Sport: In der Gesellschaft jetzt anerkannter
35 Jahre Frauenfußball bei Turbine Potsdam: Trainer Bernd Schröder vergleicht das Damals und das Heute
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Am kommenden Sonntag blicken Potsdams Turbine-Kickerinnen auf ihre 35-jährige Geschichte zurück – am 5. März 1971 wurde in der damaligen Betriebssportgemeinschaft Turbine Potsdam die Abteilung „Frauenfußball“ gebildet. Gründungsvater war ein Mann, der auch heute noch am Ruder des nunmehr eigenständigen 1. Frauen-Fußball-Clubs Turbine steht: Bernd Schröder (63).
Turbine wollte sich am Sonntag mit drei Meisterschafts-Punkten gegen Essen-Schönebeck selbst zum Geburtstag beschenken, doch das Heimspiel Ihrer Mannschaft fällt aus, Herr Schröder.
Die Bedingungen im Karl-Liebknecht-Stadion sind momentan nicht für ein Fußballspiel geeignet und unseren Fans nicht angemessen. Aber: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir wollen versuchen, das Spiel am 20. April um 19 Uhr nachzuholen. Diesen Termin werden wir jetzt dem DFB und Essen-Schönebeck anbieten.
Sie hätten nun genügend Zeit für eine rauschende Geburtstagsparty, oder?
So schnell organisiert sich das nicht. Wir werden unser Jubiläum in diesem Jahr noch feiern, wenn die Saisonhöhepunkte und die Männer-WM hinter uns liegen. Das machen wir ohne Hektik und großen Aktionismus.
Sie selbst haben den Frauenfußball 1971 bei Turbine aus der Taufe gehoben – was ist heute anders als vor 35 Jahren?
In einem Satz: Frauenfußball hat in der Gesellschaft wesentlich an Anerkennung gewonnen – dank der in den letzten Jahren auf dem Platz gezeigten Leistungen.
Ist das Traineramt heute leichter oder schwerer als in den ersten Jahren?
Das kann man nicht mehr vergleichen. In den Anfangsjahren hatte der Frauenfußball eher Volkssportcharakter, inzwischen entwickelte er sich zu einer Sportart im Bereich des Leistungssports bis an die Schwelle des Hochleistungssports. Pädagogische, psychologische, ernährungswissenschaftliche und physiotherapeutische Aspekte stellen heute ganz andere Anforderungen an den Trainer. Seine Spielerinnen sind außerdem wesentlich aufgeschlossener und wissender als einst, so dass er ihnen anders begegnen muss. Das alles verlangt vom Trainer mehr, als nur auf dem Platz zu stehen und seine Anweisungen zu geben.
Macht Ihnen der ehrenamtliche Trainerjob immer noch so viel Spaß wie zu Anfang?
(Lacht) Ich weiß nicht mehr, ob er mir vor 35 Jahren auch viel Spaß machte. Natürlich habe ich immer noch Freude an diesem Job, wenngleich der Grad der Verantwortung und die Last die man im Nacken spürt, nicht mehr mit der Unbeschwertheit der ersten Jahre vergleichbar ist.
Turbines Frauenfußball gilt als Ihr Lebenswerk,
was anfangs nicht so geplant war. Aber es ist wie beim Zauberlehrling: Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los.
Zwischenzeitlich hatten Sie mit Peter Raupach und Frank Lange, kommissarisch Sabine Seidel, dann Lothar Müller und Eckhard Düwiger innerhalb von fünf Jahren mehrere Nachfolger, ehe Sie 1997 selbst wieder Turbine-Trainer wurden. Warum eigentlich?
Grund dafür war eine Mischung aus sichtbarer Notwendigkeit und der Erkenntnis, dass Grundwerte und Erfahrungen dieser spezifischen Sportart nicht von jedem Trainer so umgesetzt werden können, wie es notwendig ist. Also habe ich es wieder selbst gemacht.
Was war für Sie die bewegendsten Augenblicke als Turbine-Trainer seit 1971?
Ich könnte eine ganze Reihe aufzählen, will aber nur zwei nennen: Der erste war 1981 unser erster DDR-Meistertitel, der zweite im vergangenen Jahr unser UEFA- Cup-Sieg.
Sollten Sie jetzt spontan ein Turbine-All- Star-Team benennen – wie sähe es aus?
(nach längerem Grübeln) Im Tor Nadine Angerer, als Libero Heike Braune, in der Abwehr links Doris Schmidt und rechts Beate Reuer, im Mittelfeld Ariane Hingst, Simone Thomas – jetzt Diestel –, Sybille Brüdgam und Viola Odebrecht, im Angriff Sabine Seidel, Conny Pohlers und Anja Mittag.
Wer aus Ihrer jetzigen Bundesliga-Mannschaft hätte noch das Zeug, einmal diesem All-Star-Team anzugehören?
Zuerst Jennifer Zietz und Petra Wimbersky.
Das Interview führte Michael Meyer
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