Vor 100 Jahren : Wie aus Torball Handball wurde

In Berlin wurde vor genau 100 Jahren wurde an der Spree aus dem Torball der Handball – auf den Spuren der Erfolgsgeschichte einer Sportart.

Handball auf dem Großfeld.
Handball auf dem Großfeld.Foto: dpa

Max Heiser kann wirklich von Glück reden, nicht hundertprozentig gesund zu sein. Mit Mitte 30 klagt der Berliner Oberturnwart zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits über zahlreiche körperliche Gebrechen und Beschwerden, aber im konkreten Fall ist das gar nicht mal schlimm. So bleibt ihm nämlich das Schicksal erspart, das vielen anderen jungen Männern in dieser Zeit widerfährt, in der sich die Welt erstmalig in einen allumfassenden Krieg stürzt, in einen Weltkrieg eben.

Heisers körperlicher Zustand führt jedenfalls dazu, dass er zwischen 1914 und 1918 nicht in die Armee eingezogen wird, um in irgendeinem Schützengraben Dienst zu tun und sein Leben zu riskieren. Stattdessen kann er sich mit anderen Dingen beschäftigen – und so verfasst er auf den Tag genau heute vor 100 Jahren ein Regelwerk, das den Grundstein für die Entstehung einer Sportart legen soll, die mittlerweile zu den populärsten in Deutschland und Europa gehört. 1915 hat Heiser bereits ein Spiel namens „Torball“ erfunden, es soll eine körperlose Alternative zum Fußball sein und ist zunächst ausschließlich für Frauen und Mädchen gedacht.

Am 29. Oktober 1917 gibt er seinem Kind dann einen anderen Namen – die Geburtsstunde des Handballs. Mit dem Spiel in seiner heutigen Form hat die damalige Variante zwar nicht viel gemein, der Ball etwa hat einen Umfang von 71 Zentimetern (heute 54 bis 60) und das Prellen ist zunächst nicht gestattet – aber Jubiläum ist nunmal Jubiläum und muss natürlich gefeiert werden.

Zum runden Geburtstag der Sportart gab und gibt es in dieser Woche nun eine Reihe von Festveranstaltungen in Berlin. Allein schon „aus historischen Gründen“ sei die Stadt ein idealer Schauplatz für das Jubiläum, sagt Andreas Michelmann, Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Nachdem der Berliner Turnlehrer Carl Schelenz Heisers Regelwerk im Jahr 1919 modifiziert und für den männlichen Bereich geöffnet hatte – er erlaubte Zweikämpfe, führte einen kleineren Ball sowie das Prellen ein und stellte das Werfen in den Vordergrund – fand am 22. Februar 1920 das erste offizielle Handballspiel zweier

Henning Opitz als Kronzeuge

Vereinsmannschaften in Berlin statt: Der Turn- und Sportverein von 1850, heute BTSV 1850, setzte sich mit dem sensationellen Ergebnis von 4:1-Toren gegen den Turnverein GutsMuths durch. 1921 gewann der TSV 1860 Spandau die erste deutsche Meisterschaft. Auch in den Jahren danach tauchte Berlin immer wieder als Hochburg des frühen Handballsports auf, von hier aus startete das Spiel seine Reise in die Welt. Deshalb sei es wichtig, so Michelmann weiter, dass die Feierlichkeiten „im Zeichen von Aufbruch und Tradition“ stehen.

Um über Handball-Historie und Tradition zu reden, gibt es vielleicht keinen besseren Kronzeugen als Henning Opitz. Der Ehrenpräsident des Berliner Handball-Verbandes und Träger des Bundesverdienstkreuzes hat sich bereits als Jugendlicher seiner Leidenschaft verschrieben und kann unzählige persönliche Geschichten erzählen. Vielleicht nicht gerade aus den Anfangsjahren, in denen Grundlagen wie Spielfeld, Teamgröße und Schiedsrichter praktischerweise vom Fußball übernommen wurden. Auch nicht unbedingt aus der Zeit vor dem Krieg, als sich Adolf Hitler wegen der großen Erfolgsaussichten des deutschen Teams höchstpersönlich dafür einsetzte, dass Feldhandball bei den Spielen von 1936 (zum ersten und einzigen Mal) olympisch war. Abgesehen davon kennt Opitz aber im Grunde jede Antwort auf Fragen, die sich mit dem Handball seit 1950 beschäftigen. „Ich habe mein Leben dem Sport gewidmet“, sagt der 79-Jährige, „aber der Sport hat mir auch unfassbar viel gegeben.“

Opitz hat als Funktionär so ziemlich jede Funktion bekleidet, die man sich vorstellen kann: Abteilungsleiter, Pressesprecher beim Berliner Verband, Vizepräsident beim niedersächsischen Verband, Präsidiumsmitglied im DHB, Vorsitzender des Freundeskreises des Deutschen Handballs, um nur einige wenige zu nennen – seine Frau hat es sogar zur Bundesliga-Spielerin gebracht. Besonders gern erinnert sich Opitz aber an seine ersten Jahre, goldene Jugend sozusagen. „Als Spieler war ich nicht besonders gut, ich würde eher sagen: Durchschnitt“, erzählt er und lacht, „also bin ich mit 16 Jahren Schiedsrichter geworden.“ Von 1954 bis 1979 leitet Opitz Spiele auf nationaler und internationaler Ebene, einmal pfeift er in Dortmund vor über 20 000 Zuschauern. „Ein irres Erlebnis“, sagt er heute, „ich kriege noch immer Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke.“

Es ist die Zeit, in der sich die Sportart massiv verändert, allmählich hebt sich Handball immer mehr und ganz bewusst vom Fußball ab. Die Mannschaftsstärke wird reduziert, das Spiel findet nicht mehr unter freiem Himmel auf einem Rasenplatz, sondern immer häufiger in einer Halle mit Parkettboden statt. Der Impuls dafür kommt aus dem skandinavischen Raum: Wegen der rauen klimatischen Bedingungen in Nordeuropa suchte man vor allem in Dänemark und Schweden nach Möglichkeiten, das Spiel weiterzuentwickeln, ohne auf die Jahreszeiten Rücksicht nehmen zu müssen. Da lag der Gang in die Halle verdammt nahe. „Das Spiel ist dadurch wesentlich schneller und für Zuschauer attraktiver geworden“, sagt Opitz. Fünf Tore, wie im ersten offiziellen Spiel zwischen GutsMuths und BTSV, konnten jetzt binnen weniger Minuten fallen.

Fair Play zählt

Diese Faktoren führten schließlich dazu, dass der Hallenhandball seinem Vorgänger und Wegbereiter, dem Feldhandball, alsbald den Rang ablief. 1972 in München war die Hallenvariante zum ersten Mal olympisch, zunächst allerdings nur für Männer. Vier Jahre später, bei den Spielen in Montreal, übten ihn auch Frauen zum ersten Mal bei Olympia aus. „Spätestens mit den Spielen von München war klar: Feldhandball ist Geschichte, die Zukunft der Sportart liegt ohne jeden Zweifel in der Halle“, erinnert sich Opitz, der 1972 als Zeitnehmer und Sekretär fungierte.

Dass Handball in der Folge in beiden deutschen Staaten zusehends an Popularität gewann, hing wie so oft bei der Evolution von Sportarten mit den Erfolgen der Nationalmannschaften aus BRD und DDR zusammen, die unabhängig voneinander Erfolgsgeschichten mit gewissen Parallelen schrieben: Die BRD-Auswahl gewann 1978 in Schweden unter der Verantwortung des ebenso legendären wie charismatischen Trainers Vlado Stenzel den ersten WM-Titel, im Aufgebot standen solch große Namen wie Joachim Deckarm, Heiner Brand oder der bereits 2012 an Krebs verstorbene Ausnahmekönner Erhard Wunderlich. Der sensationelle 20:19-Erfolg der Deutschen im Endspiel gegen die Sowjetunion wirkt bis in die Gegenwart nach: Erst vor Kurzem hat sich Erik Eggers, Sporthistoriker und einer der großen deutschen Handball-Journalisten, unter dem Titel „Mythos 78“ noch einmal der Geschichte der 78er Weltmeister angenommen, die bis heute eine außerordentliche Freundschaft verbindet, auch und vor allem privat.

Auf der anderen Seite der Mauer durfte 1980 eine ähnliche Überraschung begossen werden. Bei den Boykott-Spielen von Moskau traf die DDR-Auswahl im Finale auf Gastgeber Sowjetunion – und obwohl die Mannschaft krasser Außenseiter war und die klare Ansage bekommen hatte, bloß nicht gegen den „Bruderstaat“ zu gewinnen, setzte sie sich nach Verlängerung mit 23:22 durch.

In den Folgejahren entwickelte sich Handball zu einem immer dynamischeren, schnelleren und actionreichen Spiel, in dem es kaum Verschnaufpausen gibt. Eine ganz neue Stufe erreichte das Spiel jedoch mit der Einführung der schnellen Mitte, die das Tempospiel begünstigte und eine Revolution bedeutete. Die neuesten Regeländerungen, die vom Weltverband IHF in einer Nacht- und Nebelaktion kurz vor den Olympischen Spielen 2014 verfügt wurden und dauerhaft den Einsatz eines siebten Feldspielers erlauben, stoßen allerdings auf wenig Gegenliebe. Das Spiel sei zu sehr auf Tore ausgerichtet, grundsätzlich zu offensiv-orientiert, sagen viele Kritiker und Ex-Internationale. Dabei weiß jeder, der sich nur ein bisschen für Handball interessiert, dass auch eine zünftige Abwehrschlacht unterhaltsam sein kann. Vielleicht nicht unbedingt schön, aber unterhaltsam.

Bei aller Physis und aller körperlichen Härte, die das Spiel 100 Jahre nach seiner Erfindung prägt, zeichnet es sich aber vor allem durch die Umsetzung des Fair-Play-Gedankens aus. „Wir sind eine krawallfreie Sportart, in der Fans unterschiedlicher Lager ohne Probleme nebeneinander sitzen können“, sagt Opitz. „Und bei den Spielern ist es doch so: Sie bekämpfen sich im Spiel oder sagen sich ein paar Sachen, aber das ist beim Handschlag nach der Schlusssirene auch wieder vergessen.“ Schauspielerei steht unter Handballern schlichtweg auf dem Index. „Deshalb mag ich diesen Sport auch so“, sagt Opitz. Das kann man Woche für Woche auch bei Berlins führendem Handball-Verein sehen, den Füchsen.

Es mag ein netter Zufall sein, dass der Berliner Klub, bis vor wenigen Jahren noch Zweitligist am Rande der Bedeutungslosigkeit, gerade seine eigene Erfolgsgeschichte fortschreibt. In jedem Fall passt es ins Bild und zu den Jubiläums-Feierlichkeiten am Geburtsort Berlin. Im Herbst 2017, 100 Jahre nach der Niederschrift des ersten Regelwerks, grüßen die Füchse von der Tabellenspitze der Handball-Bundesliga.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar