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Übergabe des Denkmals der Potsdamer Demokratiebewegung am 4. November 2021 im Dauerregen. 
© Andreas Klaer

Demokratie-Denkmal in Potsdam eingeweiht: Als die Angst die Seiten wechselte

Auf dem Luisenplatz erinnert jetzt ein Denkmal an die Bürgerbewegung der Friedlichen Revolution. Viele Momente bei der Übergabe an die Öffentlichkeit sorgten für Gänsehaut.

Von Carsten Holm

Potsdam - Es war ein großer, ein historischer Augenblick am Donnerstag auf dem Luisenplatz: Es war schon dunkel um halb sechs, Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) hatte trotz andauernden Regens mehr als 80 Gäste begrüßt und die örtliche Bürgerbewegung von 1989 gewürdigt, als es geschah. Kunststofffolien wurden zur Seite gezogen, und zum Vorschein kam eine zwei Meter breite und zehn Meter lange gusseiserne Platte. Darauf prangten die Losungen, die vor 32 Jahren während der größten Potsdamer Demonstration für die Bürgerrechte auf Transparenten und Plakaten standen. Mikos Meininger, der Schöpfer des Denkmals, hat die Buchstaben mit phosphoreszierendem Kunstharz gefüllt, orangefarben sollen sie nun immer strahlen, wenn es Nacht wird am Luisenplatz.

Fast immer. An Tagen wie Donnerstag kann der ganztägig wolkenverhangene Himmel verhindern, dass die Buchstaben stärker leuchten. Sie hatten nicht genügend Tageslicht speichern können, aber immerhin waren die Texte gut lesbar: Parolen wie „Visafrei bis Hawaii“ und „Freie Wahlen – wahre Zahlen“.

Der Fotograf Klaus Fahlbusch (2.v.r.) und Denkmal-Erschaffer Mikos Meininger (3.v.r.) übergaben an Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD, r.) und Kultur-Fachbereichsleiterin Birgit-Katharine Seemann ein Foto der Demonstration vom 4. November 1989.
Der Fotograf Klaus Fahlbusch (2.v.r.) und Denkmal-Erschaffer Mikos Meininger (3.v.r.) übergaben an Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD, r.) und Kultur-Fachbereichsleiterin Birgit-Katharine Seemann ein Foto der Demonstration vom 4. November 1989.
© Andreas Klaer

Es gab eine Fülle von Gänsehaut-Momenten während dieser Übergabe des von der Stadt mit rund 120 000 Euro finanzierten Denkmals an die Öffentlichkeit. Nicht nur den Bürgerrechtlern, die am 4. November 1989 auf den damaligen Platz der Nationen gekommen waren, ging es nahe, als aus Lautsprechern historische Tonbandaufnahmen jenes Tages ertönten.

"Das hat mich nie wieder losgelassen"

Der pensionierte Pfarrer Hans-Joachim Schalinski etwa war einer der Ersten vor der kleinen Bühne. Er hatte sich als furchtlos hervorgetan, als er immer wieder den Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 anprangerte. Nun stand er da und hörte sich selbst zu. Vom Balkon der Pfarrersfamilie Stappenbeck hatte er den Massen auf dem Platz zugerufen: „Darum könnten wir gemeinsam jetzt miteinander rufen: Keine Diktatur! Schluss mit der Zensur!“ Fünfmal in Folge. Und Zehntausende unter ihm stimmten ein. „Jetzt kommt das alles wieder hoch“, sagte Schalinski den PNN, als er die Tonbandaufnahmen hörte, „das war der stärkste Tag in meinem Leben, das hat mich nie wieder losgelassen.“

Zeitzeuge Hans-Joachim Schalinski am Rednerpult auf dem Luisenplatz.
Zeitzeuge Hans-Joachim Schalinski am Rednerpult auf dem Luisenplatz.
© Andreas Klaer

Oberbürgermeister Schubert würdigte die Arbeit aller, die das Denkmal verwirklicht hatten, insbesondere den Künstler Meininger und die Initiatorin Heike Roth. Er erinnerte an Forderungen der Bürgerrechtler wie ein neues Wahlgesetz und Neuwahlen sowie Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Aus dem Aufbruch weniger Mutiger sei eine friedliche Revolution herangewachsen: „Es war der Übergang vom Untertanen zum mündigen Bürger.“ In den Tagen und Wochen zuvor hätten die Machthaber auch in Potsdam noch „brutal durchgegriffen“. Doch die Bürgerrechtler hätten sich das Heft des Handelns nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Die Folge: „Die Angst wechselte die Seiten.“

Das Denkmal, so Schubert weiter, vereine Vergangenheit und Gegenwart in beeindruckender Weise. Im Schriftzug auf der gusseisernen Platte seien das Datum des 4.11.89 ebenso eingelassen wie mehr als 100 originale Fußabdrücke von Demonstranten: „Das Denkmal transportiert den Spirit von damals ins Heute.“

"Ein Hingucker und zum Nachdenken"

Die Bürgerrechtler jener Zeit sind begeistert. „Das Denkmal berührt mich“, sagte die Seelsorgerin Annette Flade, die mit ihrem Mann Stephan Flade inzwischen in Wittenberge in der Prignitz lebt. Dem Fotografen Bernd Blumrich gefällt, „dass Meiningers Werk sachlich geblieben ist und nicht überdimensioniert“ wurde: „Wir hatten ja auch nicht vor, uns mit großen Denkmälern zu beweihräuchern.“

Mikos Meininger bei der Arbeit am von ihm entworfenen Demokratiedenkmal.
Mikos Meininger bei der Arbeit am von ihm entworfenen Demokratiedenkmal.
© Ottmar Winter

Volker Wiedersberg (Grüne), heute Vorsitzender der Gemeindevertretung in Michendorf, spricht von einem „bestechenden Konzept: Ein Hingucker und zum Nachdenken.“ Reinhard Meinel, heute Professor für theoretische Physik in Jena, hebt die „grandiose Idee“ hervor, Losungen der Demonstration zu verewigen. Petra Walter-Streitz, Inhaberin des JoJo-Trekkingladens, freut sich über Meiningers „großen Wurf“: „Es war überfällig. Aber nun bleibt der Mut der Menschen unvergessen.“

Das Denkmal auf dem Boden des Luisenplatzes in Potsdam. Es soll auch darüber gelaufen werden.
Das Denkmal auf dem Boden des Luisenplatzes in Potsdam. Es soll auch darüber gelaufen werden.
© Andreas Klaer

Unvergessen bleibt auch ihr 2015 verstorbener Ehemann, der Lehrer Andreas Streitz. Gemeinsam waren sie auf der Großdemonstration, auf dem Denkmal ist die Familie nun wieder vereint. Auf der oberen rechten Ecke der Ziffer neun der Jahreszahl 1989 ist der Schuhabdruck von Petra Walter-Streitz abgebildet, daneben, bei der Acht, der ihres Manns. Gleich links daneben der ihres Sohns. 

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