Der nächste Abstieg steht bevor : Hannover 96 ist der Meister der Unruhe

Hannover 96 könnte der erste Absteiger in dieser Saison sein. Vielleicht tut das dem Klub sogar gut: Wieder einmal war das Drumherum wichtiger als der Sport.

Ja. Nein. Vielleicht. Bei einer Niederlage gegen den FC Bayern und einem Punktgewinn von Stuttgart in Berlin wäre der zweite Abstieg von Hannover innerhalb von drei Jahren besiegelt.
Ja. Nein. Vielleicht. Bei einer Niederlage gegen den FC Bayern und einem Punktgewinn von Stuttgart in Berlin wäre der zweite...Foto: imago/Sven Simon

Kurz vor dem Abgrund ist das normal. Wer Hannover 96 mag, ein wenig sonderbar findet oder sich auf irgendeine andere Art und Weise mit diesem Verein beschäftigt, blickt noch einmal wehmütig zurück. Warum bloß ist der Abstieg aus der Bundesliga kaum zu verhindern? Welche Momente der Saison fühlen sich im Nachhinein schön oder zumindest besonders an? Tja.

Da war mal dieses flotte 0:0 gegen Borussia Dortmund. Das ist jetzt acht Monate her und liegt gefühlt Lichtjahre zurück. Vor kurzem flossen Tränen von Mittelfeldspieler Edgar Prib. Er hat nach zwei Kreuzbandrissen sein Comeback gegeben und voller Glück tief in seine Sportlerseele blicken lassen. Das ist eine Woche her, klang echt und hat aufgewühlt. Doch der Höhepunkt der Saison 2018/19 war für Hannover 96 die Mitgliederversammlung am 23. März. Sie hat einen tiefen Riss quer durch den Verein offenbart.

Wieder einmal war das Drumherum wichtiger als der Sport. Die siegreiche Opposition feierte ihren Sieg mit Sprechchören wie im Stadion. Der gerade abgetretene Präsident Martin Kind sah extrem unglücklich aus, als die Machtverhältnisse in dem von ihm regierten Verein gekippt waren. Die turbulente Mitgliederversammlung führte noch einmal vor Augen, worum es in den vergangenen Monaten bei Hannover 96 wirklich gegangen ist. Vereinsführung und Opposition haben sich mit Anfeindungen, Klagen und Vorwürfen wechselseitig eine öffentliche Schlammschlacht geliefert. Der 75 Jahre alte Unternehmer, der mehr als 20 Jahre lang als Präsident an der Spitze des Vereins stand, wurde übelst beschimpft. Als Hurensohn zum Beispiel. Oder als geldgeiler Diktator. Ein solches Niveau ist schwer zu ertragen und lenkt vom Wesentlichen ab. Aber die Schärfe der Kritik hatte auch ihre Gründe.

Die Fülle an Macht, mit der Kind die hauptsächlich von ihm finanzierte Fußballfirma anführt, hat über Jahre vieles an die Wand gedrückt. Vorstandschef, mehrfacher Geschäftsführer, Investor und Mäzen in Personalunion: Das war früher einmal gut, als 96 in einer sportlich und finanziell schwierigen Zeit Hilfe benötigte. Kind hat den Verein zwei Jahrzehnte auf seine Art dirigiert und sortiert. Der Wille unzufriedener Mitglieder fand bei ihm kaum Gehör. Wer spricht schon gerne mit einer lauten Masse, die ständig „Kind muss weg“ brüllt? Es wurde geschrien, kritisiert und polemisiert. Hannover 96 hat in der aktuellen Saison deutlich mehr Pressemitteilungen veröffentlicht als Tore geschossen. Tag für Tag poppte neuer Ärger hoch. Kann man als Profi unter diesen Umständen überhaupt einen guten Job abliefern?

Um den Verein ist ein komplexes Firmengeflecht entstanden

Die öffentliche Variante der Spieler lautet: Ist nicht unsere Baustelle. Können wir nicht beeinflussen. Konzentrieren uns auf das, was auf dem Platz passiert. Nur ganz selten haben sich Stammspieler vereinzelt getraut, das Durcheinander im Verein zu kritisieren. „Ewig geht das nicht gut“, meinte etwa Spielgestalter Pirmin Schwegler.

Über Monate hatten sich die Heimspiele wie Auswärtsspiele angefühlt, weil sich die Ultras in der Nordkurve geweigert hatten, die eigene Mannschaft zu unterstützen. Fast alles in dieser Spielzeit blieb durch Ärger und Konfrontationen überlagert. An diesem Dilemma und einer erfolglosen Personalpolitik dürfte auch Horst Heldt gescheitert sein. Er war ursprünglich als Kronprinz von Kind auserkoren. Der langjährige Profi sollte für mehr sportlichen Erfolg sorgen, zwischen dem ganz oben sowie denen weiter unten die Wogen glätten und sogar zum Geschäftsführer befördert werden. Doch Heldt war zu klein für die tiefen Gräben. Er beklagte entnervt die Vielzahl an hausgemachten Problemen, wollte den Verein zwischenzeitlich zweimal verlassen und wurde Anfang April entlassen. Auch mit solchen Personalien kann man es als Bundesligist schaffen, sich als Meister der Unruhe zu etablieren und bundesweit belächelt zu werden.

Auf den Sportplätzen und im Einzelhandel der Region Hannover hat der übliche mentale Ausverkauf begonnen. Kinder machen Witze über jenen Verein, der ihnen eigentlich ganz nah liegen sollte. In den Sportgeschäften sind Trikots von Bayern und Dortmund immer noch so teuer wie zum Saisonstart. Die Anziehsachen im Design von 96 dagegen sind stark reduziert und finden kaum Beachtung.

Über Jahre ist der große Boss Kind für seine hölzerne Sprache belächelt worden. Aber genau jene Marke Hannover 96, von der in seinen Reden immer zu hören ist, hat nachhaltigen Schaden erlitten. Unter dem Regiment von Kind ist ein komplexes Firmengeflecht rund um einen 1896 gegründeten Sportverein entstanden, das von Außenstehenden kaum zu durchblicken ist. Es wird weiter von ihm verantwortet. Hinter verschlossenen Türen sollten die letzten Anteile vom Stammverein auf die Kapitalseite übertragen werden. Vorerst ruht der Antrag von Kind, für sich und Hannover 96 eine Ausnahmeregelung von der 50+1-Regel zu erzwingen. Sie schützt Deutschlands Profiklubs vor einem zu starken Einfluss durch Geldgeber. In Hannover sorgt die 50+1-Regel vor allem dafür, dass es immer unruhig ist. Und sie dient wohl so manchem Hauptdarsteller auch als Ausrede dafür, warum es sportlich einfach überhaupt nicht läuft.

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