• „Seit 156 Jahren keinen Fußbreit dem Faschismus“: Thüringen-Kritik der SPD-Spitze geht nach hinten los

„Seit 156 Jahren keinen Fußbreit dem Faschismus“ : Thüringen-Kritik der SPD-Spitze geht nach hinten los

Die Kampagne der SPD mag angesichts der Geschehnisse in Thüringen verständlich sein. Sie zeigt aber auch ein lückenhaftes Geschichtsverständnis. Ein Kommentar.

Die SPD kämpft seit 156 Jahren gegen den Faschismus – obwohl es ihn damals noch gar nicht gab.
Die SPD kämpft seit 156 Jahren gegen den Faschismus – obwohl es ihn damals noch gar nicht gab.Foto: Michael Kappeler/dpa

Als Reaktion auf die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen schickten die SPD-Parteivorsitzenden am Donnerstag in der Sprache der Thälmann-KPD den Spruch „Seit 156 Jahren keinen Fußbreit dem Faschismus“ in die Welt. Auf dem Brief prangte eine klassenkämpferische Faust. Ein Plakat dazu hängt jetzt auch noch am Willy-Brandt-Haus.

Schön und gut, mag man meinen. Der Kampf gegen den Faschismus ist ja wieder aktuell, wie Thüringen zeigt. Leider liegen die neuen SPD-Chefs mit ihrer Aktion daneben - wieder einmal seit Amtsantritt. Gerade sie sollten doch wissen, dass es den Faschismus vor 156 Jahren, bei Gründung der SPD, noch nicht gab. Die SPD wurde am 23. Mai 1863 gegründet – die NSDAP am 20. Februar 1920, also rund 60 Jahre später.

Stattdessen entstand die SPD gegen die Monarchie und die Ausbeutung der Arbeiterklasse. Der Faschismus erstarkte im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts; nicht zuletzt durch das Versagen der Arbeiterbewegung, die sich zwischen KPD und SPD zerstritt. Fast noch unglücklicher als die Jahreszahl ist deshalb die Faust auf dem Briefkopf. Denn es handelt sich dabei um das Rotfront-Kämpfer-Symbol der Thälmann-KPD, die die SPD als „Sozialfaschisten“ bezeichnete und lieber gemeinsame Sache mit der NSDAP im Berliner Verkehrsarbeiter-Streik machte, um die letzte SPD-Regierung in Preußen weg zu putschen.

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Bei allem Zorn über das, was in Thüringen passiert ist: Der Vorstoß von Esken und Walter-Borjans zeigt sich so als allzu platter Versuch, sich selbst zu hypnotisieren und in den mentalen Zustand der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zu versetzen. Damit erreicht die SPD die Lebenswirklichkeit der Menschen eher nicht. Wieder einmal.

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