Geobiologie : Wenig Hoffnung für die bunten Paradiese

Auf der Suche nach Rettung: Reinhold Leinfelder und sein Team erforschen die Anpassungsfähigkeit von Riffen.

Catarina Pietschmann
Einzigartiger Lebensraum: Intakte Korallenriffe wie hier bei Raja Ampat vor der Küste Indonesiens sind auch Kinderstuben und Fressgründe für viele Fischarten.
Einzigartiger Lebensraum: Intakte Korallenriffe wie hier bei Raja Ampat vor der Küste Indonesiens sind auch Kinderstuben und...Foto: Jayne Jenkins/THE OCEAN AGENCY

Für die tropischen Flachwasser-Riffe ist es schon fast fünf nach zwölf. Immer häufiger geraten diese faszinierenden Ökosysteme durch steigende Wassertemperaturen unter Stress und bleichen aus, weil sich ihre einzelligen Untermieter – die Algen, die sie mit Energie versorgen und ihnen auch die herrlich bunten Farben verleihen – bei den höheren Temperaturen eher so verhalten, dass sie die Koralle schädigen – und deshalb von dieser „hinausgeworfen“ werden. „Dauern solche Phasen zu lange an, verhungern die Korallen. Teilweise werden sie später zwar wiederbesiedelt, aber das Ausbleichen der Korallenriffe, das sogenannte Bleaching, nimmt global zu“, mahnt Professor Reinhold Leinfelder, Geobiologe und Riffspezialist an der Freien Universität Berlin.

Erstmals in großem Ausmaß wurde dieses Phänomen 1998 beobachtet, als eine Hitzewelle, vor allem ausgelöst durch die als El Niño bekannt gewordene Wassererwärmung im Pazifik,16 Prozent aller Korallenriffe weltweit zerstörte. 2010 und 2014 bis 2017 wiederholte sich das Bleaching.

Doch neben dem Klimawandel setzen weitere Faktoren den Riffen zu. Überdüngung durch intensive Landwirtschaft, Überfischung, Massentourismus und Plastikmüll schädigen die sensiblen Ökosysteme gleich vielfach. Gründe genug für die Wissenschaft, das Jahr 2018 zum 3. Internationalen Jahr des Riffs zu erklären, nach 1997 und 2008. Bei der deutschen Auftaktveranstaltung sprach Mitorganisator Reinhold Leinfelder im Januar während der Boots- und Wassersportmesse BOOT in Düsseldorf vor 800 Tauchlehrerinnen und -lehrern, um sie als Multiplikatoren für den Riffschutz zu begeistern und sie dafür zu gewinnen, die Forscher beim Riff-Monitoring zu unterstützen.

Ohne Riffe würden Sandstrände einfach weggespült

Doch was macht es schon, wenn die Riffe sterben? Schade für die Tauchurlauber – aber sonst? Eine ganze Menge! Denn abgesehen vom Rifftourismus, von dem viele Länder leben, haben die bunten Paradiese vielfältige Funktionen. Weil sie durch ihre raue und zerklüftete Oberfläche bis zu 95 Prozent der Wellenenergie abfangen, dienen diese Barrieren Tausenden Inseln und diversen Festlandregionen als natürlicher Küstenschutz. Fehlten sie, würden Sandstrände einfach weggespült.

Riffe sind aber auch Kinderstuben und Fressgründe für viele Fischarten, ein Viertel des internationalen Fischfangs ginge verloren ohne sie. Die vielgestaltigen Unterwasserlandschaften sind zudem Hot Spots der Evolution und der Biodiversität. „Man schätzt, dass etwa zwei Millionen Arten von Organismen in den Riffen der Welt leben“, sagt Reinhold Leinfelder. „Und die meisten davon kennen wir noch gar nicht.“

Außerdem sind sie eine schier unerschöpfliche „blaue Apotheke“. Viele Substanzen ihrer Bewohner sind hochpotente Arzneistoffe, darunter raffinierte Antibiotika, Schmerz- oder Krebsmittel. Kein Wunder, denn am Riff leben so viele unterschiedliche Lebewesen zusammen, dass etliche im Laufe der Evolution ausgeklügelte Überlebensstrategien entwickelt haben. „Da muss mancher sich seinen Platz erobern und aufpassen, dass er von anderen nicht weggegiftet wird“, sagt Reinhold Leinfelder. Riffe entstehen nur dort, wo der Meeresgrund felsig-fest ist. Meist siedeln sich an diesen Stellen gleich sehr viele Riffbaumeister an: die Steinkorallenlarven. Denn derartige „Grundstücke“ sind rar. Die Larven zementieren zuerst ein winziges Stück „Fußboden“ unter sich und ziehen dann einen kalkigen „Becher“ um sich herum hoch. Je nach Korallenart und Umweltbedingungen wächst diese Riffbasis nun pro Jahr einige Millimeter bis Zentimeter in die Höhe und verzweigt sich.

Zwischen den Korallen geht es zu wie in geschäftigen Metropolen

Reinhold Leinfelder vergleicht Riffe gern mit geschäftigen Metropolen, denn es gibt viele Gemeinsamkeiten. Einzellige Algen ziehen als Untermieter in die Korallenhochhäuser ein und versorgen sie mittels Photosynthese dezentral mit Solarenergie. Seitlich entstehen Algenfelder, auf denen pflanzenfressende Fische und Seeigel als Gärtner werkeln und Wildwuchs verhindern. So entstehen auch üppige „Gemüsemärkte“. Weitere Kunden sind fleischfressende Fische, von denen viele auch nur als Pendler von Zeit zu Zeit am Riff vorbeischauen. Putzer-Garnelen stehen bereit, um danach deren Zähne zu reinigen. Schwämme, Muscheln und weiteres Getier arbeiten als Klärwerker: Sie halten das Wasser am Riff sauber, indem sie es filtrieren und sich dabei von den feinen organischen Partikeln ernähren. Einsiedlerkrebse und andere Krustentiere erledigen die Müllabfuhr. Und sogar Abbruchunternehmer gibt es: Bohrschwämme zerlegen abgestorbene Korallenteile und räumen so begehrte Grundstücke wieder frei, die von Kalk-Rotalgen, den Mörtelmeistern, sogleich zementiert werden, damit neue Steinkorallenlarven wieder festen Grund vorfinden.

Ein gesundes Riff macht selbst das Absinken des Meeresbodens durch tektonische Bewegungen oder einen Meeresspiegelanstieg mit, denn die Strukturen wachsen immer weiter – nach oben, dem Licht entgegen.

Doch den Klimawandel werden die tropischen Flachwasser-Riffe wohl – trotz aller Bemühungen – nicht überleben, schätzen Wissenschaftler. Es habe zwar in der Erdgeschichte bereits mehrere Phasen gegeben, in denen die tropischen Flachwasserriffe verschwanden, sagt Reinhold Leinfelder. Aber irgendwann seien sie wieder neu entstanden. „Mal hat es drei, mal fünf, mal auch 140 Millionen Jahre gedauert, das ist also kein Trost für heute.“ Doch noch nie sei das Sterben so schnell gegangen wie dieses Mal – „dank“ des vielfältigen Einflusses des Menschen. Mit seinem Team untersucht Reinhold Leinfelder deshalb an verschiedenen Punkten der Erde die Anpassungsfähigkeit unterschiedlicher Rifftypen. Vielleicht könnten manche, so die Hoffnung des Forscherteams, zumindest stellenweise die Aufgaben abgestorbener Flachwasser-Riffe übernehmen.

Mahnmal der Zerstörung: An vielen Stellen wie hier vor Heron Island am Great Barrier Reef sind große Korallenriffflächen abgestorben. Aus einer ehemals quirligen Lebensgemeinschaft ist ein Friedhof von farblosen Korallenresten geworden.
Mahnmal der Zerstörung: An vielen Stellen wie hier vor Heron Island am Great Barrier Reef sind große Korallenriffflächen...Foto: THE OCEAN AGENCY

Jeder einzelne kann etwas für den Schutz der Riffe tun

„Vor Borneo etwa gibt es Schlammriffe, die trotz des hohen Schlammeintrags durch die Abholzung der Regenwälder lebensfähig sind“, sagt der Geobiologe. Und in der Jurazeit seien Riffe in sehr nährstoffreichem und trübem Wasser gewachsen, obwohl es dort wenig Licht gab und der Photosynthese-Stoffwechsel der Algen eingeschränkt war. „Solche ,Schmutzfink-Korallenriffe’ gibt es bis heute im Tiefwasser.“ Spannend sind für Reinhold Leinfelder auch „Lazarusriffe“, die mehrheitlich aus Schwämmen bestehen oder bei denen sich die Korallen, wie im Mittelmeer, anpassen können: Gibt es viel Plankton, fressen sie mehr Plankton – gibt es viel Licht, halten sie sich einzellige Symbionten. Stromatolithen-Riffe aus abgestorbenen Mikrobenfilmen – quasi die Urväter aller Riffe – sind sogar wahre Überlebenskünstler: Sie überstehen nahezu alles.

Vollständig ersetzen könnten solche Exoten ihre bedrohten „Kollegen“ jedoch nicht, fürchtet Leinfelder. Nur eins könne den tropischen Flachwasser-Riffen noch helfen: „Wir müssen die Geschwindigkeit des Klimawandels stark bremsen und andere belastende Faktoren wie etwa die Meeresverschmutzung und die Überfischung verringern, damit die Riffe mehr Zeit bekommen, sich anzupassen.“ Das oft gehörte Argument „Aber ich allein kann doch eh nichts tun!“ ist nach Ansicht des Wissenschaftlers keine gute Ausrede. Denn jeder einzelne könne sehr wohl etwas tun: Zum Beispiel Flugreisen und damit CO2 einsparen, weniger und nur Fisch aus zertifiziertem Fang essen und Plastik vermeiden, denn 70 Prozent davon landeten irgendwann in der Umwelt. „Selbst die richtige Wahl des Sonnenschutzes beim Schnorcheln hilft“, appelliert Leinfelder, „denn auch synthetische UV-Filter in Sonnencremes schaden den Riffen und ihren Bewohnern.“

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