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Thomas Schaaf, 53, war von 1972 bis 2013 bei Werder Bremen Spieler und später Trainer. Im Mai unterschrieb Schaaf für zwei Jahre bei Eintracht Frankfurt.

© dpa

Thomas Schaaf im Interview: "Ich kümmere mich selbst um meinen Salat"

Eintracht-Frankfurt-Trainer Thomas Schaaf spricht im Tagesspiegel-Interview über 41 Jahre Bremen, sein Image als Grummler und den neuen Job in Frankfurt.

Herr Schaaf, was ist das Gute daran, wenn man zu einem neuen Verein kommt?

Das ist schwer zu sagen. Ich habe mich sehr auf diese Position gefreut. Eintracht Frankfurt ist ein Verein, bei dem man eigene Ideen verwirklichen kann. Ich denke, das war hier gefragt.

Sie haben ein Jahr bewusst Pause gemacht und sich weniger mit Fußball beschäftigt. Wie gelingt es, den Lebensinhalt auf Sparflamme herunterzufahren?

Das geht nur mit Konsequenz. Ich habe den Fußball ausgeblendet und mich auf völlig andere Sachen konzentriert. Zum Beispiel auf Urlaub, Familie, Freunde.

Sie haben bestimmt auch über Ihre Bremer Zeit nachgedacht. Vor zehn Jahren waren Sie der Star unter den deutschen Trainern, heute sind Sie das nicht mehr. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Ich weiß nicht, ob das so ist. Ich hatte 2004 eine sehr, sehr gute Mannschaft. Werder Bremen ist Deutscher Meister geworden, weil allen Beteiligten in jener Saison sehr viel gelungen ist. Wie dieses Team auch in den folgenden vier, fünf Jahren in der Champions League, der Liga und im Pokal Erfolg gehabt hat, war angesichts der Bremer Möglichkeiten etwas Außergewöhnliches. Dieses Besondere hat so nirgendwo sonst stattgefunden – die Bayern ausgenommen.

Und dann?

Wir haben dann schonungslos erfahren, dass die Qualität der Mannschaft von den Erfolgen abhängig war. Als sich irgendwann die Situation änderte, gewisse Faktoren nicht mehr zutrafen, musste man darauf reagieren, wie mit dem Verkauf wertvoller Spieler. Natürlich wurde es für Werder und mich dann immer schwerer, diese Erfolge weiter zu erzielen. Aber ich fühle mich noch immer gleich. Ich arbeite mit der gleichen Intensität.

Nach 41 Jahren als Spieler und Trainer haben Sie Bremen verlassen. Entdecken Sie sich in Frankfurt gerade neu?

Nö. Ich bin mir selbst schon recht gut bekannt.

Manche werfen Ihnen Sturheit vor, Sie seien taktisch unflexibel, könnten im Mittelfeld nur mit einer Raute spielen lassen, grundsätzlich nur auf Angriff, während hinten der Laden offen ist. Fußball von gestern.

Damit beschäftige ich mich nicht. Jeder darf sagen, was er denkt. Aber wir haben beispielsweise keines unserer Vorbereitungsspiele mit einer Raute im Mittelfeld gespielt. Ich wäre doch blöd, wenn ich eine Mannschaft ohne Rücksicht auf ihre Qualitäten in ein gewisses System pressen würde. Das wäre stur.

Was bleibt da von Ihrer Fußballidee übrig?

Ich versuche weiterhin, einen recht offensiven Fußball spielen zu lassen. Abgesehen vielleicht vom Torwart ist jeder Spieler dafür zu begeistern. Meine Spieler sollen Spaß daran haben, diese Spielidee umzusetzen. Je mehr Sicherheit wir in der Defensive haben, desto mehr Offensive können wir uns erlauben.

"Der Weltmeistertitel ist ein Produkt der Bundesliga"

Inwieweit sehen Sie sich als Schüler von Otto Rehhagel?

Meine 14 Jahre mit Otto Rehhagel haben mich sicherlich geprägt. Otto ist ein sensationeller Trainer, und sicherlich konnte ich mir manches abschauen. Aber man muss immer sehen, was zu einem passt und in welcher Form.

Im Testspiel gegen Inter Mailand haben Ihre Spieler Chipwesten getragen, die Leistungsdaten erfassen. Sie lassen alle Trainingseinheiten filmen und beschäftigen obendrein einen Akupunkteur. Ist Ihre moderne Seite zu wenig bekannt?

Wir müssen nicht jede neue Idee nach außen tragen. Ich informiere mich über alle Möglichkeiten, wie ich eine Mannschaft trainieren und formen kann, und selektiere dann. Das handhabe ich schon seit meinem ersten Tag als Trainer so.

Und deshalb führen Sie Ihren Spielern auch Trainingsvideos vor.

Wir nutzen alles, was diese Sparte hergibt. Je häufiger ich aber den selben Spieler zu mir hole und ihm die immer gleichen Szenen vorhalte, desto mehr verpufft die Wirkung. Zwischen sachlicher Kritik, emotionaler Ansprache und Motivation muss ich genau abwägen. Im Vergleich zu früher ist die Ansprache heute anders. Ich muss viel mehr erklären, warum die Spieler nach rechts oder links laufen sollen, oder warum wir diese Übung gerade machen. Man muss heute aber auch mehr abfordern, weil sich junge Leute sonst hinter dem Satz verstecken: Das hat mir aber keiner gesagt. Als ich jung war, musste man uns nicht alles sagen.

Sind Sie eigentlich vollkommen uneitel?

Nein.

Warum bemühen Sie sich nicht, dieses Image des Grummlers loszuwerden?

Ich habe nicht das Bedürfnis, anderen Menschen zu erzählen, ich sei so oder so. Das Gute ist: Ich tue auch denen nichts, die unglücklich sind mit mir.

Ein Imageberater scheidet für Sie aus?

Vielleicht nicht bis zur Endzeit, aber jetzt brauche ich keinen. Ich habe mich immer selbst um meinen Salat gekümmert.

Kein Trainer ist so lange wie Sie in der Bundesliga aktiv. Wie stark sehen Sie die Liga im europäischen Vergleich?

Für mich haben wir die europäische Topliga. Die Stadien sind voll, die Infrastruktur ist flächendeckend sensationell, wir haben hervorragende Mannschaften, wir haben super Trainer und immer mehr Topspieler wollen nach Deutschland. Die Bundesliga ist so interessant wie nie zuvor für jeden Fußballfan auf der Welt. Der Weltmeistertitel ist auch ein Produkt der Bundesliga. Wenn wir unsere Qualität halten können, wäre das ein Riesenerfolg.

José Mourinho sagt, die Bundesliga sei langweilig und längst nicht so hart wie die Premier League.

Das ist José. Ich kenne ihn. Das tut mir nicht weh.

Das Gespräch führte Arne Bensiek.

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