
© Monika Schulz-Fieguth
Kultur: „Musizieren ist auch eine Art Beten“
Pianist David Ianni hat sich von Bildern der Fotografin Monika Schulz-Fieguth inspirieren lassen – Konzert am Freitag Die sind wie kleine Schilder, sie weisen nur in eine bestimmte Richtung.“ Die Bilder von Monika Schulz-Fieguth haben wirklich nach Musik gerufen.“
Stand:
Herr Ianni, das Kloster Stift Heiligenkreuz im Wienerwald. Was ist das für ein Ort für Sie?
Das ist ein Ort für mich, an dem ich mich zurückziehen kann, um Kraft zu schöpfen, um mich zu besinnen. Und darüber hinaus inspiriert er mich auch, für die Musik, für meine Kompositionen.
Wie einflussreich dieser Ort für Ihre Musik ist, erkennt man an Ihren beiden jüngsten Aufnahmen. Ihr Soloalbum „Night Prayers. Mystical Piano Dreams“ bezieht sich mit Bild und Text auf Stift Heiligenkreuz. „Chant – Amor et Passio“ haben Sie zusammen mit Mönchen aus dem Kloster eingespielt. Wie wichtig ist Ihnen ein religiöser Bezug in der Musik?
Der ist für mich sehr wichtig, da ich Musizieren auch als eine Art Beten empfinde. Das hat sich bei mir fast schon natürlich in recht früher Jugend ergeben. Da habe ich gemerkt, dass man mit Musik Dinge zum Ausdruck bringen kann, die Worte nicht vermögen. Eine Art Sehnsucht, die das Transzendente berührt.
Eine Sehnsucht, die sich auch im Religiösen findet oder sogar erfüllen kann?
Ja, das wurde mir dann immer klarer. Und beim Studium der klassischen Musik und der Biografien der großen Komponisten ist mir das spätestens mit 18, 19 Jahren fast schlagartig bewusst geworden, dass all diese großen Komponisten einen tiefen Glauben hatten und ihre Werke als eine Art Lobpreisung Gottes verstanden haben. Ob nun Bach, Beethoven, Brahms, Mendelssohn, einfach alle.
Wie wichtig war für Sie diese Erkenntnis für Ihren weiteren Weg als Pianist und später dann auch als Komponist?
Oh, sehr wichtig, denn ich war nicht immer gläubig. Aber als ich es dann wurde und im nächsten Schritt auch erkannt habe, dass all diese Komponisten vor mir gläubiger Männer waren, kam das schon einem Aha-Erlebnis gleich. Aber da bin ich natürlich nicht der erste, der diese Einsicht hatte.
Aber in der Konsequenz, wie Sie diese Gläubigkeit in Ihrer Musik thematisieren, das ist heute schon die Ausnahme.
Das hat aber auch seine Zeit gebraucht, bis ich das für mich klar in der Musik formulieren konnte. Aber es wäre für mich keine Alternative, das quasi hinter der Musik zu verstecken. Sie ist inspiriert von meinem Glauben und daher bekenne ich mich auch offen dazu.
Wie hat der Glauben Ihren Umgang mit der Musik verändert?
Ich empfinde das Musizieren und auch das Komponieren dadurch vielleicht intensiver, wahrhaftiger. Aber das betrifft nicht nur die Musik, sondern mein ganzes Leben.
Hat der Glauben auch dazu geführt, dass Sie sich verstärkt auf das Komponieren konzentriert haben.
Nein, das war schon von Anfang an so. Als ich Klavier gelernt habe, sind da immer auch kleine eigene Stücke entstanden oder ich habe einfach improvisiert. Aber als Kind habe ich das nicht so ernst genommen. Gleichzeitig war ich auch geprägt vom Bild der zeitgenössischen Musik, die sehr atonal und schwierig sein muss und immer irgendwie schräg. Dem hat meine Musik überhaupt nicht entsprochen und ich dachte, das ist nur etwas für meine eigene, kleine Welt. Dann habe ich aber gemerkt, dass diese Stücke auch anderen gefallen. Daraufhin habe ich das doch ernster genommen und glaube, mittlerweile eine eigene musikalische Sprache gefunden zu haben.
Trotz Ihrer tiefen Gläubigkeit, Ihrer Musik fehlt jegliches missionarische Element. Selbst wer mit Glauben oder Religion nichts anfangen kann, der kann in den Aufnahmen auf „Night Prayers. Mystical Piano Dreams“ versinken und in dieser Mischung aus Klassik, Pop und ein wenig Jazz Schönheit und Tiefe erfahren. Ist Musik, wie in diesem Fall, immer auch eine universelle, für jeden verständliche Form beziehungsweise Sprache eines Gebetes?
Ja, der Hörer braucht keine Voraussetzungen, er muss auch nicht gläubig sein für diese Musik. Aber das spielt auch gar keine Rolle. Der Titel „Night Prayers“ ist da, genau wie die Inspiration durch den Glauben. Die sind wie kleine Schilder, sie weisen nur in eine bestimmte Richtung. Manch einer wird sich beim Hören vielleicht fragen, warum da dieser starke religiöse Bezug ist und das vielleicht sogar weiter verfolgen. Ein andere aber kann die Musik ohne all diese Fragen als genauso schön erfahren und auch Erfüllung finden. Wir alle tragen in uns eine gewisse Musikalität, die sich wie eine Tür zu etwas Unendlichem öffnen kann.
Auch die Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Fieguth hat das Kloster Stift Heiligenkreuz als besonderen Ort entdeckt und den Bildband „Licht einer stillen Welt. Das Geheimnis klösterlichen Lebens“ veröffentlicht. Ein Bild daraus findet sich auch auf dem Cover von „Night Prayers“. Haben Sie sich in dem Kloster kennengelernt?
Wir haben uns über Heiligenkreuz kennengelernt, also über ihren wunderbaren Bildband.
Was ist das Besondere an diesen Bildern?
Sie fangen mehr ein, als das gewöhnliche Auge auf den ersten Blick erkennen kann.
Und schwingt in diesen Fotografien vielleicht auch eine gewisse Musikalität mit?
Ja, jedes Mal wenn ich ein Bild von ihr anschaue, seien es die aus dem Kloster, aber auch andere, steht für mich die Zeit gewissermaßen still. Diese Bilder laden ein zum Verweilen und in mir als Musiker entstehen dann auch Empfindungen, die ich in Töne übersetzte. So ist auch der Zyklus „Heiliger See“ entstanden.
Den Sie am Freitag bei Ihrem Konzert in Potsdam uraufführen werden?
Ja, das ist im Grunde fast der wichtigste Teil des Konzerts. Vor mehreren Jahren hat Monika Schulz-Fieguth den Bildband „Der Heilige See am Neuen Garten“ gemacht. Im vergangenen Jahr habe ich diese Bilder für mich entdeckt und dann noch einen intensiveren Bezug durch einen Besuch in Potsdam dazu bekommen, als ich den See selbst gesehen habe. Diese Bilder von Monika Schulz-Fieguth haben wirklich nach Musik gerufen, ich habe den Klang regelrecht in mir gehört und angefangen, ein Stück zu schreiben. Daraus sind dann fünf ziemlich ausgedehnte Stücke geworden, die sich auf die Hauptbilder von „Der Heilige See am Neuen Garten“ beziehen, die wiederum Bezug auf die Jahreszeiten nehmen.
Fünf Kompositionen für vier Jahreszeiten?
Nein, fünf Kompositionen für fünf Jahreszeiten. Monika Schulz-Fieguth hat das sehr interessant gemacht. Sie hat Frühling, Sommer, Herbst und Winter am Heiligen See fotografiert und dem November hat sie dann ein eigenes Bild gewidmet. Der November als eine Jahreszeit im Übergang. Es ist nicht mehr Herbst, aber auch noch nicht Winter. Das hat etwas ganz Eigenes. Das hat mich einfach so beeindruckt, dass daraus eine fünfte, musikalische Jahreszeit entstanden ist.
Das Gespräch führte Dirk Becker
Ein Klavierabend mit David Ianni am Freitag, dem 24. Februar, um 19 Uhr in der Urania, Gutenbergstraße 71-72. Der Eintritt kostet 10, ermäßigt 8 Euro. „Night Prayers. Mystical Piano Dreams“ ist bei Oehm Classics erschienen, „Licht einer stillen Welt. Das Geheimnis klösterlichen Lebens“ von Monika Schulz-Fieguth und Karl Josef Wallner im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet 29,99 Euro
David Ianni, geb. 1979 in Luxemburg, schloss mit 15 Jahren sein Klavierstudium. Kurz darauf gab er sein Orchesterdebüt. Seit 1998 widmet er sich vermehrt der Komposition eigener Werke.
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