Stefan Kretzschmar im Interview : „Alle meine Freunde haben mich bestärkt“

Der neue Füchse-Sportdirektor Stefan Kretzschmar über den Wechsel nach Berlin, seine Verbindung zur Stadt und Kabinenbesuche.

Stefan Kretzschmar, 46, wird ab 1. Januar 2020 als Sportvorstand bei den Füchsen Berlin arbeiten. Mit dem ehemaligen Weltklasse-Linksaußen wollen die Füchse einen neuerlichen Angriff auf die Spitzenklubs der Handball-Bundesliga starten.
Stefan Kretzschmar, 46, wird ab 1. Januar 2020 als Sportvorstand bei den Füchsen Berlin arbeiten. Mit dem ehemaligen...Foto: Andreas Gora/dpa

Herr Kretzschmar, Sie sind am Sonntag als neuer Sportvorstand bei den Füchsen Berlin vorgestellt worden. Keine zwei Stunden später haben Sie das Heimspiel gegen Erlangen kommentiert. Wie war das?

Ich habe das ganze Wochenende versucht, mich auf andere Gedanken zu bringen. Am Samstag war ich beim Jugendturnier meines Sohnes, weil ich einfach aufgeregt war. Sonntag lief das ähnlich. Als ich in der Halle vorgestellt und vom Publikum herzlich empfangen wurde, musste ich schon schlucken. Im Spiel hat es eine Weile gedauert, bis ich mich gesammelt hatte.

Andererseits war es das letzte Mal, dass ich bei einem Spiel der Füchse am Mikrofon saß, das wird es künftig nicht mehr geben. Ich freue mich aber, dass sich die Füchse auf eine weitere Tätigkeit als Experte eingelassen haben, bei anderen Spielen wird man mich also weiter hören. Das ist eine Leidenschaft von mir, ich bin emotional mit dem Job verbandelt und hätte das ungern aufgegeben.

Gibt es da keinen Interessenkonflikt, wenn der Sportvorstand eines Mitbewerbers die Spiele anderer Vereine kommentiert?

Ich will den Kritikern gar keine Angriffsfläche bieten und werde deshalb zumindest die Füchse-Spiele nicht mehr kommentieren. Grundsätzlich ist es sicher kein Nachteil, dass ich die Bundesliga sehr gut kenne. Um aber allen anderen Vereinen die Fragezeichen aus dem Gesicht zu nehmen: Es ist nicht meine Art, auf dem Feld fremde Spieler anzusprechen. Das habe ich nie getan und werde es auch jetzt nicht tun, keine Sorge.

Sie waren zuletzt mehr als zehn Jahre raus aus dem aktiven Geschäft, saßen im Aufsichtsrat des SC DHfK Leipzig, waren WM-Botschafter und überhaupt: Person des öffentlichen Lebens. Wo liegt Ihre Motivation, wieder in den administrativen Bereich bei einem großen Klub einzusteigen?

Nachdem ich das Projekt in Leipzig so lange begleiten durfte, war klar: Ich werde mich privat verändern und Richtung Berlin orientieren. Meine Freundin lebt hier, meine Tochter ist seit kurzem aus dem Haus und hat eine eigene Wohnung, die Idee ist über den Sommer gewachsen. Den Reiz an den Füchsen muss ich nicht erklären: Ich habe das Gefühl, wieder nach Hause zu kommen, in meine Heimatstadt – nach Berlin. Es ist eine Lebensentscheidung für die nächsten Jahre.

Gab es auch andere Angebote?

Ja, aber es wäre für mich emotional nicht darstellbar gewesen, privat nach Berlin zu ziehen und bei einem anderen Klub zu arbeiten. Als die Anfrage von den Füchsen kam, war das eine der wenigen Sachen, die mich im Vereinshandball wirklich gereizt hat. Mein engster Freundeskreis, also alle Leute, die mir wichtig sind, hat mich auch darin bestärkt, das so zu machen. Leider konnte ich meinen Vater und meine Mutter nicht mehr zu Rate ziehen, was ich sonst immer vor großen Entscheidungen getan habe. Schade, dass sie das nicht mehr miterleben durften. Es hätte ihnen garantiert gefallen.

Was hat Sie konkret gereizt?

Punkt eins, wie gesagt: Es ist meine Heimatstadt, ich bin hier groß geworden, habe meine ersten Schritte als Handballer gemacht, die Wende erlebt, den Aufstieg der Füchse Berlin beobachtet. Punkt zwei: Die Beteiligten haben etwas geschafft, was vor 20 Jahren noch undenkbar war: nämlich alle Vereine zusammenzubringen und ein Bundesliga-Projekt zu starten. Ich kann mich noch genau an den Krieg in den 90ern erinnern, der unter den Berliner Handball-Klubs tobte. Da haben alle gegeneinander gearbeitet. Dieser Krieg wurde beendet und es gab nur noch ein Aushängeschild: die Füchse. Das ist ein großer Verdient der Führungsriege und ich habe kein Problem, mich damit zu identifizieren, im Gegenteil.

Welche Voraussetzungen finden Sie vor?

Das soll jetzt nicht despektierlich klingen, aber es hat nichts mit dem zu tun, was wir damals in Leipzig vorgefunden haben. Die Füchse sind bereits ein Spitzenklub, sie haben zwei Mal den Europapokal gewonnen, den DHB-Pokal und lange Champions League gespielt. Die Leute im Verein wissen also, wie Erfolg geht. Im Moment hängen die Füchse den großen drei Klubs Kiel, Flensburg und Rhein-Neckar Löwen vielleicht ein wenig hinterher, aber das bringt der Wettbewerb und die Zeit manchmal mit sich.

Wie wollen Sie den Rückstand verkürzen?

Um sportlich erfolgreicher zu sein, müssen wir den Verein auch wirtschaftlich auf die nächste Stufe bringen. Auch da ist Bob Hanning in den letzten Jahren schon unfassbar gut unterwegs gewesen und hat ein Budget aufgestellt, das in Berlin sicher nicht selbstverständlich ist, wo der Wettbewerb groß ist. In diesem Bereich erhoffen wir uns einiges.

Wie wird Ihr Alltag aussehen?

(lacht) Man wird mich sicher nicht Montag um acht im Büro antreffen. Aber wir haben, glaube ich, eine Regelung gefunden, die für beide Seiten gut ist. Grundsätzlich gibt es zwei Aufgaben: Ich will mein Netzwerk nutzen und mich um potenzielle neue Sponsoren kümmern – und ich verantworte den sportlichen Bereich.

Wie nah dran werden Sie am Team sein?

Ich will das so handhaben wie in Leipzig und werde mich nicht in die alltäglichen Belange der Profis einmischen. Man wird mich nicht in der Kabine antreffen, außer vielleicht am Mittwoch nach dem nächsten Spiel, um die Mannschaft noch einmal offiziell darüber zu informieren, dass ich hier anfangen werde. Das überlasse ich dem Trainer, damit bin ich bisher immer gut gefahren. Natürlich wird es einen regen Austausch mit Velimir Petkovic geben, das wird ein sehr enges Verhältnis sein. Ich werde nicht nur beim Training der ersten Mannschaft präsent sein, sondern auch bei den anderen Teams, werde die Spieler, die für uns in Frage kommen scouten, die Gespräche übernehmen und auch mit den Spielern der Füchse Einzelgespräche führen.

Welche Ziele haben Sie mit den Füchsen?

Es gab immer wieder Spielzeiten – vor allem, als Dagur Sigurdsson noch hier Trainer war – in denen ich mich gefragt habe: Wie kann diese Mannschaft um die Champions-League-Plätze mitspielen? Aber sie hat es jedes Jahr aufs Neue bewiesen, vor allem mit der Teilnahme am Final Four in Köln. Das war bisher die größte Zeit der Füchse, danach ist die Schere zu den Spitzenklubs ein bisschen auseinander gegangen. Im Verbund mit Bob wird es meine Aufgabe sein, dem Trainer in den nächsten Jahren eine schlagkräftige Truppe an die Hand zu geben. Wir wollen wieder dauerhaft eine Spitzenmannschaft sein.

Am Sonntag gab es eine witzige Szene im Fernsehen. Nach ihrem ersten Doppelinterview als Mitarbeiter der Füchse hat der Moderator Sie und Manager Hanning mit den Worten verabschiedet: „Vertragt euch!“ Besteht Grund zur Sorge?

Mit Bob und mir treffen zwei starke Charaktere aufeinander, keine Frage. Aber wir haben seit geraumer Zeit ein Verhältnis auf Augenhöhe entwickelt. Was er für den Handball getan hat und tut, verdient einfach Respekt. Und zum Thema Streit: Solche Sachen geraten ja meistens erst an die Oberfläche, wenn es nicht läuft. Wir sind uns im Klaren darüber, welche Menschen wir sind, was wir machen wollen, aber das muss sich auch erst beweisen und immer wieder neu bestätigen. So wie das jetzt gelaufen ist, bin ich optimistisch, dass wir unsere Kräfte bündeln und gut zusammenarbeiten können.

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