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Falscher Eindruck. Sie spielen, lachen und toben herum – das, was so unbeschwert wirkt, ist es vielleicht gar nicht. Ein Filmprojekt in Teltow mit Flüchtlingskindern zeigt, wie sehr ihnen ihre Fantasie hilft, um die Fluchterlebnisse zu verarbeiten.

© dpa

Potsdam-Mittelmark: Treibstoff für die Seele

Wie Flüchtlingskinder den Alltag in Teltow erleben – ein Film, der Erwachsenen zu denken geben sollte

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Kleinmachnow – Lustig sollte ihr Film werden, das betonen die sieben Flüchtlingskinder oft an diesem Abend der kleinen Filmpremiere, die in der Kleinmachnower Volkshochschule am Mittwoch auf ein interessiertes Publikum trifft. Die Kinder drehten im Sommer mithilfe von Medienpädagogen einen Kurzfilm. Das Drehbuch durften sie selbst bestimmen, eigentlich sollte es um ihre neue Heimat in Teltow gehen. Entstanden ist etwas ganz anderes.

Der Film „Lama und die Zauberabenteuer“ ist ein Märchen – und wie in jedem Märchen siegt das Gute über das Böse. Da ist die Zauberin Lama, die noch das Zaubern lernt, weshalb ihr ab und zu kleine Fehler unterlaufen. Doch sie kann die Mannschaft eines Raumschiffes retten, das von einem Monster bedroht wird. Lustig und turbulent agieren die Darsteller und der Zuschauer ahnt, dass diese Heiterkeit der Treibstoff für ihre Seele ist, deren Tank in den letzten Jahren offenbar selten aufgefüllt wurde.

Denn diese Kinder haben eine lange Odyssee hinter sich. Sie sind mit ihren Eltern und Geschwistern aus Tschetschenien, dem Tschad und Syrien geflüchtet und gehören zu den Flüchtlingen, die noch nicht wissen, ob sie bleiben dürfen. Das klingt manchmal an, wenn beispielsweise die Titelheldin Lama als kleine Radfahrerin vorgestellt wird, die allein durch viele Länder reist und kein Zuhause hat. Mit ihrer Zauberkunst will sie anderen helfen und dafür sorgen, dass alle zusammenbleiben können. Das wünschen sich auch die Darsteller des Films, die im Alltag jedoch erleben müssen, wie Freunde abgeschoben werden.

So wird nachvollziehbar, dass Teltow für sie noch nicht Heimat sein kann, obwohl sie sich das wünschen. Ursprünglich planten die beiden Medienpädagogen Susanne Grunewald und Bettina Hohorst, die Mädchen mit der Kamera in ihrem Teltower Alltag zu begleiten, doch die Kinder machten selbstbewusst klar, dass sie lieber ihre eigenen Ideen umsetzen wollten.

Parallel zum Filmemachen konnten Frauen und Mütter aus dem Teltower Übergangsheim in einem Projekt ihr Alltagsdeutsch beim Einkaufen und Kochen erproben. Zuvor mussten sie aber erst einige Hemmungen überwinden. „Es war schwierig, an die Mütter heranzukommen“, berichtete Bettina Hohorst. Es gelang erst nach mehreren Anläufen. „Fremden Menschen zu vertrauen war für die Frauen anfangs ganz schwierig.“ Hinzu kamen Sprachbarrieren.

Während die Eltern sich Wort für Wort mühevoll die deutsche Sprache aneignen, lernen ihre Kinder in Kita und Schule die Sprache von allein und übernehmen bei Behördengängen oft die Rolle des Dolmetschers. Dass sie damit oft seelisch überfordert sind, erläuterte die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Potsdam-Mittelmark, Theresa Arens, mit Verweis auf eine aktuelle Unicef-Studie, die untersucht hat, wie Flüchtlingskinder in Deutschland leben.

Die Studie kommt zu einem harten Urteil: Flüchtlingskinder werden gar nicht wahrgenommen, allenfalls als Anhang der Eltern. Vor allem die Unterbringung schade den Kindern. „Kinder in Gemeinschaftsunterkünften sind stigmatisiert, denn sie haben keine Privatsphäre und können nicht einmal Freunde nach Hause einladen“, erklärt Arens. Auch wenn die Kinder krank werden, stehen Hürden an: Das Ausländer- und Asylrecht schreibt vor, dass beispielsweise Arztbesuche genehmigt werden müssen.

Dass Eltern oftmals nur flüchten, um ihre Kinder vor Zwangsrekrutierung, Beschneidung oder Zwangsheirat zu schützen, werde bei Asylverfahren nicht ausreichend berücksichtigt und viele Anhörungen ohne die Kinder durchgeführt, so Arens. Dagegen besagt die Uno-Kinderrechtskonvention, dass alle Maßnahmen, die die Heranwachsenden betreffen, vorrangig im Asylverfahren berücksichtigt werden müssen. Diese Konvention hat Deutschland 1992 unterzeichnet.

Unbeirrt von alledem hat die kleine Filmcrew an diesem Abend schon eine neue Projektidee entwickelt. Sie möchten einen Film über Schmetterlinge drehen, weil die „so lustig fliegen“.

Kirsten Graulich

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