
© dpa/Rick Rycroft
Niedersachsen ist Spitzenreiter: Bundesländer schickten 2025 Hunderte Schulschwänzer in Arrest
Einige Länder setzen bei hartnäckigem Schwänzen auf Arrest, andere verzichten weitgehend darauf – die Unterschiede sind relativ groß. Die Wirksamkeit dieser Praxis ist umstritten.
Stand:
Notorischen Schulschwänzern droht in Deutschland Jugendarrest, die letzte Sanktionsmöglichkeit vor einer Jugendstrafe. Diese Maßnahme kommt unter bestimmten Bedingungen zum Einsatz und ist zeitlich begrenzt ausgestaltet.
Einer Umfrage zufolge mussten im vergangenen Jahr in den Bundesländern insgesamt mehrere hundert Jugendliche in einen solchen Arrest, weil sie die Schule geschwänzt hatten. Dies berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).
Niedersachsen ist bundesweit Spitzenreiter. Nirgendwo sonst müssen so viele Jugendliche Schulverweigerung mit ihrer Freiheit bezahlen. Allein im ersten Halbjahr 2025 waren es dem Bericht zufolge dort 241 Schüler und 114 Schülerinnen. In den Zahlen sind aber auch Bremer Schüler enthalten, da das Land Bremen keinen eigenen Jugendarrest hat und dieser stattdessen in Niedersachsen vollzogen wird.
Dass Jugendliche wegen wiederholten Schulschwänzens für ein paar Tage ins Gefängnis müssen, ist im Prinzip eine schulpolitische und pädagogische Bankrotterklärung.
Anja Bensinger-Stolze, Chefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Hinter Niedersachsen liegt Hessen mit aktuell 48 Jugendlichen (Stand Oktober 2025). In den Jugendarrestanstalten in Baden-Württemberg waren es zum Zeitpunkt der Abfrage 33 in diesem Jahr, in Thüringen 25, in Schleswig-Holstein 14 und in Sachsen zwei „Schulverweigerer“. In Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Saarland gibt es keine aktuellen Fälle.
Bayern, Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen erheben demnach keine Zahlen zu möglichen Schulverweigerern. Das Justizministerium Sachsen-Anhalt hat nicht auf die Anfrage des RND geantwortet.
Das niedersächsische Justizministerium verteidigte die Praxis. Der Arrest für Schulabstinenzler sei ein „grundsätzlich taugliches Mittel, um auf Jugendliche einzuwirken“. Grundsätzliche fachliche Bedenken gegen das derzeitige Sanktionierungssystem bestünden nicht.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte die Praxis. „Dass Jugendliche wegen wiederholten Schulschwänzens für ein paar Tage ins Gefängnis müssen, ist im Prinzip eine schulpolitische und pädagogische Bankrotterklärung und außerdem, wie oft zu hören ist, weitgehend wirkungslos oder sogar kontraproduktiv“, sagte GEW-Anja Bensinger-Stolze dem RND.
Der Fokus müsse auf Prävention statt Intervention liegen und auf Pädagogik statt Strafe, forderte sie. „Um Schulabsentismus vorzubeugen, ist dreierlei notwendig: ein schulisches Präventionskonzept, eine Art ‚Frühwarnsystem‘ und eine individuelle Betrachtung der Ursachen“, sagte die GEW-Vorsitzende.
Die Zahl der Schulverweigerer hat in den vergangenen Jahren Experten zufolge zugenommen. Besonders betroffen sind demnach Kinder aus bildungsfernen und benachteiligten Familien. (lem)
- showPaywall:
- false
- isSubscriber:
- false
- isPaid: