Big Four - die US-Sport-Kolumne : Drew Brees: Kleiner Mann, großer Wurf

Drew Brees bricht einen NFL-Rekord - dabei galt der Quarterback eigentlich als zu klein für seine Position. Aber Brees hat alle Skeptiker Lügen gestraft.

Immer neue Höhen. Drew Brees hat einen der prestigeträchtigsten NFL-Rekorde gebrochen.
Immer neue Höhen. Drew Brees hat einen der prestigeträchtigsten NFL-Rekorde gebrochen.

Humor haben die großen Stars des US-Sports schon, das muss man ihnen lassen. Für Peyton Manning gilt das ganz besonders, am Montagabend hat er es wieder einmal bewiesen. Da meldete sich  die Quarterback-Legende vom Tomatenschneiden aus der heimischen Küche. Manning sprach über eine gewaltige Videoleinwand zu den 73000 Menschen, die im Superdome seiner Heimatstadt New Orleans das Spiel ihrer Saints gegen die Washington Redskins (Endstand: 43:19) in der National Football League (NFL) verfolgten - und zur Sportnation, die sich geschlossen vor dem Fernseher versammelt hatte. Schließlich war etwas Großes in Gange, etwas Historisches.

1000 Tage hatte Peyton Manning, NFL-Profi von 1998 bis 2015, einen der prestigeträchtigsten Rekorde der NFL gehalten: den für die meisten geworfenen Yards in der Geschichte der Liga. „Das waren die glücklichsten 1000 Tage meines Lebens“, sagte Manning und wandte sich an den neuen Rekordhalter: an Drew Brees, 39, Spielmacher der New Orleans Saints. „Das hast du nun ruiniert“, rief er ihm zu – und hatte die Lacher auf seiner Seite. Manning und Brees sind nicht nur zwei der besten Quarterbacks überhaupt, sie kennen und mögen sich auch. Alles nur Show also.

Peyton Manning gratuliert dem neuen Rekordhalter

Bis zum Monday Night Game lag Mannings alte Bestmarke bei 71940 Yards, dicht gefolgt von Brett Favre mit 71838 Yards. Brees übertrumpfte die beiden mit einer Galavorstellung (363 Yards, drei Touchdowns) in einem einzigen Spiel und steht nun bei 72103 Yards. Tendenz: steigend. Brees besitzt noch einen Vertrag bis 2020 bei den Saints.  Überhaupt gilt in der NFL: Wer Rekorde von Manning oder Favre bricht, muss Außergewöhnliches geleistet haben. Dessen war sich auch Brees selbst bewusst. „Meine Karriere ist so außergewöhnlich erfolgreich verlaufen“, sagte er, „ich hätte es mir nicht besser wünschen können und bin überglücklich.“

Dabei ist Brees gerade in jungen Jahren durchaus skeptisch beäugt worden; am College war er kein Star wie Peyton Manning, dem frühzeitig eine große Karriere prognostiziert wurde. Bei der alljährlichen Talentwahl der NFL, dem sogenannten Draft, entschieden sich die San Diego Chargers erst in der zweiten Runde an 32. Stelle für Brees; mit einer Körpergröße von 1,83 Metern galt der Spielmacher eigentlich als zu klein für seine Position. Reine Länge ist für NFL-Quarterbacks Grundvoraussetzung, sie ermöglicht ihnen eine gute Übersicht für das weitläufige Feld. So weit jedenfalls in der Theorie.

Brees hat alle Skeptiker Lügen gestraft, er gilt längst als einer der besten Quarterbacks der Geschichte – zumal es eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis er den nächsten bedeutsamen Rekord bricht: den für die meisten Touchdownpässe. Auch in dieser Kategorie liegt akutell Peyton Manning auf Rang eins (539), gefolgt von Favre (508), Tom Brady (500) und eben Brees (499). „Wenn mir das jemand vor 20 Jahren gesagt hätte, ich hätte es nicht geglaubt“, sagt Brees.

Der Wechsel nach New Orleans war ein Glücksfall

Auf seiner ersten Karriere-Station in San Diego musste sich der heute 39-Jährige gegen viele Widerstände durchsetzen. Trotz guter Leistungen erfuhr er nie die Wertschätzung, die ihm lieb gewesen wäre. Folglich wechselte Brees 2006 von den Chargers zu den New Orleans Saints. Die Entscheidung sollte sich als echter Glücksfall erweisen – für beide Seiten. Brees blühte unter seinem neuen Coach Sean Payton regelrecht auf, unter den beiden entwickelten sich die Saints zu einem Titelanwärter. 2010 gewannen sie schließlich den Super Bowl – und sorgten indirekt für eine extrem rührselige, viel beachtete Geschichte.  Vier Jahre, nachdem Hurricane Katrina über New Orleans hinweggefegt war und die Stadt verwüstet hatte, bejubelten die Fans im heimischen Superdome den NFL-Titel. Die Erinnerung an die Naturkatastrophe war auch deshalb sehr präsent, weil die Arena als Auffangbecken und Notversorgungslager für viele Opfer gedient hatte.

Seit dem Titelgewinn sind die Saints allerdings nicht mehr in die Nähe eines Super-Bowl-Einzugs gekommen, im Gegenteil: ihre Mannschaft war in den vergangenen Jahre eher mittelmäßig, abgesehen von ihrem herausragenden Quarterback. Im Herbst 2018, so scheint es, haben sie in New Orleans wieder ein Team zusammen, das sich berechtigte Hoffnungen machen darf: Nach vier Spieltagen stehen die Saints bei einer Bilanz von 3:1-Siegen und führen ihre Division, die nach allgemeinem Dafürhalten stärkste der NFL an.

Und selbst wenn es nichts wird mit dem Titel oder den Play-offs: Drew Brees ist sein Platz in der Geschichte nicht mehr zu nehmen – und das ist in der Tat wörtlich zu verstehen. In Canton im US-Bundesstaat Ohio jedenfalls haben sie bereits einen Glaskasten für den Ball reserviert, mit dem Brees seinen jüngsten Rekord aufgestellt hat. Dort hat die „Hall of Fame“ des American Football ihren Sitz.

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