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Mit vollem Einsatz am Ball: Boliviens Präsident Evo Morales spielte als junger Mann schon einmal in der zweiten Liga.

© Reuters

Bolivien: Evo Morales - erst Präsident, dann Fußballprofi

Als erster Staatspräsident überhaupt ist Boliviens Evo Morales seit kurzem Fußballprofi. Nun wartet das Land auf sein Erstligadebüt.

Der Präsident lehnt sich genüsslich an die Wand aus kahlem Beton, die Beine breitet er auf einer alten Holzbank aus. „Hier schreiben wir Geschichte“, sagte er. Draußen auf dem Rasen wärmen sich seine Männer auf. Die Sport Boys aus Warnes, einer aufstrebenden Industriestadt, 30 Kilometer nördlich von Boliviens Wirtschaftszentrum Santa Cruz. Etliche Geschäfte hat dieser smarte 41 Jahre alte Patron schon gemacht. Drogendeals wurden ihm vorgeworfen, dann stieg er zum Bürgermeister der 97 000 Einwohner von Warnes auf. Und als Präsident von dessen Fußballklub schaffte er es zuletzt mit viel Geld in die erste bolivianische Liga.

Aber über einen Coup redet Mario Cronenbold besonders gern. In der Umkleidekabine liegen Schuhe und Klamotten, er zeigt in eine unbesetzte Ecke, die für seinen neuen Star reserviert ist. Seine neue Nummer zehn. Cronenbold muss grinsen wie ein Junge als er zu erzählen anfängt. „Bei den Sport Boys pflegen wir eine tiefe Freundschaft zum Staatspräsidenten Evo Morales. Einmal, als wir zusammen Fußball spielten, fragte ich ihn: ‚Herr Präsident, was ist Ihr Traum?’“ Der soll gesagt haben: „Mein Traum war immer, professionell Fußball zu spielen.“ So gab sich der junge Präsident Cronenbold großzügig: „Warum spielen Sie nicht für die Sport Boys?“ Und Morales, der mit seinen 54 Jahren ältere und ranghöhere Präsident, habe nach kurzem Zögern zugestimmt. Für eine Auflaufprämie von 1900 Bolivianos (rund 200 Euro), aber ohne Grundgehalt, unterschrieb er einen Profivertrag. Ein historischer Deal.

Will seinen Fußballerstolz hochhalten. Evo Morales bei einem Besuch im Fifa-Hauptquartier in Zürich.

© imago sportfotodienst

Noch nie war ein amtierender Staatspräsident gleichzeitig Profifußballer

„Ich hätte mir keine bessere Werbung für die Stadt Warnes vorstellen können“, prahlt Bürgermeister Cronenbold, der eher daherkommt wie ein Popstar. Auf dem Weg ins Stadion ist er vorher quer übers Spielfeld stolziert und ließ sich durch persönliche Fangesänge feiern. Der Bürgermeister hat ja nicht nur die Sport Boys groß rausgebracht. Mit dem neuen Transfer hat er auch einen Rekord aufgestellt: Noch nie war ein amtierender Staatspräsident gleichzeitig Profifußballer. Und lange bekam Boliviens Fußballliga nicht mehr so viel Aufmerksamkeit. Die BBC berichtete, CNN war da, Medien von überall interessieren sich.

Im kleinen Estadio Samuel Vaca Jiménez warten auch die Fans seit Wochen auf Morales’ ersten Einsatz. Immerhin 2000 sind heute in den maroden Bau gekommen. Für Boliviens erste Liga keine schlechte Zahl, zumal der Gegner Real Potosí aus einer Minenstadt weit im Süden kaum Unterstützer mitgebracht hat. Die Fangesänge dominieren das schwache Spiel, das so holprig verläuft, wie der Rasen aussieht. Viel häufiger als an die Spieler richten sie sich an die beiden Präsidenten, Cronenbold und Morales.

Aber an diesem Samstag steht Morales nicht im Aufgebot. Seit Wochen widersprechen sich die Nachrichten. Im Mai hieß es noch, beim Saisonauftakt im August würde er auflaufen. Kurz vorher zog Morales zurück. Mit den Sport Boys und seinem eigenen Fitnesscoach habe er trainiert. „Aber ich fühle mich nicht fit“, ließ er verlauten. Das Land spekuliert: Wird er überhaupt spielen? Es lief immerhin der Wahlkampf.

An diesem Sonntag will Morales zum dritten Mal Boliviens Präsident werden, seine Wiederwahl gilt als sicher. Boliviens erster Präsident aus der indigenen Bevölkerung. Er wirbt mit einer besseren Wasserversorgung und Sozialprogrammen. Wollte er also nur schnelle Aufmerksamkeit, aber eigentlich nie spielen?

Auch Putin, Lukashenko und andere versuchten sich schon im Sport

Auswärtsspiel. Morales 2012 in Wien gegen eine Auswahl von Hans Krankl.

© Imago

Dass Politiker ihre Liebe zum Sport rausposaunen, wäre nicht neu. Britische Amtsträger lassen sich gern beim morgendlichen Joggen beobachten. Die Regierungschefs aus Russland und Weißrussland, Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko, spielten im Rahmen der Olympischen Winterspiele von Sotschi Eishockey. Nordkoreas Staatsmedien behaupteten grundlos, der vorige Staatschef Kim Jong Il sei ein Weltklassegolfer. Und As-Saadi al-Gaddafi, Sohn des ehemaligen libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi, war trotz zweifelhafter Fähigkeiten Profifußballer in Italien.

Aber Evo Morales soll anders sein. „Er kann Fußball spielen“, darauf besteht Mario Cronenbold. „Hier geht’s nicht um Politik. Als junger Mann spielte Evo Morales in der zweiten Liga. Er hat einen starken Schuss, seine Ballbehandlung ist gut. Und er hat viel Ausdauer. Ein klassischer Spielmacher.“ Bei Auslandsreisen nimmt sich Morales immer einen Fußball mit und lädt Offizielle zum Spiel. So viel wissen die meisten Bolivianer. Aber hier, im Stadion Samuel Vaca Jiménez, wo auf dem Rasen ein Ideengeber gut tun würde, hat ihn bisher niemand gesehen.

„Vielleicht hat er Angst, dass er Wähler verliert, wenn er schlecht spielt“, lästert der 17-jährige Darwin Salvapié auf der Betontribüne. Salvapié ist Jugendspieler der Sport Boys, nächstes Jahr will er es in die erste Mannschaft schaffen. „Dafür trainiere ich härter als Evo.“ Den Transfer hielt er erst für einen Scherz. „Wir haben alle gelacht. Und dann kriegt er noch die Nummer zehn!“ Aber jetzt, sagt Salvapié, würde er ihn auch gerne spielen sehen.

"Unserem Profibereich hilft das nicht"

Jorge Arancibia steht unten am Spielfeldrand und macht sich Notizen. Den Rummel um Morales versucht der Sportjournalist der führenden Tageszeitung El Deber zu ignorieren. „Die Sache ist doch Marketing“, murrt er halb abwesend. „Fußball ist eine Gelegenheit, die Leute zu begeistern. Aber unserem Profibereich hilft das nicht. Da brauchen wir andere Protagonisten.“ Richtige Fußballer eben. Nur sind viele Stars bolivianischer Klubs ausrangierte Ausländer. Der größte sportliche Neuzugang der Sport Boys Warnes ist Christian Fabbiani, ein Argentinier, den bei River Plate Buenos Aires keiner mehr wollte. Gegen Real Potosí fällt er vor allem durch seinen Bauchumfang auf.

Nach einem späten Gegentor für die Sport Boys endet das Punktspiel 1:1. Mario Cronenbold lässt sich trotzdem feiern. Trainer Néstor Clausen, der 1986 als Spieler mit Argentinien Weltmeister wurde, rast Richtung Kabine und will eigentlich keine Interviews geben. Vor allem zu Evo Morales würde er lieber schweigen.

„Als sportliche Verstärkung kann man ihn wohl nicht sehen“, murmelt Clausen. „Aber die Freundschaft zu unserem Präsidenten macht es möglich, dass er sich einen Traum erfüllen kann.“ Ein paar Minuten werde Evo Morales in dieser Saison wohl spielen. Wann? Die Laune des ehemaligen Weltmeisters scheint nicht besser zu werden, als er antworten muss: „Wann der Präsident will.“

Mitarbeit: Javier Sauras, Michele Bertelli

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