Europaspiele in Minsk : Sportler zwischen Zwängen und Zweifeln

Der Potsdamer Kanute Sebastian Brendel reist als Titelverteidiger zu den Europaspielen im weißrussischen Minsk. Und sieht das Format problematisch.

Tobias Gutsche
Siegertyp. Der Kanute Sebastian Brendel will seinen Titel verteidigen.
Siegertyp. Der Kanute Sebastian Brendel will seinen Titel verteidigen.Foto: Roland Weihrauch/dpa

Die Erfolgsgeschichte in anderen Teilen der Welt gab den Anstoß, die Idee war klar: Mit der Einführung der European Games 2015 wurde nach Vorbild Asiens und Panamerikas auch in Europa versucht, ein gut angenommenes Multi-Sport-Event aus der Taufe zu heben. Quasi ein kontinentales Mini-Olympia mit hoher Strahlkraft. So richtig hatte sich diese bei der Europaspiele-Premiere vor vier Jahren in Baku nicht entfaltet. Für die Kanuten sogar überhaupt nicht. Sie paddelten fast 300 Kilometer von Aserbaidschans Hauptstadt entfernt, „irgendwo in der Walachei“, erinnert sich der Potsdamer Sebastian Brendel.

Sein Kollege Ronald Rauhe fügt hinzu: „Wir wohnten nicht im Athletendorf, hatten einen isolierten Wettkampf nur für uns. Der Funke wie bei Olympia konnte so nicht überspringen.“ Gespannt blickt Rauhe nun auf die zweite Auflage, die in Minsk stattfindet und am Freitag begann. Dieses Mal werden die Kanuten mittendrin im Geschehen sein. Auf dem zehntägigen Programm stehen 15 Sportarten (davon 13 olympische). Das sind fünf weniger als 2015, wodurch sowohl die Gesamtteilnehmerzahl (rund 4000 Athleten) als auch die Anzahl deutscher Starter (150) geringer ist.

Brendel reist sogar als Titelverteidiger des Canadier-Einers über 1000 Meter an. Im Gepäck hat er Zweifel hinsichtlich des Formats der Europaspiele. Dass durch die umfangreiche Fernsehberichterstattung von Sport1 eine gute mediale Präsenz erreicht werden könnte, „ist natürlich super für uns“, sagt der 31-Jährige. Doch weil das Europäische Olympische Komitee der Ausrichter ist und nicht die einzelnen Fachverbände entstünden „problematische Zwänge durch Regularien“.

So ist es den Athleten wie bei Olympia nicht erlaubt, ihre individuellen Sponsoren zur Schau zu tragen. Beispielsweise ist Werbung auf den Booten oder Paddeln verboten. „Wir kämpfen um jeden eigenen Sponsor, der uns unterstützt. Wenn wir dessen Logo dann nicht öffentlich zeigen dürfen, macht es die Situation nicht besser“, sagt Brendel. Als weiterer Nachteil kommt hinzu, dass die Europaspiele dieses Jahr für die Kanuten die Alternative zu den Europameisterschaften darstellen. Aber mit weit weniger Bootsklassen. Etliche Athleten müssen zu Hause bleiben.

Brendel ist Fan der European Championships

Daher glaubt der dreifache Olympiasieger, dass sich ein anderes Konzept auf kontinentaler Ebene durchsetzen wird, eines, das den European Championships ähnelt. Diese wurden 2018 erstmalig durchgeführt. In Glasgow und Umgebung, Edinburgh und Berlin fanden Europameisterschaften für sieben Sportarten (Schwimmen, Leichtathletik, Radsport, Rudern, Turnen, Triathlon, Golf) und ihre jeweiligen Unterdisziplinen gebündelt binnen elf Tagen statt. Deutschlands öffentlich-rechtliche TV-Sender berichteten in großer Fülle, hatten hohe Einschaltquoten. „Das war klasse. Genau das Richtige, um den Sport im Schatten des Fußballs zu stärken“, findet Brendel.

Die aufwendige und kostspielige Organisation kann dabei auf mehrere Schultern verteilt werden. Nicht eine einzige Stadt muss die Austragung stemmen. Zumal solche Großereignissen zunehmend von Ländern angezogen werden, denen kritisch begegnet werden muss. So finden die diesjährigen Europaspiele wieder in einem autokratisch geführten Land statt. Nach Aserbaidschan ist es nun Weißrussland, das als letzte Diktatur Europas gilt.

Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hatte deshalb voriges Jahr sogar einen deutschen European-Games-Boykott nicht ausgeschlossen. Am Ende hielt es aber die schwarz-rot-goldene Mannschaft ganz nach dem geschichsträchtigen olympischen Motto: „The games must go on.“

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