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Schwere Kämpfe. Beim Angriff der Terrormiliz IS auf das Gefängnis der syrischen Stadt Hasaka flohen tausende Menschen. Die Gefechte dauerten mehrere Tage.
© Baderkhan Ahmad/AP/dpa
Exklusiv

Die Rückkehr der Gotteskrieger: Sicherheitsbehörden besorgt nach IS-Angriff im Nordosten Syriens

Der tagelange Sturm der Terrormiliz IS auf das Gefängnis in Hasaka hat überrascht. Nun stellt sich die Frage: Wie viele deutsche Kämpfer konnte sie befreien?

Von Frank Jansen

Der Angriff geschah weit weg von Deutschland und macht doch den Sicherheitsbehörden Sorgen. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ hat in der vergangenen Woche mit dem Sturm auf das große Gefängnis in der nordostsyrischen Großstadt Hasaka überrascht. Erst nach tagelangen Kämpfen, vor denen tausende Menschen flohen, gelang es den kurdisch dominierten „Syrian Democratic Forces“ (SDF), die Attacke abzuwehren.

Doch von den 5000 IS-Anhängern, die in dem Gefängnis eingepfercht waren, konnten wohl 200 entkommen. Das schätzt die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, eine unabhängige, gut vernetzte Organisation. „Der IS hat seine Handlungsfähigkeit demonstriert“, sagen deutsche Sicherheitskreise. Zu befürchten sei, dass auch IS-Terroristen aus der Bundesrepublik, die in Hasaka eingesperrt waren, jetzt frei sind. Und womöglich in Europa bei den nächsten Anschlagen auftauchen.

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Die deutschen Behörden versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen. Doch das ist schwer. Genaue Angaben, in welchen Gefängnissen und Lagern der SDF Dschihadisten aus Deutschland stecken, gibt es nicht.

In einer Reportage der „FAZ“ vom Dezember 2019 hieß es, in Hasaka würden der Berliner IS-Mann Mohamed Erol Y. sowie Mohamed D. aus Rheinland-Pfalz festgehalten. Vor allem Y. gilt als gefährlich. Er kannte vermutlich Anis Amri, der im Dezember 2016 mit einem gekaperten Truck in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz raste. Mohamed Erol Y. war wie Amri häufig in der Berliner Fussilet-Moschee.

Die Kurden sehen die Gefangenen als Faustpfand

Ob Mohamed Erol Y. und Mohamed D. heute noch und womöglich weitere Deutsche im Gefängnis von Hasaka sitzen, wissen die deutschen Behörden nicht. Folglich ist unklar, ob Dschihadisten aus Deutschland beim Angriff des IS-Kommandos fliehen konnten. „Die Kurden sind verschwiegen“, sagt ein Sicherheitsexperte. Sie drängten auch kaum noch, Deutschland solle gefährliche Islamisten zurücknehmen.

Die von Kurden geführte SDF, die den Nordosten Syriens beherrscht, behalte jetzt offenbar westliche IS-Leute als Faustpfand, um vom Westen nicht vergessen zu werden. Denn die Kurden seien verunsichert, seitdem Donald Trump 2019 die amerikanischen Spezialeinheiten weitgehend aus dem Nordosten abzog. Gemeinsam mit den US-Soldaten hatte die SDF den IS aus Syrien vertrieben. Immerhin kamen nun bei den Kämpfen in Hasaka amerikanische Kampfhubschrauber aus dem Irak zu Hilfe, als der IS die Kurden so massiv attackierte, wie kaum jemand erwartet hatte.

26 Gefangene aus Deutschland sind als Gefährder eingestuft

Die deutschen Behörden haben derzeit nur Kenntnis von 57 Islamisten und Islamistinnen aus Deutschland, die irgendwo im Nordosten Syriens festgehalten werden. Wie gefährlich sie sind, zeigt die Zahl von 36 Haftbefehlen, die in der Bundesrepublik vorliegen. Und 26 der 57 IS-Leute sind als Gefährder eingestuft, außerdem weitere elf als „relevante Personen“. Das sind Unterstützer von Terroristen. Aber ob das alle Gefangenen aus Deutschland sind, bleibt offen. Außerdem seien etwa 300 IS-Leute, die von der Bundesrepublik nach Syrien und Irak gereist waren, spurlos verschwunden, sagen Sicherheitskreise.

Womöglich befindet sich ein Teil der Abgetauchten in den Rückzugsgebieten des IS im irakischen Grenzgebiet zu Syrien. In diesen „Taschen“ werde die Terrormiliz von Einheimischen unterstützt, sagt ein Experte. Von dort könnten Dschihadisten nach Europa geschleust werden, um Anschläge zu verüben. Und sollte der IS die „Taschen“ zu einem größeren Gebiet ausweiten können, wäre wieder ein „Pull-Faktor“ für ausreisewillige Islamisten aus Deutschland und anderen Ländern zu befürchten.

Hinzu kommt, dass der IS seine Netzwerke in Europa reorganisiert. Ein Indiz sei der Anschlag des IS-Anhängers Kujtim Fejzulai im November 2020 in Wien, sagen Sicherheitskreise. Der junge Fanatiker mit nordmazedonischen Wurzeln hatte um sich geschossen, vier Menschen starben und 23 weitere wurden verletzt. Fejzulai, heißt es, sei in die „Balkan-Connection“ des IS eingebunden gewesen. Über die kamen einst die Attentäter, die im November 2015 in Paris ein Massaker anrichteten.

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