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Auch Gotteshäuser werden von der russischen Armee nicht verschont. In Yasnohorodka nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew steht ein Priester in den Trümmern seiner Kirche.

© Imago/Celestino Arce

Tagesspiegel Plus

Religion in der Ukraine: Das Land der Kirchen

Zwischen Religion und Politik: Die Glaubensvielfalt, die sich nach dem Ende der Sowjetunion in der Ukraine entwickelt hat, bietet auch Chancen.

Dieses Ostern wird anders. Ganz anders, als Vitalii Tkachuk es je erlebt hat. Er wird es alleine feiern, denn Russlands Krieg gegen die Ukraine hat seine Familie auf drei Länder verteilt. Vitalii, 31, stellvertretender Leiter eines Kiewer Ikonenmuseums, hat den Krieg seit Monaten kommen sehen. Doch erst zehn Tage nach Kriegsbeginn konnte er die wertvollsten und ältesten Ikonen seines stattlichen Museums – 400 Tafeln aus dem 15. bis 18. Jahrhundert – endlich in Sicherheit bringen.

Seit er denken kann, feiert seine orthodoxe und russischsprachige Familie das Osterfest gemeinsam auf dem Dorf in der Nähe von Chernihiv, der Großstadt im Norden der Ukraine. Diesmal wird er seine Mutter in einer Braunschweiger Klinik anrufen, wohin sie mit einer schweren Schusswunde durch russische Angriffe vor drei Wochen fliehen konnte und wo sie operiert wurde. Seine Frau Nadia und der kleine Sohn Ivan sind auf dem Weg nach England, wo eine Londoner Familie ihr Dachgeschoss frei gemacht hat. Vitalii selber musste Kiew verlassen und ist in der Westukraine bei einem katholischen Priester untergekommen.

72 Prozent aller Ukrainer bezeichnen sich als religiös

Vitalii mit seiner Begeisterung für die Schönheit mittelalterlicher Ikonen und mit seiner präzisen Sprache, wenn es um das Verhältnis von Religion und Politik in der Ukraine heute geht, verkörpert den enormen Aufschwung der Religionen in der Ukraine nach 1989. Ein Aufschwung, der in den folgenden zwanzig Jahren zu einer Vielfalt von Kirchen geführt hat, wie es im postsowjetischen Raum bis heute einzigartig ist. 2008 bezeichneten sich 81 Prozent aller Ukrainer als religiös, 2018 waren es immer noch 72 Prozent. Wie lässt sich diese Religiosität erklären? Und welche Kirchen ziehen die Menschen an?

Die kirchliche Vielfalt der Ukraine ist auch eine historische Folge ihrer geografischen und kulturellen Lage im Schnittpunkt von drei Empires: Russland, der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich. Der Herrscher der Kiewer Rus, jenes mittelalterlichen Staates, der von Russen, Weißrussen und Ukrainern besiedelt war, ließ sich 988 taufen und erzwang Massentaufen der Bevölkerung im Dnjepr. Die nachfolgende Zugehörigkeit großer Teile der Ukraine zu Russland führte dazu, dass die orthodoxe Kirche in den Provinzen nie unabhängig war, sondern Bestandteil der russischen orthodoxen Kirche blieb und deren Oberhaupt, dem Patriarch von Moskau, unterstand.

Blick vom Glockenturm auf die Uspenski-Kathedrale und das Kiewer Höhlenkloster Petscherskaja Lawra.

© imago images/H. Tschanz-Hofmann

In der westlichen Ukraine und vor allem in Galizien, das seit 1772 zu Österreich-Ungarn gehörte, war der Einfluss der katholischen Habsburgermonarchie stark. Hier entwickelte sich eine Kirche für die ukrainischen Bauern, die orthodoxe und katholische Elemente verband. Angehörige dieser griechisch-katholischen Kirche befolgten orthodoxe Riten, ihre Priester durften heiraten, aber sie nahmen das Abendmahl nach katholischem Brauch und verehrten den Papst als kirchliches Oberhaupt. Auf der Krim schließlich, die viele Jahrhunderte unter osmanischer Herrschaft stand, war der Islam die dominierende Religion der Tataren, die auch die russische Herrschaft seit 1783 tolerierte.

Für all diese Religionen, ihre Kirchen, ihre Gläubigen, war der Bruch durch 70 Jahre militanten Atheismus in der Sowjetunion die entscheidende Erfahrung im 20. Jahrhundert. Diese Vergangenheit prägt ihren unterschiedlichen Charakter in der Gegenwart. Gleichsam aus Ruinen auferstanden ist die griechisch-katholische Kirche. Sie wurde 1946 von der sowjetischen Geheimpolizei liquidiert: Ihre Bischöfe landeten in Arbeitslagern, ihre Gebäude wurden der Orthodoxie übergeben. In der sowjetischen Ukraine lebte sie als Untergrundkirche fort, weshalb Laien, und wenige Pfarrer die Gemeinschaft am Leben erhielten.

Was ein Problem unter der sowjetischen Herrschaft war, verwandelte sich in eine Chance, als diese 1991 zusammenbrach. Hier war eine Kirche, die nicht wie die orthodoxe Kirche mit der Sowjetregierung paktiert hatte; hier gab es Kritik an den korrupten ukrainischen Regierungen der 1990er und 2000er Jahre; und hier sammelte sich eine intellektuelle Elite um den griechisch-katholischen Führer Lubomyr Husar, den Vitalii als das „Gewissen der Nation“ bezeichnet.

Der griechisch-katholische Führer Husar war auf dem Maidan dabei

Über 80 Jahre alt und fast blind rief Husar auf dem Maidan 2014 zu zivilem Protest gegen das korrupte Janukowitsch-Regime auf. Obwohl derzeit nur etwa zehn Prozent der Ukrainer der griechisch-katholischen Kirche angehören, wächst ihre Ausstrahlungskraft. Gerade die theologische Stellung zwischen Katholiken und Orthodoxen, die allzu scharfe Ab- und Ausgrenzungen verhindert, ist für viele jüngere Ukrainer zur Quelle der Inspiration geworden – und eine Alternative zur russischen Orthodoxie, deren gesellschaftlicher Konservativismus ebenso aufstößt wie die Orientierung ihrer Spitze an Moskau.

Mit dem Versuch, immer wieder Brücken zu schlagen zwischen den christlichen Religionen, auch ein Relikt ihrer vormodernen Geschichte, hat die griechisch-katholische Kirche heute eine besondere postmoderne Qualität gewonnen, die in Kiew immer mehr Menschen anzieht. Beherrschend ist weiterhin der orthodoxe Glaube in der Ukraine, rund 68 Prozent der Bevölkerung rechnen sich ihm zu. Doch die politischen Brüche und Erschütterungen des Landes spiegeln sich unmittelbar in der religiösen Landschaft wider. Oft zeichnen sich auf dem so lebendigen religiösen Feld bereits Trends ab, die erst später politisch wirksam werden.

Überlebende aus der Region Mariupol beten in einem Keller des Frauenklosters von Hoschiw.

© Nariman El-Mofty/AP/dpa

Direkt nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Gründung eines ukrainischen Staates kam es 1992 zur Kirchenspaltung in eine ukrainische orthodoxe Kirche unter einem Kiewer Patriarch, die ihre Bischöfe selber bestimmten konnte. Sowie die russische orthodoxe Kirche, die weiter unter Moskauer Führung blieb. Anerkannt wurde die neue ukrainische orthodoxe Kirche jedoch nicht. Hier das Sakrament zu empfangen, das war aus der Sicht des russisch-orthodoxen Klerus, wie ins Kino zu gehen.

Die Parallelität mehrerer orthodoxer Kirchen, insgesamt sind es derzeit drei, wurde in den 2000er Jahren relativ pragmatisch gehandhabt. Doch die militärische Aggression Russlands mit der Besetzung der Krim 2014 und dem beginnenden Krieg in der Ostukraine einerseits, die Westorientierung der ukrainischen Kirchen andererseits, führten in den letzten Jahren zu einer Politisierung von Religion, die 2018 gleichsam explodierte.

Konstruktive und destruktive Elemente der Religion

Das Oberhaupt der russischen Orthodoxie, der Moskauer Patriarch Kyrill, heizte den kirchlichen Konflikt massiv an, indem er Kiew als „südlichste Hauptstadt der russischen Orthodoxie“ und die Ukraine als Schlachtfeld bezeichnete, wo die russisch-orthodoxe Kultur eine westliche Dechristianisierung bekämpfen müsse. Eine komplette Verdrehung der Tatsachen angesichts der Realität, dass sich in Russland derzeit rund 55 Prozent der Bevölkerung als religiös bezeichnen – im Gegensatz zu den 72 in der Ukraine.

Im Winter 2018 eskalierten die Spannungen, als der Patriarch von Konstantinopel, das formale Oberhaupt der orthodoxen Weltkirche, der ukrainischen orthodoxen Kirche die Eigenständigkeit, den sogenannten kanonischen Status, zuerkannte. Aus Moskau reagierte Kyrill fünf Tage später, indem er den Gläubigen die gemeinsame Liturgie verbot. An diese Erschütterung der orthodoxen Weltkirche erinnert sich Vitalii noch allzu gut.

Christmesse im Kloster Petscherskaja Lawra. Im orthodoxen Glauben fällt laut Julianischem Kalender das Weihnachtsfest auf den 7. Januar.

© imago images/ITAR-TASS

Im Dezember 2018 ließ die russische orthodoxe Kirche Zigtausende von Menschen in Bussen nach Kiew bringen, die dort gegen die neue Eigenständigkeit, die sogenannte Autokephalie, der ukrainischen Orthodoxie protestierten. Gleichzeitig fanden ukrainische Konkurrenzveranstaltungen statt, die an die Massentaufen in Kiew – nicht in Moskau – im Jahr 988 erinnerten. Die Marschrouten der religiösen Konkurrenten waren aber so organisiert, dass sich die Demonstranten in der Dreimillionenstadt nicht begegneten. Was macht der Krieg mit dieser Vielfalt von Kirchen, dem Nebeneinander von unterschiedlichen orthodoxen Ausrichtungen?

Vitalii sieht beide Potenziale von Religion stärker werden, „das konstruktive und das destruktive“, wie er sich ausdrückt. Einerseits unterstützt die Spitze der russischen Orthodoxie und der Moskauer Patriarch Kyrill den russischen Angriff auf die Ukraine, segnet Rekruten vor ihrer Abreise an die Front und schenkt der Armee Ikonen für den Sieg. Gleichzeitig helfen ukrainische Priester seiner eigenen Kirche den ukrainischen Soldaten, die sie mit Autos und Kleidung versorgen und deren häufigem Wunsch nach der Taufe sie nachkommen.

Andererseits führt der Krieg, so beobachtet es Vitalii, zu einer neuen ökumenischen Perspektive, die sich von Dogmen löst und gemeinsame christliche Werte nach vorne stellt. Auch die jüdischen Gemeinden ebenso wie der ukrainische Mufti, das Oberhaupt der Muslime, haben zum Widerstand gegen Putins Aggression aufgerufen. Alle Kirchen und Religionsgruppen der Ukrainer, einschließlich der unteren Geistlichen der russisch-orthodoxen Kirche, sind enorm engagiert in der humanitären Hilfe und mobilisieren auch ihre europäischen und globalen Kontakte. Kirchliche Gräben vertiefen und religiöse Unterschiede zeitweise außer Kraft setzen: Dieser Krieg spaltet und verbindet gleichermaßen.

Die Autorin lehrt Europäische und Globalgeschichte an der Universität Rostock.

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