Sebastian Vollmer im Interview : „Die NFL hat so ein Wahnsinnsding kreiert“

Der zweimalige Super-Bowl-Sieger Sebastian Vollmer über den NFL-Start, die Entbehrungen des Profi-Daseins, Tricks beim Wiegen und seinen Freund Tom Brady.

German Champion. Sebastian Vollmer gewann zwei NFL-Titel mit den New England Patriots - hier zeigt er seine Meisterschaftsringe.
German Champion. Sebastian Vollmer gewann zwei NFL-Titel mit den New England Patriots - hier zeigt er seine Meisterschaftsringe.Foto: dpa

Herr Vollmer, wo erwischen wir Sie gerade?
In Florida. Ich komme in diesem Moment aus dem Fitness-Studio und mache mich jetzt auf den Heimweg.

Wie ist die Stimmung in den USA kurz vor dem ersten Spieltag in der National Football League (NFL)?
Man merkt natürlich überall, dass es bald losgeht, gerade in den Medien. Die NFL hat ja so ein Wahnsinnsding kreiert, dass jeden Monat, auch außerhalb der Saison, ein großes Event stattfindet: angefangen beim Draft, der Auswahl der besten Nachwuchsspieler, über die Free Agency, in der sich vertragslose Spieler neue Klubs suchen können, bis hin zu den Trainingslagern. Aber jetzt steht die Saison vor der Tür und jeder Experte da draußen glaubt zu wissen, worauf es ankommen, wer gut und wer schlecht sein wird. An Football führt kein Weg vorbei.

Zwischen September und Februar, also wenn die Saison läuft, gehört der Sonntag in den USA zwei Institutionen: der Kirche und der NFL.
Auf jeden Fall. Es geht mittags los, man kann jedes Spiel auf allen Kanälen verfolgen. Dazu kommt, dass es nur die NFL gibt, keine zweite und dritte Liga wie in Deutschland im Fußball – und das Land ist natürlich viel größer, trotzdem es gibt viel weniger Vereine. Ich kenne Fans, die seit 30 Jahren jedes Spiel der Patriots gesehen haben. Sie steigen dann in ihre bemalten Autos und Wohnmobile, reisen durch das Land, verkleiden sich, hängen stundenlang vor dem Stadion rum, grillen, trinken Bier. Das ist ihr Wochenende, ihr Sonntag. Und wer nicht ins Stadion geht, lädt Freunde zu sich nach Hause ein. Dabei geht es nicht nur um das Spiel, Football ist immer auch Familienangelegenheit, ein freundschaftliches Event. Man feiert zusammen und lässt die Woche ausklingen.

Ist das öffentliche Interesse, der Hype an der NFL, mit irgendeiner anderen Sportart weltweit vergleichbar?
Vielleicht mit Fußball in Deutschland und Europa, aber das kann ich nicht wirklich einschätzen. In jedem Fall herrscht in den USA ein breiteres Interesse an Sport. Es gibt im Grunde keinen Menschen, der nicht irgendeinem Team die Daumen drückt.

Sie haben acht Jahre lang für die New England Patriots gespielt und ihre Karriere 2017 beendet, nach dem Super-Bowl-Sieg gegen die Atlanta Falcons. In Ihrem Ihrem Buch „German Champion“ beschreiben sie ausführlich, welch körperliche Qualen eine Karriere in der NFL mit sich bringt, Sie selbst wurden zwölf Mal operiert. Wie geht es Ihnen heute?
Besser. Ich hatte als Profi immer um die 150 Kilogramm, heute ist es gefühlt die Hälfte. Wobei, das stimmt nicht ganz. 115 Kilo sind es dann doch noch, aber ich bin auch über zwei Meter groß, das passt schon. Aber ich werde auch nicht lügen und sagen: alles bestens, ich habe keine Schmerzen mehr. Football hinterlässt natürlich seine Spuren, gar keine Frage.

Der ehemalige deutsche NFL-Profi Björn Werner hat einmal gesagt: „Wenn man in der NFL spielt, fühlt es sich so an, als ob man jede Woche einen Autounfall hat.“
Absolut. Im Fernsehen kommt das manchmal gar nicht so rüber, aber wenn 150-Kilo-Athleten dutzende Mal mit anderen Spielern von diesem Format zusammenknallen, macht das etwas mit dem Körper. Und da reden wir nur vom Spiel, nicht vom täglichen Training, das genau so anstrengend ist. Mit den Patriots haben wir fast immer die Play-offs erreicht, die Saison war also immer sehr lang, das summiert sich. Jede Verletzung, die man sich zu Beginn zuzieht, schleppt man mit sich herum – und wenn man das alles übersteht und durch die Saison gekommen ist, lautet die Frage oft: OP – ja oder nein? Bei mir war es leider oft so, dass ich dann operiert werden musste.

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