• Rad-Kolumne „Abgefahren“: Selbst in den Bergen ist man vor den Autos nicht sicher

Rad-Kolumne „Abgefahren“ : Selbst in den Bergen ist man vor den Autos nicht sicher

Ein bisschen schlemmen und radeln – so hatte sich unser Kolumnist seinen Saisonabschluss auf Mallorca vorgestellt. Doch die Insel birgt andere Überraschungen.

Michael Wiedersich
Tunnelblick: Unser Kolumnist war zuletzt auf Mallorcas Bergen unterwegs.
Tunnelblick: Unser Kolumnist war zuletzt auf Mallorcas Bergen unterwegs.Foto: Michael Wiedersich

Michael Wiedersich ist Radsporttrainer und Sportjournalist. Alle zwei Wochen schreibt er in seiner Kolumne über neue Inspirationen.

Die Tage werden langsam kürzer, die Temperaturen fallen, und feuchter wird es auch, der Herbst ist da. Als bekennender Schönwetter-Fahrer schlägt so etwas auf die Seele. Was liegt da näher, als noch einmal das Rad einzupacken und auf Mallorca die Sonne für den nahenden Winter zu tanken?

Zusammen mit meinen beiden Edeldomestiken war ich in der letzten Woche fast traditionell zum Saisonabschluss noch einmal auf der Sonneninsel. Der Plan war wie immer: Täglich nach einem reichhaltigen Frühstück möglichst viele Kilometer sammeln, zwischendurch in den einschlägigen Cafés den Cortado und Mandelkuchen testen und abends in einem schönen Restaurant den Tag ausklingen lassen.

Diesmal hatten sich die Edeldomestiken jedoch für unseren Aufenthalt etwas ganz Verrücktes ausgedacht. Statt zu einem Hotel in Flughafennähe ging es quer über die Insel in ein kleines Stadthaus nach Pollenca. Auch für das Frühstück gab es eine Änderung. Das meist viel zu üppige Hotelbuffet wurde durch eine ortsansässige Köchin ersetzt, die mit frischen Zutaten auf ausgewogene Ernährung achtete. Bei Chia-Leinsamen-Pudding mit Früchten und Kefir hatte man auf der Dachterrasse einen tollen Blick in die nahen Berge des Tramuntana-Gebirges oder wahlweise auf Pollenca. „Uns geht es eigentlich gut“, war der am meisten gesagte Satz in dieser Woche.

Die Räder wurden natürlich auch bewegt, mal mehr und mal weniger. Am vorletzten Tag stand die Königsetappe auf dem Programm, und hier zeigte sich wieder, dass auf Mallorca nichts unmöglich ist und die Insel einer Wundertüte gleicht.

Überraschung auf dem Puig Major

Vier Anstiege durch das Tramuntana-Gebirge hatte ich im Streckenplan, darunter hinauf zum Puig Major, dem höchsten Punkt auf Mallorca. Bis dahin lief auch alles wie am Schnürchen. Das Wetter spielte mit, Sonne und milde Temperaturen begleiteten uns auf den Weg nach oben.

Auf der Hälfte der Abfahrt nach Soller war es aber vorbei mit dem Spaß. Plötzlich tauchte eine Straßensperre vor uns auf. Die Autorallye „Pujada Puig Major“ machte ein Weiterfahren unmöglich. Ausgerechnet als wir dort ankamen, wurde eine Bergsprint-Wertungsprüfung gestartet. Und weil wir uns schon in der Auslaufzone befanden, konnten wir noch nicht einmal zurück nach oben fahren.

Wir mussten warten, bis die Veranstaltung vorbei war. Zu allem Überfluss hatte das Restaurant an dieser Stelle verständlicherweise geschlossen. Die Aussicht mit Blick auf den Küstenort Port de Soller entschädigte nur temporär. Als nach einer Stunde Wartezeit immer noch alles gesperrt war, weil es bei einem Unfall zwei verletzte Zuschauer gegeben hatte, war meine Restbegeisterung für den Motorsport endgültig auf dem Nullpunkt angekommen.

Irgendwann ging es dann doch für uns weiter, bergab im Stau bei verstopften Straßen und Dieselgestank. Erst im Anstieg zum Coll de Soller wurde es ruhiger und die Luft auch besser. Endgültig versöhnt mit dem Tag waren wir wieder beim vierten Berg hinauf zum Orient. Die Abendsonne warf schon lange Schatten, kaum Autos und Radfahrer waren noch unterwegs, es herrschte dort eine meditative Stimmung. Als wir kurz vor Sonnenuntergang in Pollenca ankamen war uns klar: Uns geht es eigentlich gut!

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