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Von wegen Jeanswesten. In der Potsdamer Metal-Band The Walls Concave sind eher die netten Jungs von nebenan. Musikalisch geht es aber heftig zur Sache.

© Benjamin Schäffer

The Walls Concave: Professionalisierung der Brachialität

In Potsdam gibt es noch heftige Metal-Bands: The Walls Concave haben jetzt eine CD veröffentlicht

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Wer in einer Metal-Band spielt, hat es oft nicht leicht: Längst ist der ruchlose Ruf dieser extremen Spielart abgekühlt, der abschreckende Impetus früherer Zeiten wird heute oft milde belächelt. Heavy Metal? Man denkt an halbstarke Typen mit langen Haaren und Tätowierungen in Jeanswesten, die sich unförmige Gitarren auf Kniehöhe schnallen und drauflosprügeln – irgendetwas Unmusikalisches.

Völlig zu Unrecht natürlich, steckt doch in heutigen Metal-Bands ungeheures Potenzial an Kreativität und harter Arbeit. Und der Stereotyp des Metalfans ist noch dazu längst überholt – Leidenschaft macht sich einfach nicht mehr an Dresscodes fest. So sieht man der Potsdamer Band The Walls Concave ihre musikalische Stilrichtung auf den ersten Blick gar nicht an: von wegen lange Haare und Jeanswesten. Die Jungs wirken eher wie die sympathischen Nachbarn von nebenan. Am vergangenen Freitag spielte die Band ihr Record-Release-Konzert, nicht einfach irgendwo: Der Gig fand im Archiv statt, immerhin der Laden mit der höchsten Affinität zu brachialen Klängen. Und das war gut gefüllt: Support gab es von Raised Hide aus Berlin und den Potsdamer Kollegen von Vijeriah, mit denen sich ja oft und gern die Bühne geteilt wird.

Die neue EP „Void“, die fünf Titel enthält, geht dementsprechend nach vorn, ohne die Ideale zu verraten – das Songwriting ist von ursprünglichem Death Metal beeinflusst, die ausgefeilten Strukturen und Tempowechsel geben den Songs reichlich Gewicht. Sänger Andreas Gardow beherrscht eine ganze Bandbreite von tiefen Growls bis hin zu fies klingendem Keifen. Der Schlagzeuger leistet Höchstarbeit, Gitarren und Bass sind perfekt aufeinander eingespielt – hier sind keine Hobbymusiker am Werk, sondern Menschen mit einem Hang zur Professionalisierung von Brachialität.

„Eine richtige Metalszene gibt es in Potsdam gar nicht“, sagt Schlagzeuger Matthias Marquardt. Das erzeuge ein Vakuum: „Manchmal wünschen wir uns, in einer richtigen Metalszene zu sein.“ Es gebe zwar andere Bands, und der Nil-Klub am Neuen Palais veranstaltet einmal im Monat den „Metalkeller“, seit sieben Jahren spielen dort an einem Freitagabend im Monat Metalbands, meist aus dem traditionellen Bereich. „Das sind alles gute Bekannte“, sagt Gitarrist Sebastian Gräser. „Aber wir selbst haben damit nichts zu tun.“ Die Metalszene, die in Potsdam fehlt, beschränkt sich auf Berlin: Potsdam sei zwar nicht zu klein, aber schlicht zu unterschiedlich.

Viele Hardcore-Bands haben in den letzten Jahren die Bühnen erobert, aber Hardcore spielen The Walls Concave nicht, eher eine Weiterentwicklung und Modernisierung von Death Metal: „Mein Herz schlägt für Blast Beats“, sagt Schlagzeuger Marquardt. „Seit ich 11 bin, höre ich Metal“, sagt er. „Damit bin ich groß geworden. Ich eifere keinen Vorbildern nach.“

Auch der Gitarrist Sebastian Gräser kam in jungen Jahren zum Metal, geprägt durch seinen großen Bruder, der ihn mit klassischem Hardrock wie Whitesnake, Def Leppard oder den Scorpions sozialisierte. Aber Metal hatte für ihn die nötige Rebellion, etwa so wie Elvis damals. Und dass seine Eltern keinen Metal mochten, habe ihn nur noch mehr angestachelt. „Ich habe erst Saxofon gelernt – aber Jazz war mir einfach nicht intensiv genug.“ Da hatte Metal mehr Potenzial: Wie die Zwölftonmusik als neues musikalisches Ordnungsprinzip die Musik in den 20er-Jahren revolutioniert hat, versteht Gräser Metal als Kontrastpunkt zur herkömmlichen Rockmusik – und als Musiker habe man natürlich den Anspruch, besser zu werden: „Gute Musik ist gute Musik“, sagt er. „Und die entsteht bei uns dadurch, dass wir so verschieden sind – aber das ist die Quintessenz unserer Schnittmenge.“

Dabei entstehen die Songs nicht bei spontanen Jamsessions im Proberaum, sondern Gräser entwickelt gemeinsam mit dem anderen Gitarristen Dirk Adelmeier Ideen, zu denen die anderen dann ihren Senf dazugeben, wie er sagt. „Die Grundlage neuer Songs entsteht nicht im Proberaum – wir haben das probiert, aber es funktioniert nicht.“

Seit 2008 gibt es die Band, die ihren Proberaum in Werder (Havel) hat, in dieser Zusammensetzung – man hat sich gesucht und gefunden, „eine glückliche Fügung“, wie Gräser sagt. Aber dennoch wird die Gemeinsamkeit gerade getrübt: Bassist Michael Plewinski studiert in Leipzig und schafft es nicht mehr, weiter in der Band zu spielen. „Micha ist eine Säule: ein Supertyp und ein geiler Musiker“, sagt Gräser über ihn, das Konzert war gleichzeitig auch der Abschied. Jetzt geht die Suche nach einem geeigneten Bassisten erneut los – irgendwo muss doch noch jemand sein, der genauso viel Leidenschaft besitzt. Oliver Dietrich

Die EP „Void“ kann direkt über die Band geordert werden – außerdem bitten The Walls Concave fähige Bassisten, sie zu kontaktieren.

Oliver Dietrich

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