Kultur: Patt zwischen Klassik und Satire
„Hölle, Hölle, Hölle“: Balladenabend-Premiere im Kabarett am Obelisk
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Trau, schau wem! Einem Kabarettisten alles zu glauben, was er von der Bühne herabschwatzt, ist natürlich grundfalsch. Es würde vermutlich auch seine Berufsehre kränken, wozu gibt es den Passus „Untertext“? Nein, wo immer er seinen Fuß hinsetzt, hat man Spitzzüngigkeit, doppelten Boden zu wittern, Satire eben. So kennt man ihn, so will ihn das Publikum sehen. Denkste, dachte man sich in der Charlottenstraße, da sind wir mal wieder dagegen. Überraschung! Wir basteln ein ganz anderes Programm, mal schauen, wie die Leute reagieren.
Also entstand ein melodramatischer Balladenabend der Sparte „Obelisk extra“ – vielleicht, um dezent an den zweiten Teil des Namens zu erinnern, Satire-Theater! Der Titel „Hölle, Hölle, Hölle“ wirkt zwar wie ein dreifaches Verhängnis, ist aber in Wahrheit nur dem putzigen Song „Wahnsinn“ eines gewissen Wolfgang Petry geschuldet, und im Kontext des gut zweistündigen Abends auch nie richtig eingelöst worden. Nicht ganz aufgelöst war zur Premiere am Freitag auch die Frage, was es mit einem der Balladenrezitatoren auf sich hatte. Weil sich die Stammbesatzung des „Obelisk“ diesmal als „kabarettistische Umrankung“ im Dienste der fast vergessenen Balladenkunst verstand, erlebte man Hans-Joachim Finke endlich mal nicht als Honecker-Double, sondern als brillanten wie souveränen Deklamator, der es als einziger verstand, alles gut und frei aus dem Gedächtnis vorzutragen, Brechtens ewig lange „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking“ genauso wie Fontanes Mär von Herrn Ribbecks unverwüstlicher Bern’. An seiner Seite Hasso Lieber, der sich eher als guter Vorleser hervortat.
Die Programmfolge ließ nichts aus, was eine „brachialromantische Balladenrenaissance“ hätte fördern können, Ibykussens Kraniche und Brechts „Mackie Messer“, und Goethes „Zauberlehrling“, Weinerts „Kaktusverein“ genauso wie Hollaenders zauberhaften Text „Circe“, vergnüglich-lieblich von Gretel Schulze vorgetragen. Andreas Zieger hielt sich diesmal eher an sein Klavier, Helmut Fensch machte vorübergehend einen leicht müden Eindruck, nur beim „Goethe-Blues“ mit E-Gitarre gingen beide so richtig zur Sache. Doch irgendwie blieb an diesem Abend doch zu vieles unklar.
Wie sollte das Publikum denn auf die Idee kommen, den Akteuren dort oben plötzlich alles zu glauben, dass sie tatsächlich Balladen-Kultur meinen, und nicht Kabarett? Bei diesem dreimal verruchten Titel? Sie saßen ja brav auf ihren vier Stühlen, erstanden beim Dransein und setzten sich wieder, alles wie bei einem ordentlich’ musikal-literarischen Abend. Anders ausgedrückt: trotz satirisch-umrankender Partien war die „Vereinbarung“ mit dem Publikum mitnichten eindeutig, man erwartete, na? Kabarett natürlich, und glaubte ihnen die Ernsthaftigkeit dieser alternativen Programmfolge nur zögernd, auch wenn Hasso Lieber seine Texte gelegentlich vortrug, als habe er sie für die Penne gelernt. Otto Reutter oder Wolfgang Petry? Dieses Extra blieb ein Patt zwischen Klassik und Humor bis zum vielbeklatschten Finale, welches Finke endlich, mit einem Götz-ähnlichen Zitat, in einen Rauswerfer umwandelte. Gerold Paul
Gerold Paul
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