• Studie über Frauen mit prekären Einkommen: Lebensentwürfe weichen stark von der Realität ab
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Studie über Frauen mit prekären Einkommen : Lebensentwürfe weichen stark von der Realität ab

Keine Finanzsorgen und mehr Zeit für die Familie – das wünschen sich viele Frauen mit geringen Einkommen. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus.

Cordula Eubel
Zu wenig Zeit für Familie und Freunde
Zu wenig Zeit für Familie und FreundeFoto: Patrick Pleul/dpa

Finanzielle Sorgen, ein unsicherer Arbeitsplatz, keine angemessene Bezahlung: Bei Frauen mit geringen Einkommen weichen die Lebensentwürfe in wirtschaftlicher Hinsicht oft stark von der Lebensrealität ab. Das geht aus einer Studie der "Friedrich-Ebert-Stiftung" hervor, für die rund 2000 Frauen in Ost- und Westdeutschland befragt wurden. Aber auch in anderen Bereichen klaffen Wunsch und Wirklichkeit häufig auseinander: "In sozialer Hinsicht kämpfen die Befragten hauptsächlich mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und den zahlreichen hohen Erwartungen, die sie an sich selbst und das soziale Umfeld an sie stellen", heißt es in der Untersuchung, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Um prekäre Einkommen zu definieren, zogen die Studienautoren die in der EU übliche Definition heran: Danach gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat.

Laut der Befragung ist es fast allen Frauen (90 Prozent) wichtig, keine finanziellen Sorgen zu haben. Aber nur jede fünfte Frau (21 Prozent) fühlt sich tatsächlich finanziell abgesichert. Vielen Frauen wären eine angemessene Entlohnung (80 Prozent) und eine sichere Arbeitsstelle (76 Prozent) wichtig, doch auch hier werden die Wunschvorstellungen oft nicht erfüllt.

So hält nur jede vierte befragte Frau (25 Prozent) ihre Entlohnung für angemessen, und weniger als die Hälfte der Frauen (45 Prozent) hält ihren Job für sicher. Viele Frauen haben selbst schon finanzielle Notlagen erlebt - sei es, dass sie auf Hartz IV angewiesen waren oder verschuldet sind. Knapp jede Fünfte hatte schon einmal nicht mehr genügend Geld, um Lebensmittel zu kaufen und war auf Hilfe angewiesen, um die eigene Familie ernähren zu können. Etwa jede zehnte Befragte (12 Prozent) konnte in der Vergangenheit zeitweise die Miete nicht zahlen. Ginge es nach ihren Idealvorstellungen, dann rangiert bei vielen der befragten Frauen (79 Prozent) Zeit für Familie und Freundschaften ganz oben, gefolgt von einem Ausgleich zwischen Beruf und Familie (77 Prozent). Auch hier gibt es erhebliche Lücken zur Lebensrealität: Nicht einmal die Hälfte der Frauen gibt an, genügend Zeit für Familie und Freunde zu haben (46 Prozent), ebenso sieht es bei der Vereinbarkeit aus (45 Prozent).

Zeit für die Familie werde unter anderem durch lange Arbeitszeiten oder Schichtarbeit erschwert, heißt es in der Studie. Hinzu kommt das "Gender Care Gap": So wenden Frauen üblicherweise mehr Zeit für Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder den Haushalt auf. Viele der befragten Mütter sehen sich vor dem Dilemma, entweder Vollzeit zu arbeiten und dadurch mehr finanzielle Sicherheit zu haben - oder in Teilzeit zu gehen und mehr Zeit für die Familie zu haben.

Mitten im Verteilungskampf auf dem Arbeitsmarkt

In der Studie werfen die Autoren außerdem die Frage auf, welchen Einfluss die Lebenssituation auf das Wahlverhalten hat. Frauen in prekären Einkommenslagen zweifelten an der Glaubwürdigkeit von Politikern und Parteien und seien politikverdrossen, stellen die Autoren fest. Dass sie deshalb zur Wahl der AfD neigten, habe sich bei den befragten Frauen jedoch nicht bestätigt. "Trotz der kritischen Wahrnehmung etablierter Prozesse wandern diese Frauen nicht zwangsläufig zu populistischen Parteigruppierungen ab", heißt es. So gab knapp jede zweite Frau an, die größte Antipathie gegenüber der AfD zu empfinden.

Viele verorteten sich selbst eher in der politischen Mitte. Dennoch teilten etliche Frauen so manche rechtspopulistische Überzeugung, heißt es weiter. So war mehr als jede Zweite überzeugt, das Migranten staatliche Unterstützung schneller bekämen, während sie selbst stärker darum kämpfen müsste. Jede Vierte dachte, dass Jobs in Gefahr seien, weil Migranten bereit seien, für weniger Geld zu arbeiten. "Frauen in prekären Einkommenslagen befinden sich hiernach augenscheinlich mitten im Verteilungskampf auf dem Arbeitsmarkt (um vergleichsweise schlecht bezahlte Arbeitsplätze) und im Wettbewerb um sozialstaatliche Ressourcen", stellen die Autoren fest.

Viele Frauen halten es laut der Studie für wichtig, dass die Politik sich für die Belange von Frauen und Familien einsetzt. Doch viele Maßnahmen sind den Betroffenen nicht bekannt, so weiß beispielsweise nur jede Vierte vom Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende. Viele Mütter empfinden es außerdem als aufwändig, sich einen Überblick über die einzelnen Maßnahmen zu verschaffen. Letztlich führe das dazu, dass sie "die tatsächlichen Ansprüche auf staatliche Leistungen oftmals nicht kennen", heißt es weiter.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Befragt nach den eigenen Wünschen an die Politik rangiert bei den Frauen die Forderung nach gleichem Lohn für Frauen und Männer für gleiche Arbeit ganz weit oben (82 Prozent). Eine Grundrente für Bedürftigkeitsprüfung unterstützt ebenfalls eine Mehrheit der Befragten (64 Prozent) - wohl auch, weil die Furcht vor Altersarmut in dieser Personengruppe ausgeprägt ist. Eine Aufwertung sozialer Berufe fände jede Zweite (52 Prozent) wichtig, 46 Prozent der Befragten sprechen sich für einen Abbau von Minijobs und den Kampf gegen Missbrauch aus.

Empfehlungen an die Politik haben die Autoren der Studie gleich mehrere: So brauche es "soziale Sicherungsnetze für besondere biografische Wendepunkte" - etwa beim Beginn der Mutterschaft, dem Wiedereintritts ins Berufsleben nach einer Elternzeit oder beim Ende einer Partnerschaft. Außerdem sei eine Arbeitskultur mit flexiblen Arbeitszeitmodellen notwendig, die Teilzeit ebenso wie Vollzeit ermögliche. Und auch wenn es bundesweit für Kinder ab einem Jahr einen Rechtsanspruch auf eine Kinderbetreuung gebe, fehlten in der Praxis immer noch Kita-Plätze. Nicht zuletzt müsse die Politik über bestehende Leistungen besser informieren und die praktischen Hürden verringern, um diese Leistungen zu bekommen.

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