Big Four - die US-Sport-Kolumne : Neue NFL-Regeln: Mit dem Kopf durch die Wand

Für Verteidiger wird es in der NFL immer schwerer, den gegnerischen Quarterback zu bedrängen. Schuld ist ein neues Regelpaket, das zu Kontroversen führt.

Pittsburgh-Quarterback Ben Roethlisberger (Nr. 7) wird im Spiel gegen Cleveland von Myles Garrett gestoppt.
Pittsburgh-Quarterback Ben Roethlisberger (Nr. 7) wird im Spiel gegen Cleveland von Myles Garrett gestoppt.Foto: AFP

Ben Roethlisberger ist das, was sie in den Vereinigten Staaten einen „NFL Veteran“ nennen. Der Quarterback der Pittsburgh Steelers spielt bereits seine 16. Saison in der National Football League, er hat der alten Stahlstadt im Bundesstaat Pennsylvania zwei Super-Bowl-Siege und viele weitere große Momente beschert, nicht ohne Grund trägt er den Spitznamen: Big Ben. Man darf dem 36-Jährigen also einen reichen Erfahrungsschatz und eine gewisse Regelkunde attestieren. Unter sportlichen Aspekten jedenfalls hat Roethlisberger so ziemlich alles gesehen und erlebt.

Neulich verschlug es allerdings selbst dem Veteranen die Sprache, auf einmal verstand er die Football-Welt nicht mehr. „Für mich waren das keine überharten Fouls, es waren nicht mal Fouls“, sagte Roethlisberger, „ich habe mich gewundert, dass die Schiedsrichter das offenbar anders sehen.“ Im Spiel gegen die Kansas City Chiefs war Roethlisberger vier Mal zu Boden gebracht worden, bevor er den Ball passen konnte. „Sack“ heißt das im American Football – eine der schwierigsten und spektakulärsten Übungen, die die Sportart hergibt. NFL-Verteidiger lassen sich für einen solchen Sack feiern wie Offensivspieler nach einem Touchdown.

"Für mich war das nicht überhart, es war nicht mal ein Foul"

Neuerdings dürfen sie das jedoch immer seltener tun. Schuld daran ist die Modifikation der sogenannten „Roughing-the-Passer“-Regel. Verteidiger werden immer häufiger und schneller dafür bestraft, wenn sie den gegnerischen Quarterback umreißen und mit ihrem Körpergewicht auf ihm landen. Die Idee dahinter ist so logisch wie nachvollziehbar: die NFL will ihre Spielmacher, die unumstrittenen Stars der Liga, besser schützen und sie vor schweren Verletzungen bewahren. In der Praxis haben sich die Maßnahmen aber als schwer umsetzbar erweisen. „Heutzutage ist es fast unmöglich, den Quarterback sauber zu treffen“, sagt NFL-Legende Kurt Warner, einst selbst Quarterback und heute als Fernsehexperte tätig. Vielmehr führe die Regel zu Frust und Unsicherheit, auch die Unparteiischen wissen nicht, woran sie sind.

Die große Mehrheit der Fans sieht das ähnlich, die pessimistischsten unter ihnen befürchten gar das Ende des Spiels in seiner bisherigen Form. Das Zahlenwerk gibt den Kritikern recht: Nach drei Spieltagen wurden bereits 34 Strafen wegen vermeintlich unsauberen Spiels ausgesprochen; 2017 waren es im gleichen Zeitraum lediglich derer 16. „Ich glaube nicht, dass die Fans das sehr genießen“, sagt Roethlisberger. Die Kontroverse erinnert ein wenig an den Videobeweis im Fußball: auch dort wird seit der Einführung nach jedem Spieltag über Sinn und Sinnhaftigkeit diskutiert – bislang ohne Erfolg oder weitere zielführende respektive lösungsorientierte Maßnahmen.

Ein Vorwurf lautet, die Liga schütze nur die Quarterbacks

Selbst erfahrene Spieler wie etwa Clay Matthews, Linebacker der Green Bay Packers, sind bisweilen komplett überfordert bei der Frage, wieviel physischer Einsatz noch erlaubt ist und wo die Grenze liegt. Matthews gilt seit Jahren als einer der besten und härtesten NFL-Verteidiger. Trotz seiner Gangart wäre es maßlos übertrieben, ihn als unfairen oder gar dreckigen Spieler zu bezeichnen. In seinen ersten zehn NFL-Jahren etwa wurde Matthews ganze vier Mal wegen übertriebener Härte gegen den Quarterback sanktioniert – in den ersten drei Spielen der Saison 2018/19 kamen nun vier weitere Strafen dazu, eine davon im Duell der Packers gegen den Erzrivalen Minnesota Vikings. Dabei erkennt jeder, der schon einmal American Football geschaut hat, dass Matthews Zweikampf gegen Vikings-Quarterback Kirk Cousins keine überharte Aktion war. „Die Liga kümmert sich nicht darum, wenn sich der Rest verletzt, solange der Quarterback geschützt wird“, sagt Richard Sherman, Verteidiger der San Francisco 49ers und Mitglied der Spielergewerkschaft NFLPA.

Diese Herangehensweise führt zu immer absurderen Fällen. Am vergangenen Wochenende etwa zog sich William Hayes von den Miami Dolphins eine schwere Verletzung zu – weil er versucht hatte, nach einem Sack gegen Derek Carr eine Strafe zu vermeiden und eben nicht auf dem Quarterback der Oakland Raiders zu landen. Das wiederum führte zu einer derart unnatürlichen Bewegung, dass sich Hayes das Kreuzband riss und nun für den Rest der Saison ausfällt.  

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