Handball : Stefan Kretzschmar, der Provokateur

Stefan Kretzschmar hatte einst das Image des Handball-Punks. Nun überrascht er mit Aussagen, die die AfD für sich nutzt.

Gerne im Rampenlicht. Stefan Kretzschmar kennt die Kraft der Worte.
Gerne im Rampenlicht. Stefan Kretzschmar kennt die Kraft der Worte.Foto: Foto: Carstensen/dpa

Stefan Kretzschmar war schon immer ein Freund der lauten Worte. „Wenn man hin und wieder aneckt und unpopuläre Sachen sagt, gibt es eben auch ein Echo, das man normalerweise nicht erzielen würde“, hat der ehemalige Handball-Nationalspieler und Botschafter der Weltmeisterschaft 2019 erst vor zwei Wochen im Interview mit dem Tagesspiegel gesagt. Nun hat Kretzschmar wieder ein paar Sätze rausgehauen, die zu einem großen Echo geführt haben.

Es ging ihm im Interview mit dem Internetportal „t-online.de“ zunächst um den Profisportler von heute, der sich nach Kretzschmars Dafürhalten zu selten in gesellschaftliche oder politische Themen einmischt. Sportler und ihre Aussagen sind in der Tat beliebig geworden. Ein Typ wie Kretzschmar hebt sich davon angenehm ab. Normalerweise. Allerdings sagte er nun: „Eine einigermaßen kritische, auch gesellschafts- oder regierungskritische Meinung darf man in diesem Land nicht sagen“, weil es „in Deutschland keine Meinungsfreiheit „im eigentlichen Sinne“ gebe. „Wir müssen immer mit Repressalien von unserem Arbeitgeber oder von Werbepartnern rechnen“, sagte Kretzschmar. „Deswegen äußert sich heute keiner mehr kritisch.“ Es sei denn, es sei die „politische Mainstream-Meinung“. Darunter versteht der 45-Jährige unter anderem Toleranz für geflüchtete Menschen und das Einsetzen für eine bunte Gesellschaft.

Kretzschmar hatte das Image des Handball-Punks

Dass Kretzschmar mit diesen Sätzen über das Ziel hinausgeschossen ist, wird spätestens bei einem Blick auf die weiteren Verteiler seiner Aussagen deutlich. In den sozialen Netzwerken hat sich etwa die AfD Heidelberg seiner Thesen bedient und das Interview geteilt. Kretzschmar, der sich zu aktiven Zeiten die Haare grün färbte und das Image des Handball-Punks besaß, wird damit in eine Ecke gestellt, in der er wohl bestimmt nicht stehen möchte. Gerade in seiner Funktion als Botschafter der WM, die derzeit in Deutschland und Dänemark stattfindet, wird er dieser Tage genau beäugt. Als er vor dem Eröffnungsspiel am vergangenen Donnerstag gemeinsam mit ehemaligen Kollegen den WM-Pokal in die Arena am Berliner Ostbahnhof brachte, gab es lang anhaltenden Applaus für die sportlichen Helden von einst.

Kretzschmars Ausführungen überraschen auch deshalb, weil er in der Hälfte eines geteilten Landes respektive einer geteilten Stadt großgeworden ist, in der Meinungsfreiheit bestenfalls auf dem Papier existierte. Der spätere Weltklasse-Linksaußen kam 1973 in Leipzig zur Welt, drei Jahre vor der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und knapp 15 Jahre, bevor die friedliche Revolution von Leipzig aus ihren Lauf nahm. Später zog die Familie nach Berlin um: Vater Peter arbeitete als Trainer der Handball-Nationalmannschaft der Frauen, Mutter Waltraud gehörte zum Team und überhaupt zu den größten Spielerinnen ihrer Zeit, beide verstarben im vergangenen Jahr. Die Familie Kretzschmar – sie war eine große Nummer in der DDR.

In seiner ersten Biografie, die vor zehn Jahren erschienen ist und den Titel „Anders als erwartet“ trägt, liest man Kretzschmars Sozialisation in fast jeder Zeile heraus. An einigen Stellen glorifiziert er den Arbeiter- und Bauernstaat regelrecht. Kürzlich hat Kretzschmar nun ein neues Buch geschrieben: In „Hölleluja“ spricht ein deutlich reflektierterer Mensch über seine Karriere und das Erlebte. Kretzschmar, so scheint es beim Lesen des Buches, ist sehr viel erwachsener und reifer geworden. Hoffentlich täuscht dieser Eindruck angesichts seiner jüngsten Wortmeldungen nicht.

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