Sport: „Ich rechne mit etwa 20 plus x Athleten in Peking“
Dr. Andreas Hoeppner, Leiter des Olympiastützpunktes Potsdam, blickt voraus auf das Olympiajahr 2008 und darüber hinaus
Stand:
Herr Hoeppner, am Mittwoch sind es noch 241 Tage bis zum Beginn der Olympischen Spiele in Peking, auf die sich auch etwa 30 Potsdamer Sportler vorbereiten. Welche Rolle spielt Ihr Olympiastützpunkt dabei?
Ich denke, eine umfangreiche und intensive Rolle wie auch in den Olympiazyklen davor, denn es gibt unseren Olympiastützpunkt ja bereits seit 1991. Unser Kerngeschäft ist die Athletenbetreuung in den Bereichen Trainingswissenschaft, Physiotherapie, Sportmedizin und Laufbahnberatung sowie die Sicherung der Trainingsstätten. Darüber hinaus realisieren wir die sportartübergreifende regionale Koordinierung und Steuerung des Spitzen- und Nachwuchsleistungssports.
Für einen Olympiastützpunkt sind Olympische Spiele immer die Stunde der Wahrheit. Welche Wahrheit wird Peking 2008 für Potsdam bereit halten?
Die Wahrheit, dass die von uns betreuten Sportler dort sicherlich mit ihren persönlichen Bestleistungen überzeugen können. Wir haben hier am Standort Potsdam mit Kanu und Rudern zwei sehr erfolgreiche Sportarten, in denen sich Top-Athleten auf die Spiele vorbereiten. Hervorhebenswert ist hier besonders die Entwicklung im Männer-Skullbereich. Es wird spannend, wer von ihnen sich 2008 für die Olympiamannschaft qualifizieren wird. Gespannt sind wir ebenso darauf, wer aus dem jungen Team des 1. FFC Turbine Potsdam den Sprung in die Fußball-Olympiamannschaft der Frauen schafft. In der Leichtathletik wird hoffentlich mindestens eine Geherin – Melanie Seeger – dabei sein. Vielleicht gelingt es weiteren Potsdamern im Sprint, Gehen und Laufen sich zu qualifizieren. Auch im Judo dürfte Potsdam mit mindestens einer Athletin – Yvonne Bönisch – vertreten sein. Abzuwarten bleibt, ob Mario Schendel rechtzeitig gesundheitlich wieder so stabil ist, um sich der Olympiaqualifikation zu stellen. Gespannt bin ich auch darauf, ob es den jungen Schwimmern möglich sein wird, die Olympianorm zu erreichen. Im Modernen Fünfkampf und im Triathlon haben wir ebenfalls tolle Sportler in Potsdam. Vielleicht kann sich auch hier noch der eine oder andere Athlet im dicht gedrängten deutsche Starterfeld durchsetzen.
Mit wie vielen Olympiateilnehmern aus Potsdam rechnen Sie 2008?
Der Olympiastützpunkt Potsdam betreut ja nicht nur Potsdamer. Auch Sportler aus anderen Bundesländern nutzen unsere Leistungen hier vor Ort, weil in Potsdam Top-Trainer wie zum Beispiel Rolf-Dieter Amend und Jutta Lau tätig sind. Unter diesem Aspekt rechne ich mit etwa 20 plus x Aktiven in Peking.
Wie viele Medaillen müssten dort herausspringen, damit Olympia 2008 für Potsdam ein Erfolg wird?
Der Olympiastützpunkt wird nicht vordergründig nach Medaillen abgerechnet. Für uns ist es natürlich trotzdem eine Anerkennung, wenn Sportler, die sich jahrelang am hiesigen Standort vorbereitet haben, in Peking Medaillen erringen. Wir rechnen mit drei bis vier Medaillen im Kanurennsport und mit zwei, drei im Rudern. Die deutschen Fußball-Frauen als Weltmeister dürften ebenfalls in den Medaillenbereich vorstoßen. Gleiches traue ich im Judo Yvonne Bönisch zu.
Wie gewährleistet der Olympiastützpunkt, dass sich die von ihm betreuten Sportler sauber auf Olympia vorbereiten. Sprich: Wie beugen Sie Doping vor? Können Sie das überhaupt?
Wir können vor allem durch eine klare Positionierung aller OSP-Mitarbeiter und unserer beteiligten Partner etwas tun. Wir treten für den sauberen, fairen Sport ein, dafür haben alle Mitarbeiter und Partner entsprechende Anti-Doping-Erklärungen unterzeichnet. Präventiv sind wir tätig, indem wir Wissen und Kenntnisse vermitteln. Vor zwei Wochen gab es hier mit Frank Busemann, dem Dopingbeauftragten des DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund/d. Red.), eine Veranstaltung, auf der er vor rund 40 Sportlern, Trainern, Erziehern, Lehrern und OSP-Mitarbeitern zum Kampf gegen das Doping sprach. Zur Athleten-Vollversammlung in der kommenden Woche werden wir dieses Thema ebenfalls wieder ansprechen und an alle Aktiven appellieren, ihren Sport fair auszuüben. Außerdem beraten wir sie zu den Risiken, zum Beispiel mit Nahrungsergänzungsmitteln; hier werden oft Gefahren durch Verunreinigungen verkannt.
Können Sie nachvollziehen, dass so mancher Sportfan mittlerweile argwöhnisch den Spielen in Peking entgegen sieht, weil er dort Pharma-Spiele befürchtet?
Das kann ich angesichts der Berichterstattung über aufgedeckte Dopingvorfälle nachvollziehen. Ich selbst bin hinsichtlich der deutschen Athleten der Auffassung, dass wir saubere Leistungen erleben werden, auch, weil die Sportler in das umfangreiche Kontrollsystem der Nationalen Antidoping-Agentur eingebunden sind. Die Athleten sagen sogar, dass sie bereit sind, sich noch häufigeren Kontrollen zu stellen, um zu zeigen, dass sie selbst sauber sind und für einen dopingfreien Sport eintreten.
Der DOSB sieht für Deutschlands Sportler Chancen, es in Peking auf Platz fünf bis sechs der Nationenwertung zu schaffen. Ist das ohne leistungssteigernde Mittel überhaupt realistisch?
Ohne leistungssteigernde Mittel - Ja! Aber ob die Leistungsfähigkeit der deutschen Olympiamannschaft insgesamt eine solche Platzierung möglich macht bleibt abzuwarten. Wir wissen, dass sich unsere Athleten hier mit Hilfe ihrer sehr erfahrenen Trainer intensiv auf Peking vorbereiten. Spitzenleistungen können sehr wohl durch wissenschaftlich fundiertes Training auch ohne Doping erreicht werden, dass haben Potsdamer Athleten in den vergangen vier Olympiaden immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Welche Hilfe ist die Aufstockung der Bundesförderung um 17 Millionen auf 125 Millionen Euro im Jahr 2008?
Diese zusätzlichen 17 Millionen Euro werden nicht vordergründig für Peking eingesetzt – hier sind nur noch punktuell Maßnahmen möglich –, sondern vor allem für ein umfangreiches Programm, das bis London 2012 reicht und viele Leistungssport-Bereiche umfasst. Dabei geht es beispielsweise um zusätzliche Förderung für die Spitzenverbände, die Nationale Antidoping-Agentur, den Trainerbereich und das wissenschaftliche Verbundsystem.
Welche in Potsdam beheimateten Sportarten werden von den zusätzlichen Geldern profitieren können?
Diese Frage kann ich noch nicht abschließend beantworten, weil der DOSB bis zum Frühjahr 2008 mit allen Spitzenverbänden zu Zielvereinbarungen bis 2012 kommen will. Dabei geht es um Maßnahmen, Athletenpools und Standorte, mit denen die Verbände in den nächsten Jahren planen. Wir gehen davon aus, dass in den traditionellen Sportarten Kanu, Rudern und Leichtathletik Steigerungen erfolgen werden. Abzuwarten bleibt, wie die neue Konzeption des Deutschen Schwimm-Verbandes aussehen wird. Und wir hoffen auch, dass für Modernen Fünfkampf und Triathlon punktuelle Verbesserungen möglich sein werden.
Droht dem Leichtathletik-Standort Potsdam nach dem Weggang Sabine Zimmers als einziger A-Kader-Athletin nicht ein ähnliches Schicksal wie dem Bundesstützpunkt Schwimmen, der nach Athen 2004 zurückgestuft wurde?
Nein. Sabine Zimmer hat sich aus persönlichen Gründen für einen Wechsel nach Wattenscheid entschieden und nicht wegen der Leistungsfähigkeit des Standortes Potsdam. Der Bundesstützpunkt Leichtathletik ist einer der von der Athletenzahl her stärksten in Deutschland. Chefbundestrainer Jürgen Mallow hat das bei seinem Stützpunktbesuch in der vergangenen Woche lobend hervorgehoben und vor allem auf die Breite im Nachwuchsbereich hingewiesen. Natürlich ist zu konstatieren, dass Potsdams Leichtathleten 2007 keine internationalen Spitzenleistungen vorweisen können, was die Aktiven und ihre Trainer als Erste schmerzt. Wir hoffen, dass sich das Quäntchen Glück, das da vielleicht an der einen oder anderen Stelle fehlte, 2008 einstellt und dass der Bundesstützpunkt Leichtathletik mit entsprechenden individuellen Leistungen seine Stärke unter Beweis stellen kann.
Gibt es bereits Überlegungen, wie die Struktur der Olympiastützpunkte nach 2008 aussehen wird? Steht Potsdam bei ausbleibenden Erfolgen in Peking zur Disposition?
Auf der letzten OSP-Leiter-Tagung vor knapp vier Wochen haben wir erfahren, dass der DOSB am bewährten Konzept von 20 Olympiastützpunkten in Deutschland auch künftig festhalten wird.
Wie viele Sportler werden derzeit von Ihrem Olympiastützpunkt betreut?
Rund 130 bis 140 Bundeskaderathleten sowie 20 bis 30 D/C-Kaderathleten. Auf Grund unserer Integration in das Schule- Leistungssport-Verbundsystem betreuen wir auch schon einige ausgewählte Landeskader.
Ist die finanzielle Grundlage dafür auch in den kommenden Jahren gewährleistet?
Die finanziellen Zuwendungen durch unsere Partner ist seit Jahren sehr stabil. Das Bundesinnenministerium, das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes, die Landeshauptstadt Potsdam und der Landessportbund Brandenburg sind dabei äußerst verlässlich und bieten eine gute finanzielle Grundlage für unsere Arbeit.
Das Interview führte Michael Meyer.
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