
© Manfred Thomas
Landeshauptstadt: Zeugnisse ohne Zensuren?
Erziehungswissenschaftlerin Rita Marx über verbale Beurteilungen als Alternative zur Notengebung
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Mit dem Thema „Zeugnisse ohne Zensuren“ geht das „Pädagogische Forum“ der Rosa-Luxemburg-Grundschule und des Familienzentrums der Fachhochschule Potsdam am kommenden Montag in seine dritte Runde. Eltern, Schüler, Lehrer und Erziehungswissenschaftler wollen über verbale Beurteilungen in der Grundschule als Alternative zur Notengebung diskutieren. Mit dabei: Professor Rita Marx von der Fachhochschule.
Können verbale Beurteilungen längerfristig die Vergabe von Noten ersetzen?
Davon bin ich überzeugt. Wenn die Einschätzung auf einer genauen, differenzierten Beobachtung beruht und für Schüler und Eltern verständlich vermittelt wird. Übrigens können verbale Beurteilungen teilweise – das sei den Kritikern gesagt – sogar strenger ausfallen als ein Notenzeugnis. Auf jeden Fall werden sie dem Kind besser helfen, sich selbst einzuschätzen, Stärken und Schwächen zu erkennen, um die nächsten Lernschritte gehen zu können. Und dies alles ohne den Druck, sich mit den Mitschülern vergleichen zu müssen. Dafür aber mit der Chance, Stolz auf das Erreichte zu sein.
Den Vergleich mit anderen aber halten die Befürworter von Zensuren für notwendig. Schließlich könne man die Kinder nicht vor den Anforderungen der Leistungsgesellschaft bewahren.
Die Kritiker verbaler Beurteilungen setzen diese Art der individuellen Bewertung mit „Kuschelpädagogik“ gleich, was ja wohl suggerieren soll, dass es hier nicht um Lernen und Leistung geht. Dem ist nicht so. Die Kinder werden keineswegs „geschont“, sondern gefordert, sich mit dem eigenen Lernprozess auseinanderzusetzen. Die Beobachtungen und Hinweise der Lehrer helfen ihnen, die richtige Richtung einzuschlagen.
Reicht das aus, um die Kinder fit zu machen für die Anforderungen im späteren Berufsleben?
Genau damit machen wir sie fit. Längst wird bei Bewerbungen nicht mehr nur auf die Noten geschaut, sondern auf Persönlichkeit und Sozialkompetenz. Und dazu gehören eben auch Kritikfähigkeit, Selbstreflexivität und Leistungsbereitschaft. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass Kinder dies mit verbalen Beurteilungen und Portfolioarbeit frühzeitig lernen.
Warum setzt sich die verbale Beurteilung dann so schwer durch?
Weil sie aufwendiger ist als die Notenvergabe, ein gründliches Beobachten und Einschätzen jedes einzelnen Schülers in einer Klasse erfordert. Und weil die Bewertung nicht in einer vorgegebenen Skala von 1 bis 6 erfolgt, sondern an den individuellen Lernfortschritten und Fähigkeiten des Kindes gemessen wird.
Haben denn die Lehrer dafür genügend Zeit und auch die entsprechende Qualifikation?
In der flexiblen Eingangsphase der Rosa-Luxemburg-Schule, die ich aus langjähriger Beratungstätigkeit gut kenne, erwerben die Lehrer die dafür notwendigen Fähigkeiten. Sie begleiten und unterstützen den Lernprozess jedes Schülers durch differenziertes Beschreiben. Man kann das in Fortbildungen trainieren. Wichtig ist auch, die richtigen Formulierungen zu wählen, um das Kind zu motivieren.
Manche Eltern meinen, dass erst eine Note zum besseren Lernen motiviert und der Vergleich mit den Mitschülern Ansporn gibt.
Es ist eher so, dass die Eltern und Verwandten anhand der Notenzeugnisse sehen wollen, wie das Kind dasteht. Zensuren lassen sich eben leichter kommunizieren. Nur zwängen sie die Kinder in ein Bewertungssystem, in dem besondere Fähigkeiten und Begabungen Einzelner keine Rolle spielen. Im Übrigen sollen sich die Schüler nicht für eine Zensur anstrengen, sondern weil sie etwas wissen und begreifen möchten. Diese natürliche Wissbegier und Lernfreude geht unter dem Druck, gute Noten erhalten zu müssen, allzu oft verloren.
Woran merken Sie das?
An den traurigen Gesichtern derer, die permanent schlechte Zensuren bekommen. Sie werden stigmatisiert, verlieren ihr Selbstwertgefühl, glauben, dass sie dumm sind. Oft zieht sich diese negative Einschätzung dann durch alle Fächer: Wer in Mathe Fünfen schreibt, kann in Sachkunde keine Eins haben. Stärken werden nicht erkannt, musische Begabungen fallen unter den Tisch.
Die Rosa-Luxemburg-Schule, die nach reformpädagogischen Ansätzen arbeitet, möchte ihren Flexbereich und damit auch die verbale Beurteilung auf die 3. und 4. Klasse ausweiten. Wie können hier die Eltern einbezogen werden?
Viele Eltern haben diese Schule für ihr Kind gewählt, weil sie Ideen der Montessori- und der Jenaplanpädagogik in ihr Konzept aufgenommen hat. Wichtig ist, mit den Eltern über die Bewertungsart im Gespräch zu bleiben, die verbale Beurteilung zu erklären, damit sie ihren Kindern helfen können, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.Das Gespräch führte
Antje Horn-Conrad
3. Pädagogisches Forum, Mo 25.5., 19.30 Uhr, Fachhochschule Potsdam, Am Alten Markt, Raum 4070/71, mit einem Vortrag von Schulleiterin Heide Sillack, Eintritt 4 €
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