Analyse zum DBB-Team bei der Basketball-WM : Eine vielschichtige Enttäuschung

Zum Abschluss der Basketball-WM gewinnt Deutschland gegen Kanada. Die Turnierleistung der deutschen Basketballer wirft dennoch einige Fragen auf.

Louis Richter
Ein Krampfakt. Maxi Kleber (rechts) und die deutschen Basketballer enttäuschten bei der WM in China.
Ein Krampfakt. Maxi Kleber (rechts) und die deutschen Basketballer enttäuschten bei der WM in China.Foto: dpa

Die Freude fiel bei den deutschen Basketballern sehr gehemmt aus. Sie gewannen zwar am Montag in Schanghai ihr letztes Spiel dieser Weltmeisterschaft mit 82:76 (36:33) gegen Kanada – und sind somit bei einem der vier olympischen Qualifikationsturniere dabei. Weil das deutsche Nationalteam dies aber auch mit einer Niederlage von 48 Punkten getan hätte, war das Spiel nur von geringer sportlicher Bedeutung. So bleibt nach dieser WM vor allem große Ernüchterung. Der Turnierverlauf wirft Fragen auf, auf die die Mannschaft und der Verband schnell Antworten finden müssen.

Wie viel Schuld trifft Dennis Schröder?

Die Schlusssequenz der letztlich entscheidenden Niederlage gegen die Dominikanische Republik ist symbolisch für die WM von Dennis Schröder. Der selbsternannte und auch vom Team auserkorene Anführer zog mit seinem enormen Tempo zum Korb und hätte das Spiel mit einem Korbleger mit der Schlusssirene ausgleichen können. Im rückblickend wichtigsten Moment des Turniers entschied sich Schröder, dem viele Außenstehende eben vorwerfen, offensiv zu viel alleine machen zu wollen, jedoch für das Abspiel. Der Wurf von Danilo Barthel verfehlte das Ziel. Es war eine von mehreren unklugen Entscheidungen Schröders in der Schlussphase des Spiels. Nicht erst seitdem gibt es Zweifel daran, ob er diese Mannschaft führen kann. Auch, weil der 25 Jahre alte NBA-Star defensiv über weite Strecken eine klare Schwachstelle darstellte und das Team auch in Sachen Körpersprache gegen die Dominikaner nicht mitriss.

Ins Zentrum der Kritik beförderte sich Schröder auch mit seinen Aussagen nach dieser Niederlage. Denn obwohl sich erst zahlreiche Mitspieler für ihn ausgesprochen hatten, monierte Schröder mangelnde emotionale Unterstützung der Bankspieler während des Spiels irritierte mit der Aussage, dass nicht alle Spieler „mitziehen“ würden. Bayerns Sportdirektor Marko Pesic sagte daraufhin bei „Magenta Sport“: „Er ist der beste Spieler, aber kein Anführer.“ Bundestrainer Henrik Rödl betonte dagegen mehrfach, dass sich Schröder teamintern vorbildlich verhalte.

Klar ist: Das Abschneiden der Deutschen nur an Schröder festzumachen, der auch hauptverantwortlich dafür war, dass das Spiel gegen Kanada nach Rückstand noch gewonnen wurde, greift deutlich zu kurz. Rein statistisch war Deutschland mit Schröder auf dem Platz 9,8 Punkte besser als der Gegner. Mit 9,4 Assists pro Spiel ist er zudem der beste Vorlagengeber des gesamten Turniers mit 19,5 Punkten ist er der fünftbeste Punktesammler. Diese Werte sind elitär. Der Aufbauspieler bediente seine Mitspieler mitunter exzellent, fand aber in den wichtigen Phasen der ersten beiden Spiele nicht den passenden Mix aus Wurf und Abspiel. Schröder sagte dazu: „Das ist mein Spiel, das werde ich weiterhin machen.“ Sportlich wird niemand etwas dagegen haben. Als möglicher Anführer kann sich Schröder dagegen sicherlich noch steigern.

Hat Henrik Rödl die falsche Taktik gewählt?

Bundestrainer Henrik Rödl, der als besonnener Coach gilt und den Spielern viel Vertrauen schenkt, probierte zwar diverse Formationen aus, konnte vor allem bei den Niederlagen gegen Frankreich und die Dominikaner aber kaum taktische Akzente setzen. Auch muss die Frage an den Verband erlaubt sein, ob schwache Testspielgegner wie Schweden, Ungarn oder Tunesien die optimale Vorbereitung darstellten. Eine Jobgarantie sprach DBB-Präsident Ingo Weiss dem Trainer dennoch aus: „Henrik ist bei mir unumstritten, er wird bei Olympia und der EM als Trainer auflaufen.“ Einzig gegen den Senegal und Jordanien griffen bei den Deutschen phasenweise einstudierte Automatismen. Ein nachhaltiges System, dass auch die Spieler um Schröder dauerhaft einbindet, wurde aber nicht implementiert.

Zu wenig eingegriffen? Auch Bundestrainer Henrik Rödl wird kritisch beäugt. Er erhielt dennoch während des Turniers eine Jobgarantie.
Zu wenig eingegriffen? Auch Bundestrainer Henrik Rödl wird kritisch beäugt. Er erhielt dennoch während des Turniers eine...Foto: dpa

Was fehlt der Mannschaft?

Vor allem mangelt es dem deutschen Team an Spielern, die die Offensive eigenständig ins Laufen bringen können. Bis auf Schröder ist es nicht ein Spieler der Mannschaft in seinem Verein gewohnt, die erste Option im Angriff zu sein – vor allem nicht in entscheidenden Spielsituationen. Auch Marko Pesic sagte deshalb, dass sich das Team hinter der „Schröder-Diskussion“ verstecken würde: „Man muss Schröder auch helfen. Man muss einen Mittelweg finden.“ Saß Schröder auf der Bank, war nur selten klar, wer die Verantwortung schultern soll. Auch, weil hochklassige Spieler wie Kleber, Theis oder Voigtmann als große Spieler auf Zuspiele angewiesen sind und nur bedingt in diese Rolle schlüpfen können. Paul Zipser fand offensiv nie ins Turnier. Die deutsche Mannschaft braucht aber mehr Spieler, die bei aller notwendigen Mannschaftsdienlichkeit offensiv konstant Selbstbewusstsein und Gefahr ausstrahlen und auch per Einzelaktion punkten können, speziell auf den Flügelpositionen.

Wurde das Team überschätzt?

Nein. Drei NBA-Spieler, dazu zahlreiche Spieler, die in die Euroleague aktiv sind: Von diesem Zustand träumte Basketball-Deutschland noch vor zehn Jahren. Die Qualität für die Zwischenrunde brachte diese Mannschaft individuell mit – sie hat sie allerdings weder offensiv noch defensiv als Kollektiv umsetzen können und sich auch wegen mangelnden Einsatzes gegen die Dominikanische Republik völlig unter Wert verkauft.

Was bedeutet die WM für den deutschen Basketball?

Einen herben Rückschlag. Jetzt gerade noch bei einem olympischen Qualifikations-Turnier dabei zu sein, ist nicht mehr als ein Trostpreis. Bei der WM war ein Weiterkommen in die Zwischenrunde Pflicht. Das Ziel muss es nun sein, sich im nächsten Sommer für Olympia zu qualifizieren und sich dort als die spielerisch starke Einheit zu präsentieren, die bereits in China erwartet worden war. Nur so kann echte Vorfreude auf das nächste große Ziel entfacht werden: Die Basketball-EM 2021 mit einer Vorrunde in Köln und der Finalrunde in Berlin.

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