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Von Guido Berg: Die Ausstellungsmacherin

Die Historikerin Ines Reich leitet künftig die Gedenkstätte ehemaliges KGB-Gefängnis in der Leistikowstraße

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Sie ist eine Macherin. Und eine besondere dazu, eine Ausstellungsmacherin. Nein, natürlich ist sie in erster Linie Historikerin, obwohl es in ihrer Diplomarbeit noch um Johann Christian Günthers Lyrik im Barock ging: „Soll mir der Pfühl ein Leichenstein, der Schlaf ein Schlaf zum Tode sein “ Doch dann zog die Geschichte einfach mehr als die Germanistik. „Die Recherche in Archiven ist spannender, als Texte zu analysieren“, fand Ines Reich. Sie sprang „von einem fahrenden Zug auf den anderen“, schon für ihre Dissertation verbrachte sie Monate im Staatsarchiv Leipzig, angetrieben vom „Glauben an die goldene Akte“, an den großen Archivfund, der ein neues Licht auf die Geschichte fallen lässt. Aber selbst wenn sie nur ein Puzzle-Teil findet, so dass das Mosaik-Bild erkennbar wird, „macht das riesigen Spaß“.

Doch erst die Verbindung von geschichtswissenschaftlicher Qualifikation mit einer weiteren Leidenschaft dürfte für die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ausschlaggebend gewesen sein, Ines Reich zur Leiterin der Gedenkstätte ehemaliges KGB-Gefängnis in der Potsdamer Leistikowstraße zu berufen. Während eines Praktikums im Haus der Geschichte in Bonn entdeckte sie ihre „Liebe zur Ausstellung“. Die pädagogische Vermittlung historischen Wissens, der Umgang mit Zeitzeugen, die unmittelbare Rückkopplung über die Reaktionen der Besucher, das alles fasziniert sie am Ausstellungsmachen. Die erste Ausstellung, die sie 1995 erstellte, ist noch heute, wenn auch leicht verändert, in der Henning-von-Tresckow-Straße zu sehen: „Potsdam und der 20. Juli“. Für ihre Doktorarbeit suchte sie sich einen Widerständler aus und hatte zu wählen zwischen einem Militär oder einem Bürger und entschied sich, weil es ihr näher lag, für eine Arbeit über einen widerständigen Bürger, für den Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler (1884-1945).

Von nun an wird die 42-Jährige wieder für eine Ausstellung in Potsdam in die Archive gehen, allen voran ins russische Staatsarchiv und ins russische Geheimdienstarchiv in Moskau. Die Messlatte für die neue Dauerausstellung in der Leistikowstraße liegt hoch. Seit 1997 war Ines Reich die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Sachsenhausen und zuständig für das sowjetische Speziallager Sachsenhausen. In Oranienburg aufgewachsen, besuchte sie als Schülerin häufig das ehemalige Konzentrationslager. Die Tatsache, dass in einem Teil des Lagers nach 1945 weiterhin Menschen eingesperrt waren, erfuhr sie erst nach der Wende. Ebenso, dass tausende dieser Menschen starben: Der Fund des Massengrabes in Schmachtenhagen im Frühjahr 1990 war ein Ereignis, dass sie sehr bewegte.

Die entstandene Ausstellung über das Speziallager Sachsenhausen setzt Maßstäbe. Dank akribischer Forschung konnten Biografien von Opfern wie Tätern geschrieben werden; dies in einer Anzahl, die eine wissenschaftliche Auswertung und Interpretation zulässt. Wichtige Akten wurden in Russland gefunden, aber auch Angehörige der Lagerleitung, die der Gedenkstätte „dreidimensionale Exponate“ – Kleider, Erinnerungsstücke, Orden – und Bilder mitgaben. Einen Fund, den Ines Reich besonders elektrisierte, machten die Forscher auf dem Gelände des Speziallagers selbst. Es ist eine Zuckerdose aus Aluminium, in das ein Häftling das Bild eines Menschen hinter Gittern einritzte, darüber die Jahreszahl „1946“, darunter „194?“.

Dieses Niveau will Ines Reich auch für die Leistikowstraße erreichen. Das Haus kennt sie gut, bereits seit 2003 entstand eine Kooperation der Gedenkstätten-Stiftung mit dem Förderverein und der Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich um das ehemalige Pfarrhaus kümmerten. Bislang ist über das Gefängnis des russischen Militärgeheimdienstes aber noch sehr wenig bekannt. „Es ist eine schwierige Ausgangslage“, sagte die Historikerin. Was ehrenamtliche Arbeit dankenswerter Weise an Wissen zusammengetragen hat durch die Kontakte zu ehemaligen Häftlingen und Angehörigen, sei „eher Zufallsprodukt“. Zielgerichtet geforscht worden sei noch nicht. 60 Häftlings-Biografien seien von Memorial recherchiert worden, darunter sind auch die von zehn Sowjets, die in dem Haus festgehalten wurden. Ines Reich findet, „das ist sehr anerkennenswert, kann aber nicht ausreichen“. Verallgemeinerungen bedürfen einer großen Datenbasis.

Für die Auswahljury war es nicht entscheidend, dass Ines Reich seit Jahren in Potsdam lebt. Für sie selbst aber wohl. Sie liebt Potsdam, sagt die Mutter einer zwölfjährigen Tochter. Es ist eine Stadt, in der sie sich engagieren will – sie ist Kuratoriumsmitglied im Förderverein für das Potsdam Museum –, in der sie der Naturnähe wegen aber auch tun kann, was sie noch mag: Joggen und Vögel beobachten.

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