Der zarte Aufschwung : Die deutsche Nationalelf gewinnt in der Offensive

Das Angriffstrio Leroy Sané, Serge Gnabry und Marco Reus überzeugt. Doch es mangelt im Sturmzentrum an Kopfballstärke.

Drei für die Verjüngung. Serge Gnabry, Leroy Sané und Joshua Kimmich (v. l.).
Drei für die Verjüngung. Serge Gnabry, Leroy Sané und Joshua Kimmich (v. l.).Foto: Fedosenko/Reuters

Die Szene des Spiels war natürlich die des fummelnden Manuel Neuers an der Eckfahne. Ein Ort also, wo ein Torhüter für gewöhnlich nichts zu suchen hat. Am Ende ist alles gut gegangen, Neuer hatte seine fußballerischen Qualitäten unter Beweis gestellt und den weißrussischen Angreifer Juri Kowalew düpiert. Andererseits hatte er sich erst selbst in diese missliche Lage versetzt. Entweder hatte der deutsche Kapitän sich in jener Aktion in der 32. Spielminute verschätzt, als er aus seinem Tor gestürmt kam, oder aber der 33-Jährige hat an Sprintqualität eingebüßt.

Marcus Sorg, der gerade den unpässlichen Joachim Löw als Bundestrainer vertritt, bescheinigte Neuer „in diesem Augenblick die richtige Entscheidung“. Neuer habe intuitiv richtig gehandelt. Aber was sollte der 53 Jahre alte Ulmer schon sagen? Hätte er sagen etwa sollen, dass Neuer in dem Augenblick zuvor nicht die richtige Entscheidung getroffen hat?

Sei es wie es sei. Die stark verjüngte deutsche Mannschaft hat das unbequeme EM-Qualifikationsspiel in Borissow am Samstagabend letztlich souverän und verdient gewonnen. Die Deutschen traten am Ende einer langen Saison und einer störenden Wettkampfpause gegen einen Gegner an, der vor allem Fußball verhindern wollte. „Für uns galt es heute Widerstände zu überwinden“, sagte Sorg hinterher, „ein Sieg bringt jede Mannschaft weiter, die in der Entwicklung ist.“ Nach einem viel beachteten Auswärtssieg in Holland im März und dem 2:0 in Weißrussland geht die deutsche Nationalelf nun auch frohen Mutes in das Spiel am Dienstag in Mainz gegen Estland. „Wir wollen mit neun Punkten in die Sommerpause gehen“, hatte Sorg gesagt.

Leroy Sané: Vier Tore in fünf Spielen


Der vorsichtige Aufschwung setzt sich ein Jahr nach dem WM-Desaster in Russland fort. Am deutlichsten treten die Veränderungen in der Offensive zu Tage. Und hier vor allem durch Leroy Sané, der von Löw vor einem Jahr im WM-Trainingslager noch aussortiert worden war. In den vergangenen fünf Länderspielen hat der 23-Jährige von Manchester City vier Tore erzielt. Gegen Weißrussland wäre ihm beinahe ein Doppelpack gelungen. Nach dem er die deutsche Elf in Führung gebracht hatte, klatschte sein Kopfball in der zweiten Halbzeit an den Pfosten.

Auch Serge Gnabry macht sich immer unverzichtbarer, auch wenn er in Borissow etwas unglücklich agierte. Doch mit seiner Zweikampf-Dynamik und seinem Zug zum Tor belebt er das Angriffsspiel. Marco Reus vervollständigte das stürmende Trio. In der Hinterhand hat Sorg noch Timo Werner, der aber in Borissow nicht zum Einsatz kam. Gegen tiefstehende Gegner wie die Weißrussen ist der Leipziger nicht die Idealbesetzung, weil er Platz für seine Stärken benötigt.

Havertz könnte Abhilfe schaffen


Wenn das Spiel in Borissow ein Manko auf deutsche Seite aufwies, dann die fehlende Kopfballstärke. Reus, Gnabry und Sané sind alles andere als Kopfballungeheuer, ihre Qualitäten sind andere. Das Tempodribbling, die Spielfreude und das Kombinationsspiel. Insofern blieben viele Flanken der beiden Außenspieler Nico Schulz und Lukas Klostermann ungenutzt.

Abhilfe können hier vor allem die beiden offensiven Mittelfeldspieler Leon Goretzka und Kai Havertz schaffen. Beide sind exzellente Kopfballspieler, die bekannt sind für ihre gut getimten Laufwege in die Spitze, wo sie immer wieder zu Torabschlüssen auch mit dem Kopf kommen. In der abgelaufenen Spielzeit erzielte der Leverkusener Havertz 17 Tore in der Bundesliga. Leverkusens Geschäftsführer und ehemalige Weltmeisterstürmer Rudi Völler hatte jüngst Havertz als einen der „am meisten umworbenen Spieler in ganz Europa“ bezeichnet. Er sehe Havertz als einen Mix aus Michael Ballack und Mesut Özil. Vom „Laufstil und der Eleganz wirkt er wie Özil, von der körperlichen Entwicklung, der Robustheit, der Kopfballstärke und der Torgefährlichkeit wie Michael in seinen Topjahren“, sagte Völler. Vermutlich wird Havertz das am Dienstag gegen Estland unter Beweis stellen können. An diesem Tag wird Kai Havertz 20 Jahre alt.

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