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Einst Fußballgott, bald Aufsichtsrat? Carsten Linke (l.) stellt sich den Mitgliedern von Hannover 96 zur Wahl.

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Carsten Linke über 96, Kind und 50+1: "Das sind Fragen, die geklärt werden müssen"

Der frühere Profi erklärt, warum er für den Aufsichtsrat bei 96 kandidiert, 50+1 für sinnvoll hält - und in Opposition zu Klubboss Martin Kind steht.

Von David Joram

Herr Linke, die 96-Fans nannten sie einst Fußballgott. Warum setzen Sie bei der anstehenden Mitgliederversammlung Ihre Popularität aufs Spiel?

Ich äußere meinen Unmut über das, was im Verein Hannover 96 läuft, ja schon seit längerer Zeit. Ich bin dann sowohl von der Martin-Kind-Seite als auch von der Oppositionsseite – Pro Verein – gefragt worden, ob ich mich engagieren wolle.

Das tun Sie nun und kandidieren als Aufsichtsrat. Was wollen Sie erreichen?

Es geht darum, das Zwei-Säulen-Modell in Hannover zu erhalten. Der Verein auf der einen Seite soll, wie die Investoren auf der anderen Seite, ein Teil des Gesamtkonstrukts Hannover 96 bleiben. Ich bin dagegen, dass die Verbindung zwischen Verein und der Profifußballgesellschaft komplett gekappt wird.

Genau dafür steht Martin Kind, der die 50+1-Regel bei 96 außer Kraft setzen will. Mit welchen Argumenten ist er an Sie herangetreten?

Er hat mich nicht direkt gefragt, sondern hat jemanden beauftragt, ein Team für den Aufsichtsrat zusammenzustellen. Derjenige hat mich dann gefragt.

Offenbar erfolglos.

Es geht eben auch darum, die Vergangenheit aufzuklären und die Mitgliederbeschlüsse von 2017 umzusetzen.

Damals war beschlossen worden, dass ein Ausnahmeantrag von der 50+1-Regel erst den Mitgliedern vorgelegt werden müsse.

Genau. Die Demokratie soll bei Hannover 96 wieder so gelebt werden wie ich mir das in jedem Verein wünsche.

Herr Kind hat den Ausnahmeantrag dann ohne Rücksicht auf das Mitgliedervotum bei der DFL gestellt. Falls diesem Ausnahmeantrag doch noch stattgegeben werden sollte: Glauben Sie, dass die Mitglieder dann noch Chancen hätten, in die Entscheidung um 50+1 einzugreifen?

Den Antrag hat Martin Kind ja zusammen mit dem Verein Hannover 96 gestellt. Deshalb bedarf es erstmal einer Einsicht in die Vorgänge, wie dieser Antrag überhaupt zustande kam. In die Höhe der Kaufpreise, in die Gutachten, die erstellt wurden. Martin Kind hat den Antrag damals auf ruhend gestellt und dann wieder aktiviert. Dies wäre eine Möglichkeit, um vielleicht intern ein paar Dinge nochmal nachzuarbeiten oder auch zu überprüfen.

Konkret wollen Sie den 50+1-Ausnahmeantrag an die DFL, der derzeit vor dem Schiedsgericht verhandelt wird, also zurückrufen, um dem Verein in der 50+1-Frage nochmal Zeit zum Nachdenken zu geben?

Ja, das ist letztendlich das Ziel. Wenn ich und meine Mitstreiter mehrheitlich in den Aufsichtsrat gewählt werden, wollen wir die Sache nochmal für die Mitglieder transparent machen. Welche Zahlen stehen überhaupt in diesem Antrag? Von welchen Summen sprechen wir? Für welchen Preis soll der Verein denn seine Anteile verkaufen, damit Martin Kind die Profifußballabteilung vollumfänglich übernehmen kann? Das sind Fragen, die geklärt werden müssen.

Martin Kind tritt als Vereinsvorsitzender zurück und wird künftig nur noch die Interessen der Investorenseite vertreten. Wie kann eine Zusammenarbeit mit ihm auf dieser Basis funktionieren?

Auf der Basis funktioniert die Zusammenarbeit ja schon seit 20 Jahren. Er hat das Zwei-Säulen-Modell ja auf die Beine gestellt.

Nur war Martin Kind bislang in der einen wie in der anderen Säule die beherrschende Figur. Das wird nun nicht mehr so sein. Herrn Kind bricht eine Säule weg.

Da bin ich trotzdem sehr zuversichtlich. Alle Beteiligten sind daran interessiert, dass es bei 96 voran geht. Wir wollen die Zukunft gemeinsam gestalten. Ich denke, das ist wie in den letzten 20 Jahren möglich, unabhängig davon, wer Präsident im e.V. ist. Die Kapitalseite soll ja weiter bestimmen können. Das ist keine Frage. Nur sollte die Stimme des e.V. zumindest auf Augenhöhe sein und bei gewissen Entscheidungen ein Vetorecht einlegen können Dazu muss eben auch die Transparenz gegeben sein.

Gab es mit Herrn Kind diesbezüglich schon Gespräche?

Nein, definitiv nicht.

Carsten Linke zu 50+1: "Es geht um regionale Investoren"

Sie haben angekündigt, nicht in die Profiabteilung hineinregieren zu wollen – selbst wenn Sie und Ihre Mitstreiter die Mehrheit im Aufsichtsrat holen. Warum eigentlich nicht?

Die Möglichkeit bestünde, das ist klar. Aber ich denke, die Aufgaben in der Profiabteilung sollten Fachleute übernehmen und nicht Leute, die sich hauptsächlich um den Breitensport kümmern. Dieser Bereich muss professionell geführt werden, sonst hat man im Fußball heute keine Chance mehr.

Aktuell heißt der Geschäftsführer der Profigesellschaft (KGaA) Martin Kind. Können Sie ausschließen, dass eine neue e.V.-Führung ihn entmachten wird?

Es ist nicht meine Aufgabe, mich damit zu beschäftigen. Ich werde, sollte ich gewählt werden, für den e.V. und den Breitensport zuständig sein. Es gibt aber keinen Plan, den Geschäftsführerposten in der KGaA neu zu besetzen – auch wenn man im Fußball nie etwas ausschließen kann. Erstmal wollen wir wissen, welche Situation im eingetragenen Verein vorherrscht und danach werden der Aufsichtsrat bzw. der Vorstand die weiteren Dinge besprechen. Unmittelbare Auswirkungen auf die KGaA kann ich da erstmal nicht entdecken.

Karsten Surmann, ein DFB-Pokalsieger von 1992, kandidiert ebenfalls – allerdings für die Kind-Seite. Er argumentiert, dass man Fußballklub und e.V. nicht mehr wie vor 20 Jahren behandeln könne. Sind Sie also ein Träumer?

Ich denke, wir liegen beide irgendwo richtig. Es geht ja nicht darum zu sagen, das eine ist richtig und das andere ist falsch. Sondern es geht mir nur darum, Transparenz in die Entscheidungen und in die Entscheidungsfindung zu bringen. Sowohl, was die Vergangenheit betrifft als auch die Zukunft. Und ob man durch den Wegfall von 50+1 den finanziellen Vorteil der Premier League ausgleichen könnte, glaube ich nicht. Der TV-Vertrag dort bringt über 5 Milliarden Euro, in Deutschland deutlich weniger. Ich weiß nicht, ob diese Summe durch fremde Geldgeber wettgemacht werden könnte. Bei Hannover 96 wären die auch gar nicht gewollt, auch von Martin Kind nicht. Es geht um regionale Investoren, damit man sich besser aufstellen kann. Es geht nicht darum, 96 eine finanzielle Spritze zu geben, so dass wir plötzlich mit ManCity oder Paris Saint-Germain mithalten können. Das wird nicht passieren.

Wie geht es denn bei 96 weiter?

Ich hoffe, dass die Mitglieder selbst dafür sorgen, dass in der 50+1-Frage noch ein Mitgliederbeschluss erfolgen muss, unabhängig davon was DFL oder das DFL-Schiedsgericht entscheiden. Bislang sind die Mitglieder leider nicht gefragt worden, obwohl eine so richtungsweisende Entscheidung von den Mitgliedern getroffen werden sollte. Und wenn sie diese dann treffen, muss sie auch respektiert werden, egal in welche Richtung. Wenn die Mitglieder entscheiden, dass Martin Kind die Profifußballgesellschaft ohne den Verein weiter führen soll, würden wir das auch akzeptieren. Dann ist das eben so.

Und wie ginge es dann mit Ihnen bei 96 weiter?

Das wird sich zeigen, wenn es so weit ist. Es hängt davon ab, wie die Wahlen ausgehen. Zunächst mal sind wir für den 96-Aufsichstrat angetreten und werden den Posten auch dann wahrnehmen, wenn wir keine Majorität hätten. Letztlich geht es darum, in diesem Gremium wieder transparent zu sein und Offenheit zu zeigen, Dinge aufzuklären. Das ist zumindest meine Auffassung von Aufsichtspflicht.

Warum kam das bei 96 bislang zu kurz?

Bislang basiert das Zwei-Säulen-Modell darauf, dass Martin Kind in allen Bereichen die Geschäftsführung inne hat und gleichzeitig Präsident und Vorsitzender ist. Ansonsten hat man wie in jedem anderen Klub die Möglichkeit, Posten über den e.V. zu besetzen. Der Unterschied zu anderen Klubs ist: Dort vertraut man den Fachleuten, das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Martin Kind hat dieses Vertrauen verspielt?

Martin Kind hat kein Vertrauen verspielt, sondern er tut sich schwer damit, anderen Leuten so zu vertrauen, dass sie ihre Arbeit vollumfänglich machen können. Letztendlich können Kapitalseite und e.V. – so meine Auffassung – gut zusammenarbeiten. Wir wollen in den nächsten Jahren auch zeigen, dass das geht.

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