Streit in der Deutschen Bischofskonferenz : Wer entscheidet in der katholischen Kirche?

Papst Franziskus bestellt deutsche Kardinäle ein. Es geht um Grundsätzliches: Was eine Ortskirche ohne Rücksprache mit Rom beschließen darf.

Der Vorgang hat Reinhard Marx und die meisten der deutschen Bischöfe geschwächt und den Graben zu den konservativen Konkurrenten vertieft.
Der Vorgang hat Reinhard Marx und die meisten der deutschen Bischöfe geschwächt und den Graben zu den konservativen Konkurrenten...Foto: picture alliance /dpa/Sven Hoppe

Mehr als 40 Prozent der Christen in Deutschland leben in einer Ehe mit einem Partner aus einer anderen Konfession. Es kommt nicht selten vor, dass zum Beispiel der Vater und die Kinder katholisch sind und die Mutter evangelisch ist. Immer wenn der Vater und die Kinder sonntags in der katholischen Messe zur Kommunion nach vorne gehen, muss die Mutter in der Kirchenbank sitzen bleiben. Denn nach der katholischen Lehre darf ein katholischer Priester die Kommunion nur an Katholiken austeilen. Viele Paare empfinden das als Zumutung. Viele Priester sehen das auch so und setzen sich stillschweigend über die Bestimmung hinweg.

Viele katholische Bischöfe in Deutschland wollen den evangelischen Ehepartnern den Kommunionempfang nun auch offiziell ermöglichen, zwar nur in Einzelfällen und unter ganz bestimmten Voraussetzungen, aber immerhin. Im Februar verabschiedeten sie mit Zweidrittelmehrheit eine entsprechende „pastorale Handreichung“. Noch im April wollte der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, das Papier veröffentlichen. Doch daraus wird erst mal nichts.

Ende März scherten sieben Bischöfe unter Federführung des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki ohne Rücksprache mit Marx aus dem Mehrheitsbeschluss aus und wandten sich mit einem dreiseitigen Brief an den Vatikan. Sie baten „um Klärung“ und „Hilfe“, da sie bezweifeln, dass es sich bei dem Thema nur um eine seelsorgerliche Fragestellung handelt. Vielmehr seien „der Glaube der Kirche und ihre Einheit grundsätzlich angefragt“. Rom solle entscheiden, ob es „einer einzelnen nationalen Bischofskonferenz überhaupt möglich ist, ohne Rückbindung und Einbindung in die Universalkirche in einer solchen, den Glauben und die Praxis der ganzen Kirche betreffenden Frage eine isolierte, nur ein bestimmtes Sprachgebiet betreffende Entscheidung zu fällen“.

Bischöfe aus Magdeburg, Speyer und Münster einbestellt

Einen Konsens hinterrücks aufzukündigen und sich bei den Chefs über die Kollegen zu beschweren, ist keine feine Art. Beobachter fühlen sich an den Streit um die Schwangerenkonfliktberatung in den 90er Jahren erinnert, als der mittlerweile verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner gegen die Bischofskonferenz in Rom intervenierte. Kardinal Marx verteidigte die Handreichung: Er sehe die theologische und kirchenrechtliche „Rückbindung mit der Universalkirche als klar gegeben“ an. Er war entschlossen, die Sache trotz des Beschwerdebriefs durchzuziehen.

Doch wenige Tage später schaltete sich Papst Franziskus ein und bestellte die Kardinäle Marx und Woelki für Mai nach Rom ein. Auch der Münsteraner Bischof soll beim Gespräch im Mai dabei sein. Er hatte zwischen Kritikern und Befürwortern zu vermitteln versucht. Zur Delegation gehören außerdem die Bischöfe von Magdeburg und Speyer, der eine sitzt der Ökumene-Kommission der Bischofskonferenz vor, der andere der Glaubenskommission. Die beiden hatten das Dokument vorangetrieben. Dass sich Franziskus höchstpersönlich einmischt, ist ungewöhnlich. Bei Kontroversen um seine eigenen Lehrschreiben schweigt er beharrlich. Warum reagiert er jetzt? Liegt ihm das Verhältnis zu den Evangelischen so am Herzen? Gehen ihm die Pläne der Deutschen zu weit?

Franziskus hatte die Nationalkirchen ermuntert, sich nicht bei allem rückzuversichern

In seiner Programmschrift „Evangelii Gaudium“ hatte er selbst eine „heilsame Dezentralisierung“ angekündigt und die Nationalkirchen mehrfach ermuntert, sich nicht bei allem in Rom rückzuversichern. Auch hat er immer wieder betont, wie sehr es bei kirchenrechtlich heiklen Fragen auf das Gewissen des Einzelnen ankomme – gerade auch, wenn Evangelische mit ihren katholischen Ehepartnern gemeinsam Eucharistie feiern wollen. 2015 hatte er die lutherische Christuskirche in Rom besucht und einem Paar geraten: „Sprecht mit Gott und geht voran.“ Das Leben sei größer als Deutungen und Erklärungen.

In seinem Lehrschreiben „Amoris Laetitia“ legte er 2016 den Bischöfen nahe, bei schwierigen Fragen seelsorgerliche Einzelfalllösungen zu suchen, statt auf übergreifende Richtlinien zu setzen. „Nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen müssen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden“, schrieb er. War das alles doch nicht so ernst gemeint? Genau diesen Weg versuchen ja Marx und die Mehrheit der Bischöfe mit der Handreichung.

Im Vatikan wird getuschelt, dass Franziskus das Anliegen der deutschen Protestantenfreunde grundsätzlich unterstütze. Auch der Sprecher der Bischofskonferenz betont, dass die Handreichung keinesfalls in Rom abgelehnt worden sei, wie konservative Kreise zunächst behauptet hatten. Das anberaumte Gespräch solle der „vertieften Klärung“ dienen. Gut möglich, dass Franziskus seine Besucher bitten wird, das Thema noch einmal neu zu durchdenken und mit der Veröffentlichung zu warten, denn das Papier kommt für ihn zur Unzeit. Papst Franziskus steht unter Druck.

Er hat sich zwar offene Debatten gewünscht – weil das die Kirche brüderlicher mache. Doch in einem System, das den Zusammenhalt stark über Hierarchien, Abgrenzungen und auf Ewigkeit angelegte Verbote definiert, führt Franziskus‘ Denken in Prozessen zu großer Verunsicherung und dazu, dass die alten Gräben eher noch tiefer geworden sind. Denn nicht nur die Reformfreudigen äußern sich jetzt offener, sondern auch die Widerständigen, die die Rechtgläubigkeit für sich reklamieren.

Bei ihnen hat sich der Eindruck verfestigt, unter Franziskus sei alles möglich und die Wahrheit komme zunehmend unter die Räder des Zeitgeistes. Der Wind, den Franziskus gesät hat, um die Kirche durchzulüften, bläst ihm kalt ins Gesicht. In der Diskussion um „Amoris Laetitia“ stellten hochrangige Kardinäle öffentlich seine Autorität infrage. So etwas hat es noch nie gegeben.

Weitere heikle Themen warten. Wegen des dramatischen Priestermangels wird sich der Papst bald dazu verhalten müssen, ob verheiratete Männer priesterliche Aufgaben übernehmen können. Auch die Debatte um die Rolle der Frauen in der Kirche hat an Fahrt gewonnen. Nicht zuletzt will Franziskus die Kurie umstrukturieren, aber auch da bremsen ihn seine Widersacher immer wieder aus. Wahrscheinlich kommt ihm da ein Papier aus Deutschland ungelegen, das zwar von außen betrachtet nur minimale, aber dennoch handfeste Zugeständnisse an die Evangelischen vorsieht. Zumal Roms Verhältnis zu den deutschen Amtsbrüdern schon immer angespannt war, das zur evangelischen Kirche sowieso. Die deutschen Kollegen gelten als tendenziell renitent, zu offen, letztlich zu protestantisch. Zur großen Freude vieler hat der Papst zwar im Oktober 2016 beim Auftakt zum 500. Reformationsjubiläum im schwedischen Lund mitgewirkt. Doch aus heutiger Sicht fällt auf, wie sehr er damals alle kritischen Fragen wegumarmte. Nicht einmal den Status einer Kirche mochte er den Protestanten zuerkennen und sprach von „kirchlicher Gemeinschaft“. Auch sonst sind sich die Kirchen substanziell, theologisch nicht näher gekommen – den vielen freundschaftlichen Begegnungen und symbolischen Handlungen zum Trotz.

Vielleicht hat Kardinal Marx all dies unterschätzt, vielleicht haben er und andere Bischöfe sich zu sehr mitreißen lassen von der Feststimmung 2017. Sollte Marx die Zurückhaltung von Papst Franziskus entgangen sein? Marx, der Teil des neunköpfigen Kardinalrats ist, der den Papst bei der Kurienreform berät und gerne in Andeutungen schwelgt über seine guten Kontakte? Hat er unterschätzt, dass auch die konservativen Konkurrenten in Rom mächtige Papstflüsterer haben?

Weltweit haben 21 Bischofskonferenzen eigene Dekrete dazu verabschiedet

Die Deutschen sind nicht die Ersten, die die Regelungen für den Kommunionempfang von nichtkatholischen Ehepartnern neu auslegen. Weltweit haben 21 Bischofskonferenzen eigene Dekrete dazu verabschiedet – alle mit Zustimmung Roms. Denn das Kirchenrecht sieht eine Ausnahmeklausel vor: Es muss eine „schwerwiegende geistliche Notlage“ bestehen und kein Pfarrer der eigenen Konfession in der Nähe sein. Die Kirchenjuristen dachten dabei an Todesgefahr, doch Papst Johannes Paul II. hat die Bischöfe ermutigt, falls nötig, neue Interpretationen vorzunehmen.

Die Katholische Nachrichtenagentur hat recherchiert, dass die meisten der 21 Bischofskonferenzen aber lediglich unterstreichen, dass der Ortsbischof zu entscheiden hat, was eine schwere Notlage ist, so etwa in Bolivien, Ghana, Indien, Nigeria, Paraguay und auf den Philippinen. Panama betont, es könne nur um seltene Einzelfälle gehen; die Argentinische Bischofskonferenz verlangt von nichtkatholischen Kommunionempfängern „wenn möglich, ein ausdrückliches Bekenntnis des katholischen Glaubens“ und konkretisiert die Notlage: Es kann sich um einen Unfall oder eine Katastrophe, Haft, Verfolgung oder eine „schwere geistliche Not aufgrund von Migration oder Diaspora“ handeln.

Lediglich die Chinesen formulieren weicher: „Wenn der Diözesanbischof die Notwendigkeit sieht, kann er eine entsprechende Erlaubnis geben.“ Es gibt also durchaus Spielräume, doch kein Dekret lässt sich auf Deutschland übertragen. Denn überall geht es um Ausnahmesituationen und nirgendwo um die regelmäßige Teilnahme eines nichtkatholischen Ehepartners an der Kommunion. Es war ein Fehler, dass offenbar keiner der deutschen Bischöfe, die seit einem Jahr an der Handreichung arbeiten, den Kollegen in Rom die Entwürfe gezeigt hat.

Der für die Ökumene im Vatikan zuständige Kardinal Koch soll sich seit Monaten darüber gewundert haben, dass ihn keiner zurate zieht. Beobachter gehen davon aus, dass Franziskus Kardinal Marx jetzt nicht im Regen stehen lässt und vermittelnd auftreten wird. Wenn er ein guter Pontifex ist, wird er Formulierungen finden, die beide Seiten das Gesicht wahren lässt.

Vorsitzende der Bischofskonferenz ohne Weisungsbefugnis gegenüber Bischöfen

Aber der Vorgang hat Marx und die Mehrheit der deutschen Bischöfe geschwächt und den Graben zu den konservativen Konkurrenten vertieft. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz hat keine Weisungsbefugnis gegenüber den Bischofskollegen, er ist nur so stark, wie sein Talent groß ist, möglichst viele einzubinden. Auch Marx‘ Hausmacht in Bayern bröckelt. Fünf der sieben Bischöfe, die an ihm vorbei den Beschwerdebrief nach Rom geschickt haben, sind bayerische Bischöfe, denen es offenbar egal ist, ob sie den Vorsitzenden der Bayerischen Bischofskonferenz brüskieren. Sie sind in theologischer Hinsicht konservativer als Marx, denn Papst Benedikt XVI. hat in seiner Amtszeit in Bayern gezielt eine Gegenmacht zur traditionell reformfreudigeren Mehrheit in der Bischofskonferenz aufgebaut. Vielleicht war der Brief nach Rom für manchen auch einfach eine Gelegenheit, sich bei Marx für sein dominantes, nicht immer feinfühliges Regieren zu bedanken.

Der Kölner Kardinal Woelki, der Chef des größten und weltweit reichsten Bistums, geht gestärkt aus der Debatte hervor. Er hat erreicht, dass die Handreichung womöglich für lange Zeit in der Schublade verschwindet. Vielleicht steuert die franziskustrunkene katholische Kirche in Deutschland auch gerade auf ihren ersten großen Konflikt mit Rom zu – nicht nur, weil die maßgeblichen Bischöfe die Sache ungeschickt eingefädelt haben, sondern auch, weil sie die Größe und Signalwirkung des Themas unterschätzt haben. Deutschland mit 40 Prozent konfessionsverbindenden Ehen ist eben nicht Paraguay, und es geht nicht um lebensbedrohliche Überschwemmungen, sondern letztlich um das reguläre Hinzutreten von evangelischen Christen zur katholischen Kommunion. Wenn sie an dem Thema weiterarbeiten wollen, werden die deutschen Bischöfe wohl nicht umhin kommen, diese reguläre Situation theologisch neu zu durchdenken und das große Rad zu drehen. Die typisch katholische Schlupflochtaktik, mit der man eine bereits bestehende Ausnahmeklausel zu weiten versucht, war diesmal vielleicht der falsche Ansatz. Käme von Franziskus ein Nein, könnten die deutschen Bischöfe nicht mal mehr das dulden, was jetzt flächendeckende Praxis ist: dass die Pfarrer die Kommunion austeilen, ohne groß zu fragen. Dann hätten sie mit ihrem gut gemeinten, doch dilettantischen Vorstoß sogar eine Rolle rückwärts bewirkt.

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