ganz glücklich verhalten, aber einen Rassismus-Vorwurf kann man ihnen beim besten Willen nicht machen.“ Özil hatte in seiner Rücktrittserklärung Grindel rassistisches Verhalten vorgeworfen.

Kritik an Özil

Dass Özils Auftritt mit dem Autokraten Erdogan im Mai falsch war, darüber herrscht in Deutschland weitgehend Einigkeit. „Das Bild war ein Fehler“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby. „Sicher ist aber auch: Die Reaktionen im Anschluss waren durchtränkt von rassistischen Denkmustern.“ Deutliche Kritik an Özil kam auch von der Rechtsanwältin und Publizistin Seyran Ates. Das Verhalten des Fußballers sei „verlogen“, sagte sie. „Ich finde, dass er sich in Widersprüche verheddert. Er bestätigt meines Erachtens, dass er ein türkischer Rassist ist.“

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