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Schuss in den Ofen: Für Arnd Peiffer und seine Kollegen läuft bei der Biathlon-WM wenig zusammen.
© Leonhard Foeger/Reuters

Nur Erik Lesser überrascht: Warum die deutschen Biathlon-Männer bei der WM nicht in Schuss sind

Auf den Männern lagen die Hoffnungen des deutschen Teams bei der Biathlon-WM. Bisher enttäuschten sie jedoch. Das liegt auch an ihren Leistungen am Schießstand.

Ein wenig Galgenhumor liegt Erik Lesser nicht ganz fern. Wer wie der frühere Biathlon-Weltmeister den ganzen Winter über läuferisch in einem kolossalen Formtief steckte und deshalb arge Probleme in der Loipe hatte, kann dafür öffentlich in Sack und Asche gehen. Oder man macht es eben wie Lesser und sagt mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus: „Auf den kurzen Distanzen komme ich ganz gut zurecht.“

Es war bislang wirklich keine besonders erbauliche Saison für den 31-Jährigen. Im Weltcup lief er meist nur hinterher, kam dann irgendwann nur noch im zweitklassigen IBU-Cup zum Einsatz und schaffte am Ende gerade einmal die halbe Norm für die gerade laufenden Weltmeisterschaften in Antholz.

Für die deutschen Biathlon-Männer läuft es nicht

Nominiert wurde er aus Generosität des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) dann doch, gewissermaßen als Beistand für seine erfolgreichen Kollegen wie Arnd Peiffer, Benedikt Doll und Johannes Kühn. Die waren im Weltcup allesamt bereits aufs Podium gelaufen und galten deshalb als große Hoffnungen für die eine oder andere WM-Medaille. Es kam jedoch ganz anders.

Am Donnerstag lief Lesser gemeinsam mit Franziska Preuß in der Single-Mixed-Staffel auf Rang zwei und holte sich damit Silber. Seitdem ist er der einzige Mann aus dem deutschen Biathlon-Team, der eine Medaille gewonnen hat. Für seine vielversprechenden Kollegen ging bislang hingegen kaum etwas.

Ein fünfter sowie ein siebter Platz von Arnd Peiffer in Sprint und Verfolgung waren das höchste der Gefühle, ehe der Titelverteidiger am Mittwoch bei seiner Spezialdisziplin im Einzel einbrach und nur auf Platz 50 landete. Benedikt Doll wurde als bester Deutscher Zwölfter.

Zusammen klappt es: Franziska Preuß und Erik Lesser holten in der Single-Mixed-Staffel Silber.
Zusammen klappt es: Franziska Preuß und Erik Lesser holten in der Single-Mixed-Staffel Silber.
© Hendrik Schmidt/dpa

Für die Biathlon-Männer des DSV ist das eine ziemliche Enttäuschung. Von ihnen hatte man sich vor der WM den Großteil der vier bis fünf anvisierten Medaillen versprochen. Doch die haben nun die Frauen geholt, die nach dem Abschied von Laura Dahlmeier durch zuvor ziemlich wechselhafte Leistungen eigentlich mehr Anlass zur Sorge gegeben hatten. Denise Herrmann holte jedoch Silber in der Verfolgung, und Vanessa Hinz schaffte dasselbe im Einzel.

Dass nun ausgerechnet Erik Lesser als einzigem Mann aus dem Team eine Medaille um den Hals baumelt, kommt jedoch nicht von ganz ungefähr – und hat viel mit den jüngsten Leistungen am Schießstand zu tun. Dort feuert Lesser ungeachtet seiner läuferischen Misere weiterhin wie ein Uhrwerk, während seine Mitstreiter besonders beim jüngsten Einzelrennen eher mit der Präzision eines Rasensprengers unterwegs waren. 24 Fehler schossen Peiffer und Kollegen da.

Die Bedingungen in Antholz sind speziell

Den Worten von Bundestrainer Mark Kirchner zufolge war Lessers Nominierung für die Single-Mixed-Staffel deshalb auch weniger eine Überraschung als vielmehr volles Kalkül: „Wir haben unsere beiden besten und schnellsten Schützen ins Rennen geschickt“, erklärte Kirchner. „Das war unsere Taktik.“ In Antholz ging sie auf, weil das Schießen dort unter speziellen Bedingungen stattfindet, mit denen die anderen Männer zurzeit offensichtlich nur schwer zurechtkommen.

Weit oben: Die WM-Strecke von Antholz liegt auf etwa 1600 Metern Höhe.
Weit oben: Die WM-Strecke von Antholz liegt auf etwa 1600 Metern Höhe.
© Hendrik Schmidt/dpa

Auf etwa 1600 Metern Höhe liegt die Strecke in den Südtiroler Dolomiten, so hoch wie keine andere Anlage im Weltcup. Die WM in Antholz ist also nicht nur der sprichwörtliche Saisonhöhepunkt. Für die Athletinnen und Athleten bedeutet das eine veränderte Atmung, mehr Schnauferei und somit nötige Anpassungen im Schießrhythmus.

Nun gäbe es im deutschen Team eigentlich einen Experten für solche Umstände. Seit 2018 fungiert der frühere Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig als Schießcoach des deutschen Teams. Doch der murrte erst im Januar, dass die Spitzenleute seine Dienste zu wenig in Anspruch nehmen würden. Während der ersten WM-Woche weilte er auch in Antholz – jedoch nur privat.

Einen festen Schießtrainer für den Biathlon-Weltcup gibt es nicht

Nach seinen Klagen gab es ein Gespräch mit dem neuen Sportlichen Leiter Bernd Eisenbichler, in dem „etwaige Ungereimtheiten ausgeräumt“ wurden. Hönig soll sich nicht ausschließlich um die Topleute kümmern, sondern übergreifend bis in den Nachwuchs tätig sein. Einen festen Schießtrainer für den Weltcup-Kader, wie ihn etwa die Teams aus Norwegen oder Frankreich an Bord haben, wird es erst einmal nicht geben.

„Wir haben ein hohes Niveau im Schießen, und man muss jetzt auch nicht alles über den Haufen werfen, nur weil das Einzelrennen mal schlecht lief“, sagt Eisenbichler. Nach der Saison wolle er schauen, „wer uns punktuell in verschiedenen Dingen helfen kann“.

Noch läuft die Saison jedoch, und auch bei deren doppeltem Höhepunkt in Antholz stehen zum Abschluss mit der Staffel am Samstag (11.45 Uhr/ARD und Eurosport) und dem Massenstart am Sonntag noch jeweils zwei Entscheidungen bei Frauen und Männern an. Bei der Nominierung der Männer-Staffel gab es dann am Freitag auch noch eine eigentlich gar nicht mehr so überraschende Überraschung. Denn als Startläufer mit dabei sein wird: Erik Lesser.

Leonard Brandbeck

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