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Kultur: Filmischer Zauberwürfel

Videoessay von Bernhard Sallmann über russischen Autor Viktor Schklowski

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Viele bunte Felder, die durch eine Drehbewegung zu gleichförmigen, einfarbigen Quadraten angeordnet werden. Der Germanist und Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Bernhard Sallmann vergleicht seinen Film „Briefe nicht über die Liebe“ mit einem Zauberwürfel. Sallmann nennt sein 60-minütiges Video, das er unlängst auf dem Montageforum der HFF vorstellte, Videoessay für Splitscreen. Denn für die Texte des russischen Formalisten Viktor Schklowski, der von 1922 bis “23 ein Jahr im Berliner Exil lebte, suchte Sallmann und sein Schnittmeister Christoph Krüger nicht einfach bildliche Entsprechungen. Die Liebe, die Abweisung erfährt, sollte nicht durch einsame Herzen im Herbst, schon gar nicht durch Schauspieler, die dem Text Leben verleihen könnten, Ausdruck finden.

Die Auszüge aus Schklowskis Briefroman „ZOO oder Briefe nicht über die Liebe“, die von russisch-stämmigen Sprechern mit deutlichem Akzent vorgelesen werden, finden in den vom Regisseur gewählten Bildern keine direkte Entsprechung. Was man sieht ist nicht das Bild zum Wort, keine Umsetzung „eins zu eins“, wie Krüger den Studenten erklärt. Und dann taucht häufig das Bild nur in einem Viertel der Leinwand auf. Mal rechts oben, dann unten, dann links. Mal gibt es auch ein Vollbild, mal bleibt alles Schwarz. Splitscreen, geteilte Leinwand. Zwischendrin werden Zwischentitel eingebaut, wie beim Stummfilm. Das befremdete die Zuschauer sichtlich.

Einige der Zuschauer gaben zu, von den monotonen Bildern abgelenkt worden zu sein und lieber die Augen geschlossen gehalten zu haben vor dem „optischen Zauberwürfel“. Sie wollten lieber nur Schklowskis poetischen Liebesbriefen zuhören. Sallmanns Vorgehen widerspricht zunächst allen konventionellen Sehgewohnheiten, nach denen das Medium möglichst unauffällig zurücktritt und den Inhalt „realistisch“ darstellt. Aber wer bestimmt eigentlich die Erzählweise, wer legt die Größe des Bildfeldes auf der Leinwand fest? Sallmann zitiert Fritz Lang, für den Cinemascope, das opulente Breitwandkinoformat, nur gut wäre, um Schlangen und auf dem Boden liegende Leichname darzustellen.

Für seine Videoarbeit hatten diese Überlegungen die Konsequenz, einen anderen Weg zu gehen. Ein „Erinnerungsspalt“ sollte die Exilantenwelt sichtbar werden lassen. Krüger und Sallmann nahmen Videoaufnahmen des heutigen Berlins, vom Zoo, von der York- und der Jannowitzbrücke, den Orten, an denen sich in den Zwanziger Jahren geschätzte 300 000 – 400 000 durch die Oktoberrevolution ins Exil geflohene Russen aufhielten. Straßenszenen, Passanten, Verkehr, Spiegelungen, Brechungen, unterlegt mit dem Originallärm der heutigen Stadt.

Die Bilder wurden nach einer Ordnung zusammengefügt, die dem Formalisten Schklowski und seiner Philosophie gerechter werden. Nach dieser kann die optische Struktur, Anordnung und Reihenfolge – die Form – vom gesprochenen Wort getrennt werden und eine eigene Metaphorik entwickeln. Ein Effekt der „Verfremdung“ setzt ein, ein Zentralbegriff des russischen Formalismus.

Unter dieser formalen Betrachtung spielt auf einmal die Farbe Rot die Hauptrolle. „Würde man eine dreidimensionale Fassung des Films sehen, in der alle Bilder hintereinander gelegt sind, dann würde man eine Kreisbewegung des Rots sehen“, sagte Bildmonteur Krüger. Das Rot steht gleichsam für die Liebe – wie sich erst am Ende herausstellt, handelt es sich bei der angeschmachteten Geliebten Alja, die den Briefschreiber jäh zurückweist, eigentlich um die Heimat Russland, die schmerzhaft vermisst wird – und um die Farbe der Revolution. Auch der Briefautor kreist. Zunächst in Gedanken um seine Angebetete, die darum bittet, nicht über die Liebe zu schreiben. Und dann endet sein Exil nach der Bitte beim Zentralkomitee, er könne in Berlin nicht leben, er bräuchte die Heimat, wieder daheim in Russland.

Das Medium Film lässt jenseits des Spiel- oder Dokumentarfilms viel mehr Präsentationsformen zu, als man denkt. Manchmal kann ein Film auch als Zauberwürfel, der gedreht wird, daher kommen. Im Fernsehen wird der Film aber kaum zu sehen sein, der Regisseur will ihn nicht ins Spätprogramm verbannt wissen. Matthias Hassenpflug

Matthias Hassenpflug

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