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Hans-Rüdiger Karutz, Jahrgang 1941, einst Spandauer Straße 25.
© Ottmar Winter

Die "Nacht von Potsdam" - ein Zeitzeugenbericht: Sieger und Besiegte – unter einem Dach

Nicht nur die Spur der zertrümmerten Steine seiner Heimatstadt verfolgt Hans-Rüdiger Karutz - sondern auch die Frage des Verhältnisses zwischen Besatzern und Besetzten. 

Sicher, es muss noch hell gewesen sein an jenem tödlichen Sonnabend, 14. April 1945, zwei Wochen nach dem letzten Kriegsostern: Richard von Weizsäcker verlässt als junger Leutnant – einen Tag vor seinem 25. Geburtstag – seine Kaserne am Lustgarten mit einem Verwundeten-Urlaubsschein. Läuft, rucksackbewaffnet, durch den Lustgarten hinüber zum Potsdamer Bahnhof: Die S-Bahn rollt noch immer, nicht mehr so oft, aber der Offizier des berühmten Infanterie-Regiments Nr. 9 kommt wohlbehalten am Anhalter Bahnhof in Berlin an: „Im Westen stand eine Feuerwand – ich ahnte nicht, dass es Potsdam war“, erinnert er sich später. 

An jenem Abend scheint in „Potztupimi“ noch alles halbwegs normal – für Kriegszeiten. Lebensmittel sind knapp, aber „auf Karte“ gibt es sie noch. Der Tag – eingehüllt in märkische Sonne... Die Potsdamer ergingen sich in ihrer noch immer unversehrten, scheinbar so kriegsfernen Stadt. Vom Garnisonkirchturm zur Stunde das berühmte „Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab“, als sei tiefster Friede. Aber der Tod – der Tod aus dem Himmel, die Gräber der Unschuldigen – sie sind nahe. 

Plötzlich ein riesen Ruck - der Kalk splittert von den Wänden

Bei meiner Familie in der heutigen Friedrich-Ebert-Straße 72 abends das Übliche: Meine Schwester Diethild und ich, voll ständig angezogen, zu Bett. Vielleicht später als sonst, jedenfalls erinnere ich mich an die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher des Volksempfängers auf dem Tischchen am Fenster: „Feindliche Bomberverbände im Raum Braunschweig im Anflug auf Berlin.“ Aber: Die US-Bomber (tags) und die Briten-Flieger (nachts) glitten bisher stets über Potsdam hinweg Richtung Berlin... 

Dennoch Luftschutzkeller, wie üblich: Normale, weißgestrichene Wände, das Haus mindestens 60 Jahre alt. Wir fünf schleppen uns müde in den muffigen Untergrund: Meine Mutter Ingeborg, die Großeltern Carl und Lotte Zschiesche. Mein Opa als Leiter des Wirtschaftsamtes der Stadt zugleich verantwortlich für die gesamte Versorgung der Potsdamer im Krieg. Es war nun dunkel draußen, im Keller eine einzige Glühbirne an der Decke, die ersten Bomben krachen. Weit fort.

Wir Kinder sitzen auf Mutterns Schoss, ganz still. Plötzlich ein riesen Ruck: Der Kalk splittert von den Wänden, die Mauern bewegen sich scheinbar. Wir fassen uns an den Händen. Ich erinnere mich nicht, dass jemand sprach. Die unheilvolle Detonation hatte die nahe Klinik in der Behlertstraße durch eine Luftmine zerrissen: Mütter, teils barfuß, retteten sich mit ihren Kindern in den sicheren Keller im heutigen Stadthaus. Irgendwann heulten die Entwarnungssirenen. 

Aufklärungsflieger stellte fest: „Potsdam existiert nicht mehr.“

An der Hand meiner Mutter später durch die Ruinenlandschaft rings um das ausgebrannte Stadtschloss: „Himmel und Soldaten“, spottete einst Heinrich Heine über Potsdam. Jetzt gab es nur noch Himmel, kaum noch Soldaten. Das britische Bomber Command schickte anderntags Aufklärungsflieger und stellte fest: „Potsdam existiert nicht mehr.“ Jetzt, mit fast 81 Jahren Lebenszeit, blenden sich die Bilder, die Videos von heute, übereinander: Mariupol – geschunden, verbrannt, vertilgt. 

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Unerträglich für ein Kind – wie die Bilder aus jenen Tagen, nach dem Angriff. Und Sorge, seelische Last zeigt sich – und Angst vor einer Wiederholung: „Erlebst du das alles noch einmal?“ Fragen über Fragen drängen sich mir auf, aber es kommt keine Antwort. Manchmal denke ich: Weshalb ist dieser sinnlose, auch nach damaliger Rechtslage verbrecherische Angriff zwischen Deutschen und Engländern nie besprochen worden? Weshalb geht die Queen in die Dresdener Frauenkirche, aber nicht in die Nikolaikirche? 

Obwohl sie hier zu Beginn der Neunziger mit Manfred Stolpe im Landauer durch den Park von Sanssouci rollte. Weshalb bei ihrer Staatsvisite 2015 nur ein symbolischer Ziegelstein für den Wiederaufbau der Garnisonkirche, überreicht im fernen Garten der Dahlemer Residenz des britischen Botschafters? Ziegelsteine dieser Art gab und gibt es ab zehn Euro… 

Hans-Rüdiger Karutz (r.) mit Schwester Diethild und Neffe Wilfried. 
Hans-Rüdiger Karutz (r.) mit Schwester Diethild und Neffe Wilfried. 
© privat

Nicht nur die Spur der zertrümmerten Steine meiner Heimatstadt verfolgt mich: Auch die Frage – hochaktuell in der heimgesuchten Ukraine dieser Tage – des Verhältnisses zwischen Besatzern und Besetzten: Wir hatten Glück, durften in unserer schönen, großen Altbau-Wohnung bleiben – obwohl die gesamte damalige Alexandrinenstraße (heute Helene-Lange-Straße) binnen Stunden für Offiziersfamilien der Rotem Armee geräumt werden musste. 

Es kam so: Ich erinnere mich exakt an den 12. August 1945, den Geburtstag meiner Schwester. Eine russische Delegation betrat die Wohnung, wir sollten gehen. Aber das Wunder geschah: Die „Gäste“ nahmen den Einwand meines Großvaters auf, der Eingang des Hauses läge doch in der Spandauer Straße, nicht in der Räumungsstraße. 

Radtouren durch die Trümmerstadt

Ein Armeeärzte-Ehepaar bezog nun das bürgerlich-vornehme Herrenzimmer mit einer Art Veranda. Man teilte sich die Küche, erlebte dieselben Gas-Sperrstunden. Ich erinnere mich, dass die Eheleute freundlich zu uns waren. Ein Bekannter von ihnen, Leutnant Tschernijak, nahm mich auf der Lenkstange seines Fahrrades auf seinen Radtouren durch die Trümmerstadt mit. 

Und doch Gewalt, Terror, blanke Angst – an die furchtbare Lage in der Ukraine gemahnend: Herr Wiggert, Ehemann unserer Hauswirtin, kehrte von einer Ausfahrt nicht heim: „Erschossen von einem russischen Soldaten, weil er sein Fahrrad nicht freiwillig hergab“, berichtete uns seine Frau. Und dieser Begriff vom „clash of culture“ treibt mich in diesen Tagen um: Denn die Neigung zu Gewalt, zu horribler Aggressivität erlebten wir damals hautnah: Dima, der Bursche des Ehepaars, war offenkundig eifersüchtig auf seine Freundin Nadja. Beide kamen oft in unsere Wohnung. 

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Eines Tages stand Dima plötzlich vor meiner Großmutter und mir und schrie: „Wo Nadja? Du sagen!“ Wir wussten von nichts. Er glaubte uns nicht, riss die Wohnungstür auf, griff nach seinem Armee-Revolver und trieb uns im Haus eine Treppe höher – als Geiseln. Er drohte, uns zu erschießen, wenn wir nicht verrieten, wo Nadja wäre. Irgendwann nahte Hilfe: Russische Militärpolizei stürmte das Treppenhaus herauf, griff sich Dima, prügelte brutal auf ihn ein, schleifte ihn die Stufen herunter. 

Wir haben ihn nie wieder gesehen. Noch einmal zum Verhältnis von Sieger-Besatzern und Besetzten – im Rückblick relativ normal. Im Stadtbild die heftig geschminkten russischen Offiziersfrauen, die Potsdamer gleichmütig an ihnen vorbei. Ich erinnere mich an die Ausgangssperre rund um den 17. Juni 1953, weiße Zettel an den Bäumen: „Ab 20 Uhr Verbot auf der Straße“, unterzeichnet von Stadtkommandant Generalmajor Dibrawa. 

Das eisige Schweigen der Ex-Kanzlerin

Aber der Blick geht auch auf Potsdam und seine russische Historie: Die Blockhäuser der einst russischen Sänger in der Kolonie – die Sujatas, die Anisimows, die Gregorieffs – über die Jahrhunderte alle zu Potsdamern assimiliert, eine russisch-preußische Liaison, problemlos. Aktuell frisst sich mein Zorn über das Verhalten unserer politischen Elite immer tiefer: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, einer der beredtsten Putin-Versteher auch nach der Krim-Annexion, übt sich unversehens nach Butscha in Selbstkritik: Und was war in den vergangenen 16 Jahren mit dem „lieben Sergej“ (Lawrow), mit der Präsidentenklage über NATO-„Säbelrasseln“?

Wie soll ich das eisige Schweigen der Ex-Kanzlerin aus den fernen Weiten der Uckermark verstehen, die jahrzehntelang einen Pro-Russland-Kurs einschlug? Und derzeit, ohne jede Spur von Feingefühl für die Situation, den Latte-Macchiato-Frühling von Florenz genoss – während in Butscha die Leichen auf den Straßen verwesen. 

Matthias Platzeck, der Potsdamer in diesem Kreis, äußerte sich glücklicherweise deutlicher. Aber was wissen wir über die Motive, über die eigentlichen geistig-moralischen Beweggründe dieser gescheiterten Politik? Wer offenbart sich darin? Endlich. „Volle Unterstützung“ für den neuen, deutschen Anti-Kreml-Kurs verspricht Frau Merkel – geht es noch läppischer in seelenloser Kommuniqué-Sprache? Und kein Wort des Bedauerns über eigenes Versagen. Da versagt mir der letzte Satz.

Hans-Rüdiger Karutz

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