Fußball-Literatur : Kein Bier mehr in Nischni

Moskau platzt mit seinen vielen Besuchern aus allen Nähten. Zeit für einen Trip in die Provinz, vier Stunden mit dem Zug. Besuch einer verschlafenen Stadt für Fußballromantiker.

Andreas Bock
Gläser leer, Schweden voll.
Gläser leer, Schweden voll.Foto: picture alliance / dpa

Irgendwann gegen 22 Uhr steht dieser riesige schwedische Mann auf, stellt sich auf die Bolschaja-Pokrowskaja-Straße, einst Flaniermeile der Adligen, und dichtet Frank Sinatras "New York, New York" um. Er singt: "Nischni, Nischni/Start spreading the news/You're leaving today/I want to be a part of it/Nischni, Nischni!"

Menschen, die im Überschwang der Gefühle die ganze Welt umarmen möchten, trifft man überall dort, wo Alkohol ausgeschenkt wird. Aber wer kannte bislang betrunkene Schweden, die sich innerhalb weniger Stunden Hals über Kopf in Nischni Nowgorod verlieben? Die meisten von ihnen wussten ja bis vor kurzem nicht mal genau, wo die Stadt liegt. Aber jetzt, so scheint es, wollen sie nie wieder weg aus dieser Stadt, die ein wenig verschlafen ist, aber gleichzeitig frisch und freundlich aussieht. Hier können sie es aushalten. Blick auf die Oka und die Wolga, die hier zusammenlaufen. Hügelige Landschaft, eine Brise vom Wasser, das billige Bier. 10.000 Freunde in Gelb und Blau, 1:0 gegen Südkorea, Andreas Granqvist, Fußballgott.

"Ein Traum", sagen Ola und Mats, die mit einem Kleinbus aus dem schwedischen Sundsvall nach Nischni gereist sind, mit der Fähre rüber nach Finnland, weiter über Sankt Petersburg, danach Orte mit Namen wie Torschok, Twer, Klein, einmal ging ihnen der Sprit aus, aber ein Lkw-Fahrer half ihnen aus. Über 2000 Kilometer. Alles für dieses eine Spiel. "Alles für Nischni", sagt Ola. "Hast du gesehen, es waren einige Plätze leer im Stadion. Das waren Freunde von uns, ihr Wagen ist ein paar hundert Kilometer vor Nischni verreckt."

Jede WM hat seine Hauptspielorte, in denen sich alles staut und ballt: die Menschen, die Autos, der Lärm, der Reichtum. Bei diesem Turnier ist das, kein Wunder, Moskau. Dort haben hunderttausende Fans ihre Basis aufgeschlagen. Sogar Anhänger von Teams, die nicht ein einziges Spiel in der Hauptstadt haben. In den ersten Tagen konnte man etwa glauben, halb Peru hätte sich auf nach Moskau gemacht, so zahlreich strömten sie durch die Straßen. Dabei spielen die Peruaner ihre drei Gruppenspiele in Sotschi, Jekaterinburg und Saransk.

Die Oase Nischni

Jede WM hat aber auch Orte, die trotz einfallenden Fanmassen ihren Charme und ihre Leichtigkeit behalten. Hauptstädte der Provinz, Orte im Dazwischen. Nischni Nowgorod, übersetzt "untere Neustadt", ist so ein Ort. Die Stadt liegt vier Zugstunden östlich von Moskau und hat 1,2 Millionen Einwohner, aber das merkt man kaum. Nischni wirkt beinahe wie eine Oase, zumindest wenn man aus Moskau kommt, wo gute Laune oft mit Lautstärke verwechselt wird.

Früher nannte man Nischni Nowgorod die "geschlossene Stadt", denn Ausländern war es bis 1991 verboten, Nischni, das damals noch Gorki hieß, zu besuchen. Ein Grund waren die ansässigen Rüstungsbetriebe, die Uran-Anreicherung, die militärische Plutonium-Produktion, die Entwicklung von Atombrennstoffen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion öffnete sich Nischni Nowgorod erstaunlich schnell, was auch an Boris Nemzow lag, der hier zwischen 1991 und 1997 Gouverneur war. Es heißt, er habe jeden ausländischen Touristen persönlich mit Handschlag empfangen. Die WM erlebt er nicht mehr mit, am 27. Februar 2015 wurde er, ein Kreml-Kritiker, im Zentrum Moskaus erschossen. An seinem ersten Todestag zogen tausende Menschen zu einem Gedenkmarsch über die Bolschaja-Pokrowskaja-Straße.

Dort stehen nun, zweieinhalb Jahre später, die Einwohner immer noch staunend vor dem schwedischen Sinatra, "Nischni, Nischni", so etwas haben sie hier noch nie gesehen. Und so viele feiernde Fußballfans auf einem Haufen, sind den meisten von ihnen auch neu. Der lokale Fußballklub FC Olimpiets Nischni Nowgorod spielt in der Zweiten Liga, bis vor kurzem trug der Verein seine Spiele in der nahegelegenen Stadt Dzerzhinsk aus. Gegen Teams wie FK Fakel Voronezh oder Tom Tomsk kamen selten mehr als 500 Zuschauer. Davor spielte das Team im Stadion Lokomotiv, auch hier bewegten sich die Zuschauerzahlen im unteren vierstelligen Bereich.

Auch in den achtziger und neunziger Jahren war Nischni Nowgorod alles andere als eine Fußballmetropole. Allerhöchstens wirkte die Stadt wie ein Sehnsuchtsort für Groundhopper. Unerreichbar und voller Geheimnisse. Der tatarische Schriftsteller Ildar Abusyarow – in Deutschland bekannt geworden mit seinem Buch "Trolleybus nach Osten" – veröffentlichte vor der WM eine wunderbare Kurzgeschichte über seine Fußballkindheit in Nischni. Der lokale Verein nannte sich damals Lokomotive Nischni Nowgorod, und er spielte einen großartigen Betonfußball. Die Mannschaft, so schreibt Abusyarow, verbarrikadierte sich vor dem eigenen Tor, und hoffte auf einen Stürmer namens Wiktor Rybakow, der kurz vor Schluss beim Stand von 0:0 aufs gegnerische Tor zurannte, um einen Strafstoß zu schinden. Die Fans sangen deshalb immer: "Ryba, Ryba, fall doch endlich!"

Welchen Sport treibt ihr? Fußball!

Trainer der Mannschaft war zwischen 1989 und 2000 ein Mann namens Waleri Owtschinnikow, Spitzname "Bormann". Von 1994 bis 2001 wurde er auch Präsident. Eine dämonische und beinahe mystische Gestalt, eine Mischung aus Ernst Happel und Walerij Lobanowskyj. Seine Spieler schickte er gerne die prachtvolle Tschkalowsche Treppe rauf und runter, während er auf einer der 442 Stufen Platz nahm und rauchte. Abusyarow erinnert sich, dass ein Einwohner die Spieler mal fragte: "Sagt mal, Jungs, welchen Sport treibt ihr denn?" Die antworteten: "Fußball." Daraufhin der Einwohner: "Ich dachte, ihr seid Gewichtheber. Ich hab euch ja noch nie mit einem Ball gesehen."

2002 stieg der Verein in die Dritte Liga ab und löste sich auf. Danach tauchten alle paar Monate neue Vereine auf, aber verschwanden bald wieder, sie hießen FC Spartak Nischni Nowgorod oder FC Wolga Nischni Novgorod. Der FC Olimpiets Nischni Nowgorod besteht seit 2015. In der vergangenen Saison wurde er Zwölfter in der Zweiten Liga.

Es ist mittlerweile weit nach Mitternacht. Die Schweden tanzen immer noch auf den Tischen, und die Einwohner Nischnis stehen ungläubig vor ihnen, als wollten sie fragen: "Welchen Sport treibt ihr denn?" Ola und Mats ziehen weiter, ins Bett oder ein paar Bars weiter. Sie sagen: "Nischni hat genau die richtige Temperatur, und damit meinen wir nicht nur das Wetter."

Wenig später schreit einer: "Are you from Germany?" Und dann möchte er seine Prognose zum nächsten Spiel abgeben. "Normalerweise würde ich sagen, ihr gewinnt. Aber schau dich um. Wir sind in guter Form. Wir haben Nischni leergesoffen. Nichts mehr da. Kein Bier, kein Wodka." Wenn das so ist, sollten die Barbetreiber schnell die Fässer auffüllen. In ein paar Tagen kommen die Engländer nach Nischni.

Die Kurzgeschichte von Ildar Abusyarow ist in dem Reiseführer „Doppelpass mit Russland“ erschienen, den man sich hier downloaden kann: doppelpass-mit-russland.de

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