Kultur: Jungfrau kommt mit Verspätung
Projekt von Robert Reynolds in der Brandenburger Straße löst schon im Vorfeld Diskussionen aus
Stand:
Projekt von Robert Reynolds in der Brandenburger Straße löst schon im Vorfeld Diskussionen aus „Ohne Utopien früherer Zeiten würden die Menschen noch immer nackt und elend in ihren Höhlen sitzen“. Diese Feststellung des französischen Autors Anatole France stellt das Internationale Künstlersymposium Arte é Vita seiner Arbeit voran. Aller zwei Jahre kreieren Künstler aus aller Welt neue Visionen für Potsdam und das Havelland. Schufen sie 2003 entlang der Flussläufe ihre „Inseln der Utopien“, wollen sie in diesem Jahr mit ihren Projekten die Bewerbung Potsdams zur Kulturhauptstadt befördern. Entwürfe und Modelle dazu stellten 38 Arte é Vita-Künstler bereits im vergangenen Herbst im Waschhaus vor. Ab 16. Februar sollte nun die erste Idee realisiert werden: eine Installation des amerikanischen Künstlers Robert Reynolds in der Brandenburger Straße. Nun verschiebt sich seine Arbeit „Virgin – I“m not here“, mit der er auf die Verschiedenheit der Menschen und die daraus resultierenden Missverständnisse hinweisen will, auf März oder April. Noch seien nicht alle Genehmigungen von der Stadt eingeholt und auch die 23 Neonschriften aus Amerika, die per Drahtseil aufgespannt werden sollen, müssten noch geliefert werden, so Michael F. Kramer, der künstlerische Leiter von Arte é Vita, auf PNN-Nachfrage. Eine etwas diffuse künstlerische Beschreibung umreißt bereits das Projekt: „Der Fußgängerzone in Potsdam gibt Reynolds mit einem Neon-Zeichen den Namen ,Jungfrau“, und dies in den drei Sprachen Englisch, Deutsch und Arabisch, verteilt auf der ganzen Straßenlänge. Der Betrachter wird gehalten, die semantischen und syntaktischen Unterschiede, die das gleiche Wort in drei verschiedenen Sprachen darstellt, zu entdecken ...“ Reynolds wolle auf ironische Weise zeigen, welche Bandbreite an verschiedenen Bedeutungen das Wort „Jungfrau“ hervorrufe, z.B. bei den Repräsentanten der evangelischen und katholischen Kirchen in Bezug auf Maria, der Mutter Gottes, oder bei der Vorstellung des Paradieses bei den Islamisten. „In allen Fällen zerbricht Reynolds die Fantasie einer jeden Kultur zu seinem jeweiligen Bild“, so die Konzeption, die allerdings sofort auch Kritiker auf den Plan rief. Auf Grund der Einwürfe von Gemeindegliedern beriet kürzlich der Potsdamer Stadtkirchenbeirat, ob durch das Reynolds-Projekt religiöse Gefühle verletzt werden könnten, zumal altarbildmäßig die Jungfrau Maria im öffentlichen Raum thematisiert werde. „Da wir keine Blasphemie und auch keine Verletzung religiöser Gefühle entdecken konnten, fühlten wir uns aber nicht zur einer Stellungnahme veranlasst“, so Stadtkirchenpfarrer Markus Schütte. Dem Wunsch der Projektbetreiber, die Kulturhauptstadt GmbH finanziell oder organisatorisch mit ins Boot zu holen, erteilte Moritz van Dülmen eine Absage. „Wir freuen uns über jedes Engagement, können aber nicht aus dem Bauch heraus pauschal sagen, ob ein Projekt für die Bewerbung geeignet ist oder nicht. Und gerade in der jetzigen Bewerbungsphase fehlte uns einfach die Zeit, die Vielzahl der angebotenen Projekte zu prüfen.“ Die Aktion in der Fußgängerzone werde dennoch stattfinden. Sie sei der Auftakt für eine Vielzahl von Projekten, die vom 20. Mai bis 10. Juni konzentriert die Landeshauptstadt visionieren sollen, kündigt Michael F. Kramer an. H. Jäger
H. Jäger
- showPaywall:
- false
- isSubscriber:
- false
- isPaid: