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Einer von Potsdams Frauenorten: Das Werner-Alfred-Bad in der heutigen Hegelallee.
© Manfred Thomas

Frauenorte in Potsdam: Bewusste Begegnungen

Außergewöhnliche Frauen lebten und arbeiteten in Potsdam. Ihre Spuren finden sich in der Stadt – wenn man genau hinschaut.

„Sind hier auch Männer zugelassen?“ Die Frage ist nicht ganz unberechtigt. Schließlich stehen an diesem Abend die Frauen im Mittelpunkt. „Aber natürlich, wir freuen uns, dass Sie da sind!“, beruhigt Stadtführerin Dörthe Kuhlmey den Besucher. Gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Potsdam, Martina Trauth-Koschnick, führt sie ihre Gäste an diesem Abend mit einem ganz besonderen Blick durch die Stadt – an jene Stellen, die vor allem Frauen prägten.

Dort, wo Frauen in Potsdam lebten und arbeiteten, Außergewöhnliches leisteten und die Konventionen ihrer Zeit sprengten, entdeckt man mitunter kleine Informationsstelen. Ein blau-orange-grünes Logo weist darauf hin, dass es sich um einen „FrauenOrt“ handelt. Seit 2010 werden so auf Initiative des Frauenpolitischen Rates Orte sichtbar gemacht, die Frauen wissenschaftlich, politisch oder kulturell prägten.

Das kurze Leben der Eleonore Prochaska

Dörte Kuhlmey führt an diese Orte und erzählt die Geschichten der Frauen, die dahinterstehen. Wie die Geschichte von Eleonore Prochaska. Deren Leben war kurz. 1813 entschloss sich die Potsdamerin, ihr Hab und Gut zu verkaufen, um sich heimlich und als Mann verkleidet den Kämpfen gegen Napoleon anzuschließen. Sie kaufte sich eine Uniform und einen Hirschfänger und meldete sich als Freiwilliger bei einer Kompanie. Unentdeckt lebte sie wochenlang unter Männern, sprach wie sie, benahm sich wie sie. Nur eines war auffällig: Sie kochte vorzüglich.

Doch ihr Kampfesmut wurde Eleonore wenig später zum Verhängnis: In einem Gefecht wurde sie schwer verwundet und starb kurz darauf, mit nur 28 Jahren. An die „Jeanne d’Arc von Potsdam“, die sich selbst als August Renz ausgab, erinnert eine schlichte Tafel am Großen Militärwaisenhaus, in dem sie als Kind drei Jahre lang gelebt hatte.

In Brandenburg gibt es insgesamt 45 Frauenorte

„Im Land Brandenburg gibt es insgesamt 45 ,FrauenOrte’, in Potsdam sind es sechs“, erklärt Dörthe Kuhlmey. Bekannte Frauen wie Regine Hildebrandt oder Eva Strittmatter werden an diesen Orten ebenso gewürdigt wie weniger bekannte. Es sind Architektinnen, Ärztinnen oder Naturschützerinnen unter ihnen. Jede hat auf ihre eigene Art und Weise Spuren hinterlassen.

Vor dem Werner-Alfred-Bad in Potsdam weist eine Stele auf Käthe Pietschker hin. Die Tochter von Werner von Siemens, die wohlhabend und gut gebildet war, wollte sich nicht damit begnügen, ihren Wohlstand allein zu genießen. Sie wollte etwas davon weitergeben und stiftete 1913 das Bad als Reinigungs- und Volksbad für die Potsdamer Bevölkerung. Sie benannte das Bad nach ihrem Sohn, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Auch das Justizzentrum in der Jägerallee war Wirkungs- und Lebensort einer besonderen Frau. In dem Gebäude wurden einst Seidenraupen kultiviert. Im damaligen Jägerhof arbeitete und lebte Ende des 18. Jahrhunderts Anne Marie Baral, die sich hier nicht nur darum kümmerte, dass die Raupen optimale Bedingungen vorfanden, sondern auch selbst Seide haspelte und Lehrlinge ausbildete.

Seit dem 17. Jahrhundert hat sich viel verändert

„Von den Spuren der Frauen wird in der Geschichtsschreibung so viel bleiben wie von den Spuren eines Schiffes im Meer“, prognostizierte einst die Gelehrte Anna Maria Schürmann, die im 17. Jahrhundert lebte. Seitdem hat sich viel verändert, doch noch lange nicht genug. „Männer und Frauen werden schon sehr unterschiedlich behandelt, das merkt man auch als aufmerksamer Mann“, bestätigt ein Teilnehmer.

Mit den „FrauenOrten“ werden die Spuren ein Stück sichtbarer. „Ich wünsche mir, dass diese Orte auch touristisch aktiviert werden“, sagt Martina Trauth-Koschnick. Die Resonanz an diesem Abend ist gut, knapp 30 Gäste sind der Einladung zum Abendspaziergang gefolgt. „Es ist schön, sich die Orte, an denen man sonst achtlos vorbeifährt, einmal bewusst zu erlaufen“, sagt eine Teilnehmerin. Eine Wiederholung schließen die Stadtführerin und die Gleichstellungsbeauftragte nicht aus, im Gegenteil: „So etwas sollte regelmäßig stattfinden, am liebsten einmal im Monat“, sagt Trauth-Koschnick.

Es gibt noch viele weitere interessante Orte

„Es gibt noch viele weitere Orte, die es sich lohnt zu besuchen“, sagt die Stadtführerin. Auf der Hermannswerder etwa, wo sich die Stifterin Clara Hoffbauer gemeinsam mit ihrem Mann sozial engagierte und die erste höhere Mädchenschule eröffnete. Heute heißt eine Berufsschule nach ihr.

In Babelsberg zeugt ein Haus in der Hermann-Maaß-Straße vom Wirken von Emilie Winkelmann, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Technischen Hochschule Hannover studiert, obwohl Frauen zu dieser Zeit der Zugang zu Hochschulen noch verwehrt war. Emilie Winkelmann aber ließ sich nicht beirren und ging ihren eigenen Weg. Als vermutlich erste selbstständige Architektin eröffnete sie in Berlin ihr eigenes Büro.

Heike Kampe

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