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Homepage: Alles Utopie?

Das 12. Potsdamer Doktorandenforum für Zeitgeschichte diskutierte das Spannungsverhältnis zwischen Utopie und Alltag

Die Vorstellung einer besseren Welt, der Gedanke daran, dass es Zeiten oder Orte gibt, an denen das Ideal einer perfekten Gesellschaft realisierbar wird, begleitet das Nachdenken über menschliches Leben schon seit der Antike. Der englische Humanist Thomas Morus griff dieses Motiv im frühen 16. Jahrhundert auf und schilderte in seinem gleichnamigen Roman die Existenz einer frühdemokratischen Gesellschaft auf der fernen Insel „Utopia“ – der Nicht-Ort.

Seit seiner ersten Erwähnung in Morus’ literarischer Darstellung bis hin zum Scheitern der großen Utopien im 20. Jahrhundert hat der Begriff des Utopischen eine erstaunliche Karriere hingelegt. Begleitet wurde er dabei oft, wenn auch nicht immer sofort ersichtlich, vom Begriff des Alltags. Denn Utopien sind meistens Verneinungen der alltäglichen Wirklichkeit, zu der sie einen Gegenentwurf bilden wollen. Gleichzeitig werden sie aber auch herausgefordert durch alltägliche Erfahrungen, die manchmal unvereinbar mit den utopischen Zielvorstellungen scheinen. Am Alltag misst sich also auch die Machbarkeit einer Utopie.

Diesem widersprüchlichen Spannungsverhältnis zwischen Utopie und Alltag widmete sich das „Potsdamer Doktorandenforum für Zeitgeschichte“, das in diesem Frühjahr zum zwölften Mal am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam stattfand. Traditionell wählten die Doktoranden das Thema der Tagung selbst aus. Die diesjährigen Organisatoren Julia Erdogan, Thomas Kasper und Stefanie Senger beschäftigen sich in ihren Arbeiten mit Themen wie der Computerisierung in Ost- und Westdeutschland oder der Geschichte sozialer Bewegungen in Lateinamerika. Bereiche also, die viel utopisches Potenzial in sich bergen. Auch ZZF-Direktor Frank Bösch sah durchaus Verbindungen zu Geschichte und Forschungsschwerpunkt des Instituts gegeben: „Dieses Haus ist gewissermaßen aus dem Scheitern einer Utopie entstanden“, sagte er mit Blick auf die Gründung des ZZF in der Nachwendezeit und die Abwicklung der DDR-Wissenschaft.

Bereits in der Key-Note des renommierten Bochumer Historikers und Experten der Utopie-Forschung Lucian Hölscher wurde aber auch deutlich, mit welchen Schwierigkeiten ein solches Thema konfrontiert ist, denn der Begriff der Utopie wurde in seiner wechselvollen Geschichte sehr unterschiedlich gebraucht. Aus dem Bereich der Literatur stammend entwickelte er sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem zentralen Schlagwort der politisch-sozialen Sprache, das – je nach Standpunkt – positiv oder negativ gemeint sein kann. Denn ob Utopien Wunschträume jenseits aller politischer Machbarkeit oder aber die „Realitäten von morgen“ sind, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Die Beziehung zwischen Utopie und Alltag unterliegt dabei, Hölscher zufolge, einem höchst dialektischen Verhältnis zwischen Entfremdung und Versöhnung. Während einige Utopien, wie das bürgerliche Familienglück oder die moderne Konsumwelt, den Alltag durchdringen, versuchen andere, eine gegenweltliche Praxis zu etablieren.

Entsprechend breit war auch die Palette der Ansätze, die die knapp 15 Nachwuchswissenschaftler präsentierten: Nina Rismal von der Universität Cambridge widmete sich dem politischen Potenzial utopischer Literatur am Beispiel vom Herbert Marcuses „Eros und Zivilisation“. Im Gegensatz zu Adornos Kritik an der Utopie als „gefährliche transformative Praxis“ plädierte sie für einen positiven Utopiebegriff und verwies auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Problematiken der utopischen Literatur und der sozialen Realität. Die Lösung von Problemen in der Literatur animiert uns, so Rismal, auch im Alltag aktiv zu werden. Der Kunsthistoriker Oliver Sukrow aus München präsentierte seine Ergebnisse zur Beziehung zwischen utopischem Denken der DDR-Kunst und Architektur in den 60er-Jahren. Dieses „utopische Jahrzehnt“ habe sich vor allem durch eine enorme Fortschrittseuphorie ausgezeichnet, die spätestens mit dem Machtwechsel Ulbricht-Honecker beendet gewesen sei, was sich auch an einem Wechsel der Kulturpolitik ablesen ließe.

„Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das noch eine Utopie ist“, dieser Satz schwebte als übergreifende Klammer über allen Vorträgen. Denn obwohl jeder der Beiträge sicherlich interessante Annäherungsweisen an das Thema gab, blieb das Problem der unscharfen Begriffsabgrenzung, das schon zu Beginn skizziert worden war, bestehen. So endete das Treffen mit allgemeiner Skepsis über die inflationäre Verwendung des Utopiebegriffs und einem Appell, auch im utopischen Denken den Kontakt zur Realität nicht zu verlieren. Jakob Mühle

Jakob Mühle

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