SAMSTAGScocktail: Deutsche Grüße
Seit einer Woche wohne ich neben dem Friedhof. Er liegt in der Mitte des Städtchens, in dem ich drei Monate bleiben werde.
Stand:
Seit einer Woche wohne ich neben dem Friedhof. Er liegt in der Mitte des Städtchens, in dem ich drei Monate bleiben werde. Früher lag der Friedhof außerhalb des Ortes, aber nach und nach haben sich die Gebäude an ihn herangepirscht und das Terrain erobert. Noch früher, das heißt vor hundert Jahren, war hier noch gar nichts, nur Sumpf. Dann kamen deutsche Siedler. Sie fanden Öl in der Erde und bauten ein paar Häuser, hauptsächlich eine Universität. Deshalb steht auf den Grabsteinen auf dem Friedhof neben meiner Wohnung Snyder, Kerr, Bechstein oder Welt. Der Supermarkt befindet sich außerhalb der Ortschaft, auf einem Feld. Tritt man ein, ruft sofort jemand: Welcome to Meijer's! Hinter den Kassen hängen alte Fotografien, auf denen die Bechsteins und Kerrs und Welts mit hochgekrempelten Ärmeln, die Schiebermützen im Nacken, neben Ölpumpen stehen und frohgemut in die Kamera blicken. Jetzt liegen sie auf dem Friedhof, in der Mitte des Campus. Genau gegenüber, ebenso groß und abgezirkelt, der Parkplatz der Universität. Am Wochenende ist da nur ein Betonfeld, erst am Montag, wenn die Studenten zurückkommen, stehen hier ungefähr tausend Autos, die mit dem Rohstoff betankt werden, wegen dem ihre Vorfahren auf dem Friedhof vor hundert Jahren hierhergekommen sind. General Motors hat Schienen und Busse abgeschafft in der Gegend. Natürlich fährt in den USA jeder Auto. Aber hier muss er es. Der kleine Wall hinter dem Parkplatz ist wie der Rest des Landes tief verschneit. Der geborgte Schlitten rutscht gut, in Richtung Friedhof, wo drei Fahnen wehen. Die amerikanische, die von Ohio und die der kleinen Stadt, in deren Erde kein Öl mehr lagert. Dafür liegt das Büro, das man mir zur Verfügung gestellt hat, im Souterrain des Instituts. Auf dem Flur hat jemand eine Vitrine gestaltet: Eine Postkarte von Kärnten, eine kleine Matroschka und ein DDR-Wimpel, umgeben von einem Schwung Plaste-Efeu. Die schwierigen Sprachen haben sich zusammengetan, sagt man mir. Deutsch, russisch und ostasiatisch, sie klammern sich aneinander, um nicht abgeschafft zu werden. Diese fernen, skurrilen Länder! Auf dem Flur schlurft ein Student vorbei. Historiker, sagt meine amerikanische Kollegin, Forschungsgebiet Deutschland, nicht? Nein, nein, antwortet er etwas müde, DDR.
Die Toten liegen eingebuddelt in der Erde, erklärt mir mein Sohn auf dem Heimweg vom Rodelwall. Und wir laufen über sie.
Die Autorin lebt in Potsdam und hält sich zur Zeit als Writer in residence in Ohio auf. Zuletzt erschien ihr Roman „Selbstporträt mit Bonaparte“.
Julia Schoch, Ohio
- showPaywall:
- false
- isSubscriber:
- false
- isPaid: