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Von Babette Kaiserkern: Fahrig

Briefe und Musik der Mendelssohn-Geschwister

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„Dramatisch ausverkauft“, so hieß es, war der Nikolaisaal bei der Gedenkveranstaltung mit Lesung und Musik zu Felix Mendelssohn Bartholdys 200. Geburtstag. Die Ursache dafür lässt sich nicht so einfach ausmachen. War es – Felix, Pardon! – der bekannte Name von Corinna Harfouch, der dies Interesse hervorrief? Oder das musikalisch-literarische Programm des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt? Präsentiert wurden nicht nur Werke von Felix, sondern auch von seiner Schwester Fanny sowie Ausschnitte aus Briefen beider.

Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass Felix Mendelssohn Bartholdy in diesem Jahr im Fokus von vielen Veranstaltungen steht. Schließlich war seine Musik lange verfemt und missachtet. Erst im vergangenen Herbst wurde in Leipzig das Bronzedenkmal von ihm wieder aufgestellt – 72 Jahre nachdem es von den Nazis gestürzt wurde. Viel zu lange stand der Komponist in dem Schatten, in den ihn der Naziwahn vertrieben hatte. Noch mehr im Schatten stand jedoch seine begabte Schwester Fanny, deren Werke erst im Zug der Frauenemanzipationsbewegungen des 20. Jahrhunderts weiter bekannt wurden. Dabei zeigte sich, wie bedeutend Fanny Hensels Kompositionen sind. So reine, anmutige und liebenswürdige Musik – romantisch in der Melodie und klassisch-ausgewogen in der Form – wie die des Geschwisterpaars findet sich kein zweites Mal im 19. Jahrhundert.

Wie eng beide miteinander menschlich und musikalisch verbunden waren, geht aus ihren Briefen hervor. Gemeinsam wurden sie unterrichtet, zusammen studieren sie viele häusliche Aufführungen ein. Gegenseitig analysieren und kritisieren sie ihre Kompositionen. „Die Musik will gar nicht rutschen ohne dich“, schreibt Fanny an ihren Bruder, als der auf einer Bildungsreise mit seinem Vater ist. Selbst an ihrem Hochzeitstag verfasst sie noch einen innigen Brief an ihn, der wie ein Liebesbrief klingt. Felix antwortet liebevoll, er bräuchte nur an gewisse Stücke von ihr zu denken, „um weich und aufrichtig zu werden.“ Doch lässt er keinen Zweifel an seiner Überzeugung, dass das Komponisten-Metier nur etwas für Männer sei. Dabei konnte Fanny in musikalischer Hinsicht Felix schon lange das Wasser reichen. Doch selbst im Alter von 40 Jahren, ein Jahr vor ihrem Tod, bekannte sie noch, dass sie vor ihren Brüdern eine Furcht habe wie mit 14 vor ihrem Vater. Schließlich erteilt Felix seine dringlich erbetene Zustimmung zur Publizierung ihrer Werke.

All diese und andere sehr persönliche Details aus dem Briefwechsel las Corinna Harfouch schnell, holprig und fahrig. Einfühlung und adäquater Textausdruck fehlten nahezu durchgehend. Ihr Vortrag wirkte so, als würde sie die Texte zum ersten Mal laut lesen. Erst bei Felix verzweifeltem Brief angesichts des Todes seiner Schwester, fand Corinna Harfouch einen ausdrucksvollen Tonfall. Dass dennoch ein recht lebendiges Bild vom Leben und der engen Verbindung beider Geschwister entstand, ist der schlüssigen Textauswahl von Frank Groborz zu verdanken.

Bei der Musikauswahl hätte man sich mehr Prägnanz und eine gefälligere Wiedergabe gewünscht. Von Fanny Hensel erklangen eine überwältigend schöne Introduktion zu ihrem Oratorium sowie einige anmutige Orchestrierungen aus ihrem Klavierzyklus „Das Jahr“. Doch die parodistischen Stücke aus dem „Sommernachtstraum“ sowie die polternde Ouvertüre zu „Ruy Blas“ waren kaum geeignet, um Felix Mendelssohns musikalische Bedeutung zu Gehör zu bringen.

Leider trug das Brandenburgische Staatsorchester unter der Leitung von Israel Yinon nur wenig zur Vermittlung von Mendelssohnscher Delikatesse und Zartheit der Empfindung bei. So wirkte der ungeheuer pompös und unscharf gespielte Hochzeitsmarsch eher als Scheidungsgrund, denn als Jubelfeier, die diese beiden wunderbaren Komponisten doch gewiss verdient hätten.

Babette Kaiserkern

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