Sport : Feindbild Polizei

Warum Fußballfans gewalttätig werden – und wie man ihnen begegnen kann / Von Gunter A. Pilz

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Das zentrale Problem der Fußballfan-Szenen in Deutschland sind die gewachsenen Feindbilder. Davon gibt es viele.

Zum einen gibt es traditionelle, gepflegte Feindschaften der Fans, Ultras und Hooligans der verschiedenen Vereine. Genauso, wie es Freundschaften gibt, die bei bestimmten Spielpaarungen zu gefährlichen Symbiosen führen. Man kann geradezu von einem „Beduinensyndrom“ sprechen, das die Freund- und Feindschaften der Fans bestimmt: Ein Freund eines Freundes ist ein Freund, ein Feind eines Freundes ist ein Feind, und ein Feind eines Feindes ist ein Freund. Hier gilt es Räume für symbolische Austragungen der Feindschaften zu geben, etwa für Choreografien, Gesänge, Sprechchöre, also für eine Provokationskultur. Andererseits müssen klare Grenzen gesetzt werden, wenn diese Provokationskultur in Hass oder Gewalt umschlägt.

Zum Zweiten gibt es ein Feindbild Medien, denen man die Kommerzialisierung und Eventisierung und damit die Entfernung des Fußballs von seinen Wurzeln ankreidet und die Zerstückelung der Spielpläne vorwirft.

Ein drittes Feindbild geben die Fußballverbände und oft auch die Vereine, die vor allem Ultras am Ausleben ihrer Fußballfankultur hindern, ihnen den Spaß am Fußball nehmen und Stadionverbote verhängen.

Das vierte und ausgeprägteste Feindbild liefert die Polizei, der man Willkürhandlungen, überzogene Repression vorhält. Wie ausgeprägt dieses Feindbild Polizei ist, zeigt die Aussage eines Ultras: „Wenn mein Kind Bulle werden will, würde ich es umbringen, glaub ich.“ Dieses Feindbild Polizei, das die gesamte Ultraszene prägt, hat oft fatale Folgen.

Die überwiegende Mehrheit der Ultras bekennt sich zur Gewaltlosigkeit. Aber sobald die Minderheit der Ultras, die sich offen zur Gewalt bekennt, gewalttätig ist und Polizei einschreitet, solidarisieren sich fast alle gegen die Polizei. Dann stehen der Polizei plötzlich nicht mehr zehn oder 20 Gewaltbereite, sondern gleich mehrere Hundert gegenüber – wie zuletzt bei den Ausschreitungen von Leipzig. Diese Solidarisierungen setzen kurzzeitig selbst tiefste Feindschaften von Ultragruppierungen außer Kraft und führen zu einer temporären Kampfgemeinschaft. So meinte einer der führenden Ultraköpfe von Sachsen Leipzig zu den Beziehungen zu Ultras von Lok Leipzig, mit denen man sich spinnefeind ist, dass das Einzige, was sie mit den Fans von Lok Leipzig verbinde, die Gegnerschaft zur Polizei sei.

Bei diesen Feindbildern wird deutlich, dass es nicht zureicht, nur an den Problemen anzusetzen, die Fans, Ultras und Hooligans uns machen, sondern dass es zumindest genauso wichtig ist, an den Problemen anzusetzen, die sie haben. Mit den Worten des Bremer Sozialpädagogen Krafeld gesprochen: Nur wenn es letztlich um die Fans geht, um die Probleme, die sie haben, werden sie sich öffnen für die Frage, welche Probleme sie anderen machen. Der Schlüssel zur Gewaltprävention scheint mir hier die Kommunikation und die Entfaltung einer gegenseitigen Anerkennungskultur zu sein.

Für die Vereine und Verbände heißt dies, die Interessen der Fans wahrzunehmen. Der DFB und die DFL sind mit der Schaffung von Fananlaufstellen hier den richtigen Weg gegangen. Zentrale Aufgabe der Fananlaufstellen ist zunächst die Sicherstellung einer intakten Kommunikation nach innen wie nach außen. Eine ähnliche Funktion erfüllen, wenn sie denn entsprechend arbeiten, die für die Erste und Zweite Liga vorgeschriebenen Fanbeauftragten der Vereine.

Auch das Feinbild Polizei kann nur durch Kommunikation und den offenen Austausch über gegenseitige Beschwerden abgebaut werden. Das Schaffen einer übergeordneten Ombudsstelle mag da durchaus eine Hilfe sein. Effektiver wäre dieser Austausch, wenn die örtlichen Ausschüsse Sport und Sicherheit tatsächlich eingerichtet werden.

Die Fußball-WM hat darüber hinaus eindrucksvoll gezeigt, dass der Einsatz von polizeilichen Konfliktmanagern ein wichtiger Beitrag zur Deeskalation und zur Verhinderung von Solidarisierungsprozessen ist. Diese geschulten Polizeibeamten in Zivil, die weithin erkennbare Jacken tragen, hatten die Aufgabe, durch Gespräche Konflikte zu entschärfen, bevor Einsatzkräfte zum Einsatz kamen. Dahinter steht vor allem auch die Erkenntnis, dass das Handeln von Menschen nicht von ihrer Situation, sondern von ihrer Definition der Situation bestimmt ist. Je genauer ich über Gründe für polizeiliches Handeln Bescheid weiß, desto weniger neige ich dazu, dahinter Willkür zu vermuten. Die Strategie der Polizei, selbst in Konfliktsituationen (gast-) freundlich aufzutreten, ist aufgegangen.

Polizeiliche Konfliktmanager sollten deshalb nicht nur bei internationalen Fußball-Großereignissen konsequent eingesetzt werden, sondern den Bedingungen des Bundesliga- und auch des Amateurliga-Alltags angepasst werden. Auch unter Berücksichtigung der Erkenntnis, dass wir es im Alltag mit einer problematischeren Fanszene zu tun haben als bei der WM: Der verstärkte Einsatz von Konfliktmanagern würde Feindbilder abbauen. Er scheint mir genauso dringend geboten wie die nun verstärkten Bemühungen der Vereine und Verbände, sich den Interessen der Fans zu stellen.

Gunter A. Pilz ist Deutschlands wichtigster Fanforscher. Der Professor arbeitet an der Universität Hannover.

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