Weltflüchtlingstag : Hinter der Statistik steckt eine humanitäre Krise

Statistiken über Flucht sind wichtig als Perspektive auf die weltweite Lage der Vertreibungen. Doch alleine sind sie ein schlechter Ratgeber. Ein Gastbeitrag.

J. Olaf Kleist
Auch sie zählen mit: Kinder in einem von der UN betreuten Flüchtlingscamp für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge im Nordirak.
Auch sie zählen mit: Kinder in einem von der UN betreuten Flüchtlingscamp für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge im Nordirak.Foto: imago images / snapshot

J. Olaf Kleist ist Politikwissenschaftler am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück sowie am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), Berlin.

Zum Weltflüchtlingstag an diesem Donnerstag publiziert des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) aktuelle Daten über die weltweite Lage gewaltsam Vertriebener: Mehr als 70 Millionen Menschen sind direkt betroffen. Inzwischen hat man sich fast daran gewöhnt, dass Jahr um Jahr ein neuer Höchststand berichtet wird. Die vielen Millionen Schicksale bleiben aber abstrakt und ungreifbar.

Dabei ist die Gewöhnung vielleicht eine Resignation, die weniger vermeintlich hohen Zahlen geschuldet ist, als vielmehr der Paradoxie hinter den nackten Ziffern. Von den 70 Millionen sind knapp über 20 Millionen Flüchtlinge, also Vertriebene, die ihr Herkunftsland verlassen und nationale Grenzen überschritten haben. Diese machen weniger als 0,3 Prozent der Weltbevölkerung aus.

Selbst wenn alle Flüchtlinge weltweit zusammen in der EU leben würden, wären sie weniger als vier Prozent der Bevölkerung. Trotz ihrer eigentlich geringen Anzahl sind international Geflüchtete oft in unlösbaren Umständen gefangen, denen Politik und Gesellschaften ratlos bis abwehrend gegenüber stehen.

Flüchtlinge sind Objekte der Politik

UNHCR-Statistiken sind zweifelsohne wichtig. Sie helfen uns, Trends und Bedarfe für den Schutz von Vertriebenen zu erkennen. Sie machen etwa deutlich, dass die Flucht nur in den wenigsten Fällen bis nach Europa reicht. Wer flieht, bleibt in der Regel in der Herkunftsregion, meist sogar im eigenen Land. Dies hat viele Gründe: Freunde, Familie und Kultur, die Hoffnung zurück zu kehren und ein Mangel an Ressourcen, weiter zu migrieren.

Auf diese Flüchtlinge zielt etwa die europäische Politik der Fluchtursachenbekämpfung, wenn auch mit einiger Unschärfe: Einerseits sollen durch Schutz und Entwicklungsförderung in Herkunftsregionen Bedingungen geschaffen werden, die eine fortgesetzte Flucht unnötig machen. Andererseits wird irreguläre Migration unterbunden, auf die Flüchtende angewiesen sind, wollen sie Gewalt und Gefahren entkommen. In beiden Varianten sind Flüchtlinge als Objekte der Politik scheinbar kalkulierbare und manipulierbare Datenpunkte.

Grundlage solcher Politik sind Statistiken, die uns mit Flüchtlingen als Daten einen universalen Blick auf Flucht bieten. So können wir uns als Teil einer weltweiten Gesellschaft mit Vertriebenen überall in Beziehung setzten – oder eine kategoriale Trennung zwischen uns und den Brennpunkten der globalen Fluchtsituationen ziehen.

Zahlen sind mehr als dürre Information

Ob wir in der Flucht Anderer eine Verpflichtung zu helfen oder eine Bedrohung sehen, darauf geben uns Zahlen keine Antwort. Doch sie rahmen und beeinflussen unser Handeln gegenüber flüchtlingspolitischen Herausforderungen, die sie eigentlich nur beschreiben sollen.

Was sagen uns Statistiken über unsere Verantwortung gegenüber zehntausenden Flüchtlingen in Libyen, mehreren tausend Asylsuchenden in menschenunwürdigen Lagern auf griechischen Inseln, hunderten in Flüchtlingsunterkünften in unserer Stadt oder gegenüber dem neuen Nachbarn mit Fluchthintergrund? Kapazitäten, Kosten und Kalkulationen sind ohne Frage politisch wichtig, doch sie brauchen einen Maßstab, um unserem Handeln eine Richtung zuzuweisen.

Was statistisch sachlich scheint, hat erst mit Werten, Ethik oder Moral eine Dimensionen, durch die wir uns mit den Umständen von Flucht und Geflüchteten in Beziehung setzen können. Nicht Zahlen, sondern menschenrechtliche und politisch-solidarische Normen erlauben uns, die Situationen in Libyen und Griechenland zu verstehen; zivilgesellschaftliche oder nachbarschaftliche Kriterien legen uns Verantwortung im Lokalen auf.

Statistiken sind dabei nicht einfach Ergänzung, sie können einer angemessenen Lösung sogar im Wege stehen. So wie ein Hammer in der Hand dazu verleitet, in jedem Problem einen Nagel zu sehen, so führt die Quantifizierung von Problemen zum Wunsch, sie durch die Verringerung der Menge lösen zu wollen.

Flucht ist eine Lösungsstrategie

Sprechen wir angesichts von Flüchtlingszahlen von einer Flüchtlingskrise, so liegt es nahe, die Zahl der Flüchtlinge senken zu wollen, anstatt mit Blick auf eine humanitäre Krise zu fragen, wie den Betroffenen geholfen werden könnte. Dies gilt auch in der Innenpolitik, wenn anstelle von rechtsstaatlichen Verpflichtungen gegenüber Einzelnen unklare Statistiken über Ausreisepflichtige als Begründung für fragwürdige Gesetzesverschärfungen dienen. Grenzen und Abschiebungen sind der Hammer der statistikbasierten Flüchtlingspolitik.

Was wir am Weltflüchtlingstag nicht vergessen dürfen, ist dass Flüchtlinge nicht einfach Daten sondern Menschen sind, und dass Flucht nicht das Problem sondern eine Lösungsstrategie ist. Wir können Kriege, Konflikte und Notlagen, vor denen Betroffene fliehen nicht abschaffen. Fluchtgründe werden mit Klimawandel und ideologischen Verhärtungen eher noch zunehmen.

Das Ziel darf daher nicht sein, die Zahl der Flüchtlinge zu reduzieren, sondern für den konkreten Fall passenden Schutz zu finden. Wir können dabei nicht ignorieren, dass es sich um viele Millionen Fälle handelt, aber ein Flüchtlingsschutz ergibt sich nicht aus abstrakten Zahlen, sondern aus dem Normativen im Konkreten.

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