Potsdam-Mittelmark: „Ick bin ja soo scheen“: Das zweite Leben in der Bütt
Jedes Jahr am 11.11. verwandelt sich Martina Gottwald in die flotte Erna – zur Freude der Beelitzer Narren
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Jedes Jahr am 11.11. verwandelt sich Martina Gottwald in die flotte Erna – zur Freude der Beelitzer Narren Von Michael Kaczmarek Beelitz. Erna steht mit ihrem Lieblingskleid und einem roten Hut unruhig auf der Bühne, dreht sich vom Publikum zum Spiegel und fragt nach der Schönsten im ganzen Land. „Rück ein Stück zur Seite Dicke, damit ich was sehen kann“, ist die spontane Spiegel-Antwort. Doch davon lässt sich Erna nicht entmutigen. „Ick bin ja soo scheen“, ist sie von sich überzeugt und zeigt ihr schönstes Lächeln, dass einzeln stehende, weiße Zähne zwischen großen Lücken zum Vorschein bringt. Das ist seit acht Jahren so und auch am heutigen Abend wird sie ihr Lieblingskleid aus der Mottenkiste zaubern und als Büttenrednerin des Beelitzer Carneval Clubs (BCC) das närrische Volk in die Karnevalssaison führen. „Auf der Bühne bin ich eine Einzelkämpferin“, sagt Erna, die im bürgerlichen Leben Martina Gottwald heißt. „Es ist schwer, allein auf weiter Flur zu stehen, aber dafür gehört mir dann auch der ungeteilte Erfolg“, erzählt die gebürtige Beelitzerin und Wahlpotsdamerin. In ihren Reden macht sie sich am liebsten über sich selber lustig, spöttelte schon oft über ihre Figur oder ihren Mann. „Mein Mann musste besonders leiden. So sehr, dass ich jetzt keinen mehr habe“, sagt die 47-jährige Büttenrednerin. Mit ihrem Programm hatte sie sich bereits in den vergangenen beiden Jahren für die RBB-Fernsehgala „Heute steppt der Adler“ qualifiziert, und auch diesmal hofft sie, im kommenden Februar, bei der Show in Cottbus dabei zu sein. Für die Bütt lässt sie sich von Beiträgen im Fernsehen, Kommentaren auf der Straße oder Zeitungsberichten inspirieren. „Ich ziehe mir da etwas raus und formuliere es um, so dass es auf mich passt“, beschreibt sie ihr Rezept. Die Angst vor einem Publikum, dass auf die Späße nicht eingehen will, geht aber immer mit zu den Veranstaltungen. „Einmal hat mich eine Gaststätte zu einem 90. Geburtstag engagiert und das Publikum konnte mit mir einfach nichts anfangen. Da musste ich mich einfach durchquälen, und es ist schon eine Kunst da nicht aufzugeben.“ Aufgegeben hat sie ihren Hang zur Selbstsatire auch nicht, als ihre drei Kinder sich für ihre Auftritte geschämt haben. Das Durchhaltevermögen hat sich gelohnt, denn heute sind ihre beiden Töchter und ihr Sohn stolz auf ihre Mutter. Und auch die dritte Generation hat sich von der „Oma Erna“ bereits in den Faschingsbann mitziehen lassen. Ihr Neffe, zwei Nichten und ein Enkel sind bereits im BCC aktiv und selbst die Kinder kommen mindestens einmal pro Saison, um Erna live zu erleben. Der Beelitzer Faschingstradition ist Martina Gottwald schon verfallen, lange bevor sie sich auf die Bühne gewagt hat. Sie hat noch keine Saison verpasst und als sie 1995 mit dem BCC zum Karneval in die Beelitzer Partnerstadt Ratingen bei Düsseldorf gefahren ist, hat sie sich entschieden: „Da will ich auch mitmachen. Eigentlich wollte ich zu den Sängern, aber ich singe eher laut als gut.“ Deshalb habe sie sich letztendlich als Büttenrednerin auf die Bühne gestellt. „Da ich aber immer noch gern und laut singe, schließe ich meine Reden immer mit einem kleinen Lied.“ In dieser Saison erwartet die Besucher „Hier bei uns im Osten wird Freundschaft nie was kosten“. Die große oder kleine Politik, die oft von Büttenrednern aufs Korn genommen wird, bleibt bei Erna aber verschont. „Ich habe das Gefühl, dass die Beelitzer nicht auch noch in der Faschingszeit an das Elend erinnert werden wollen, dass sie auch sonst umgibt.“ Überhaupt ist die Faschingssaison für sie die Zeit, in der man den Alltag und alle Sorgen hinter sich lassen kann, und einfach fröhlich und frei ist. „Natürlich sollte das auch an anderen Tagen so sein, aber man trifft so viele Gleichgesinnte und dieses Gemeinschaftsgefühl ist einfach wunderbar.“ Das zweite Leben als Erna in der Bütt: Eine willkommene Abwechslung auch für die gelernte Erzieherin, die vor elf Jahren als Sozialarbeiterin in das Jugendamt Potsdam wechselte, und dort Tag für Tag Anträge auf Erziehungshilfen bearbeitet. Aber auch außerhalb der Karnevalssaison entflieht Martina Gottwald gern dem Ernst des Alltags,verwandelt sich bei Stadtfesten, Geburtstagen und anderen Feierlichkeiten in Erna, in das junge Tanzmariechen oder aber in Gotti, den Clown. Zusammen mit ihrem 14-jährigen Neffen Ricardo alias „Rici“ versucht Gotti dann die Kinder mit Zaubertricks und lustigen Albernheiten in den Bann zu ziehen. „Natürlich ist bei zwei Clowns immer einer der Dumme. Naja, und das bin dann ich“, sagt Gotti. Für Martina Gottwald kommt es allein darauf an, den Leuten Spaß zu bringen. „Das muss ich von meinem Vater geerbt haben“, erzählt sie. Auch er konnte einen vollen Bus allein unterhalten – diese besondere Gabe sei ihr wohl in die Wiege gelegt worden.
Michael Kaczmarek
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