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Elisabeth Seitz musste nach ihrem Sieg am Stufenbarren um Fassung ringen.
© AFP/Christof Stache

European Championships in München: Deutsche Turnerinnen begeistern mit überraschenden Siegen

Nach Team-Bronze wird es Samstag bei den Gerätefinals aus deutscher Sicht sogar noch besser: Elisabeth Seitz und Emma Malewski holen jeweils EM-Gold.

9000 Zuschauer in der Münchner Olympiahalle waren völlig begeistert: Elisabeth Seitz als Europameisterin am Stufenbarren und Emma Malewski mit Gold am Schwebebalken haben nach der Mehrkampf-Bronzemedaille im Team für die Krönung bei der Heim-EM gesorgt. Die deutsche Rekordmeisterin Seitz aus Stuttgart gewann am Sonntag nach zahlreichen vergeblichen Anläufen mit 14,433 Punkten ihren ersten internationalen Turn-Titel. Anschließend schaffte die 18-jährige Chemnitzerin Malewski mit 13,466 Zählern und dem Sieg in ihrem ersten EM-Einzelfinale für eine große Überraschung.

Mit den Medaillen um den Hals riefen die beiden neuen Europameisterinnen einen Party-Abend aus. „Wenn man ans Bett und ans Schlafen gehen denkt, ist das schon ein angenehmes Gefühl. Aber ich glaube, heute muss mein Körper da mal durch, denn die Goldmedaille heute und die Bronzemedaille gestern darf man nicht ohne Party lassen“, sagte die 26-jährige Seitz. „Pauline (Schäfer-Betz) und Sarah (Voss) haben mir ins Ohr geflüstert, dass ich es verdient habe und dass sie total stolz auf mich sind und wir auf jeden Fall feiern werden heute“, sagte Malewski.

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Unter der Anleitung von Bundestrainer Gerben Wiersma, der sein Amt erst Mitte Februar angetreten hatte, haben die Frauen die beste EM-Bilanz seit Jahrzehnten für den Deutschen Turner-Bund (DTB) eingefahren. „Ich habe im Scherz gesagt, ich sollte jetzt aufhören, weil es nicht mehr besser wird“, sagte der Niederländer lachend und fügte an: „Aber im ernst: Das ist unerwartet. Ich muss die Trainer und die Athleten für ihre gute Arbeit loben. Wir sollten diesen Moment wertschätzen und annehmen und glücklich sein damit.“

Elisabeth Seitz schaute immer wieder ungläubig auf ihre Medaille und ließ sie nicht mehr los. „Jetzt stehe ich hier und gucke mir die Medaille die ganze Zeit an. Es ist wirklich passiert. Ich bin Europameisterin“, sagte die 26-Jährige. Oft genug war sie bei Großereignisse am ersehnten Erfolg vorbeigeschrammt.

Wackelte nicht. Emma Malewski bei ihrer Goldübung.
Wackelte nicht. Emma Malewski bei ihrer Goldübung.
© dpa/Sven Beyrich

Mit dem Rückenwind von Team-Bronze am Vortag, der ersten EM-Mannschaftsmedaille für eine deutsche Frauen-Riege überhaupt, turnten Seitz und Malewski wie befreit durch ihre Finals. „Definitiv hat die Team-Medaille beflügelt. Genauso beflügelt hat es auch, dass das ganze Team die ganze Zeit noch zusammen war und dass nach diesem Erfolg nicht jeder sein Ding gemacht hat, sondern im Gegenteil: Wir haben alles gemeinsam gemacht als wäre es heute nochmal genauso ein Team-Finale gewesen. So hat es sich auch angefühlt“, sagte Seitz.

Abseits des Rampenlichts waren bei den deutschen Turnerinnen am Vortag die Tränen der Freude kurz denen der Wehmut gewichen. Dem Glück und dem Stolz über Bronze stand der Abschiedsschmerz gegenüber, den das Karriereende von Kim Bui auslöste. „Ich will noch gar nicht daran denken, wie es ist ohne Kimi“, sagte ihre beste Freundin Elisabeth Seitz, brach spontan in Tränen aus und umarmte sie.

Die 33-jährige Kim Bui trocknete sich ebenfalls mit einem Taschentuch die Tränen, die über ihre Wangen rollten. Während des Wettkampfes hatte sie die Gefühle noch unterdrückt, als der Hallensprecher ihre letzte Bodenübung ankündigte. Gemeinsam mit Seitz, Malewski und Schäfer-Betz (Chemnitz) sowie Voss (Köln) hatte Bui für das Medaillen-Novum gesorgt.

Kim Bui beendet ihre Karriere mit einem letzten Höhepunkt

„Es ist eines der schönsten Gefühle, momentan zu wissen, dass wir das gemeinsam als so tolles Team erreicht haben. Wir haben uns gemeinsam durch diesen Wettkampf getragen“, sagte Bui. Mit 158,430 Punkten im Vierkampf musste sich die DTB-Riege nur Italien (165,163) und Großbritannien (161,164) geschlagen geben. In den Gerätefinals am Sonntag wurde Kim Bui mit ihrer letzten Übung vor der Turn-Rente am Stufenbarren ebenso Fünfte wie Schäfer-Betz am Schwebebalken.

Aus dem DTB-Quintett hatte lediglich Sarah Voss ein Einzelfinale verpasst. Die Kölnerin, gehandicapt durch eine Verletzung in der rechten Wade, glänzte jedoch im Team-Mehrkampf. Am letzten Gerät, dem Sprung, trat sie als Letzte an und wusste, dass die Medaille an ihrer Wertung hing. Im Gegensatz zur Qualifikation wagte sie einen schwierigeren Sprung. Als sie diesen dann tadellos in den Stand setzte, war das Glück perfekt.

Die deutsche Mehrkampf-Meisterin schrie noch auf dem Podium ihre Freude heraus. „Ich glaube, man hat es mir angesehen, ich habe alles gefühlt gleichzeitig: Es war Erleichterung, es war Freude, es war Begeisterung, es war alles. Ich hatte vom ersten Schritt bis zur Landung das Gefühl, dass mein Team mich da durch schreit, über den Tisch schweben lässt. Es war so ein spezieller Moment, es waren alle Gefühle, die man haben kann“, sagte Voss. (dpa)

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