Hans Jonas : Für eine Philosophie der Zukunftsverantwortung

Vor 25 Jahren verlieh die Freie Universität Hans Jonas die Ehrendoktorwürde – seine Ideen prägten Politikerinnen und Politiker verschiedener Parteien.

Jonas Huggins
„Fatalismus wäre Todsünde“, sagte Hans Jonas.
„Fatalismus wäre Todsünde“, sagte Hans Jonas.Foto: Marius Sobolewski

„Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Für die Formulierung seines „ökologischen Imperativs“ hat sich Hans Jonas – 1903 in Mönchengladbach geboren und 1993 in New Rochelle, USA, gestorben – an Kants kategorischen Imperativ angelehnt. Sein 1979 erschienenes ethisches Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ entstand unter dem Eindruck großer Gefahren: der ökologischen Krise und Klimakatastrophe als Folge der etablierten Wohlstandspraxis einerseits und der neuen Technologien mit kaum abschätzbaren Folgen andererseits: Atomkraft, Gentechnik und Stammzellenforschung. „Der Mensch kann ungeheuer viel mehr tun, als er es je konnte“, sagte der Philosoph 1981 als Begründung für seinen verantwortungsethischen Ansatz.

Vor 25 Jahren verlieh die Freie Universität Berlin Hans Jonas die Ehrendoktorwürde der Philosophie. In seiner Dankesrede, die der Wissenschaftler größtenteils aus dem Stegreif formulierte, rief er eindringlich dazu auf, sich für eine nachhaltige Welt zu engagieren. „Fatalismus wäre Todsünde“, beschwor er das Publikum. Fünf Jahre nach seinem Tod wurde am Institut für Philosophie der Freien Universität das Hans-Jonas-Zentrum angesiedelt. Dessen Ziel ist es, eine breitere Öffentlichkeit für Jonas’ Zukunftsverantwortung zu interessieren und ihre wissenschaftliche Rezeption zu vertiefen. Das Zentrum betreibt die Hans-Jonas-Studien- und Zukunftsbibliothek, gibt mehrere Schriftenreihen und wissenschaftliche Literatur heraus und verantwortet seit 2006 die Arbeiten an einer Kritischen Gesamtausgabe des Philosophen.

Er setzte sich mit der Theodizee-Frage auseinander

Neben Online-Materialien umfasst dieses Projekt 13 schwere Bände, sieben sind bereits veröffentlicht. Herausgegeben wird die Ausgabe von Dietrich Böhler, emeritierter Philosophieprofessor der Freien Universität, und seiner Frau Bernadette Herrmann. Beide sind Bewunderer von Hans Jonas und dessen Werk. „Er war ein originärer, redlicher Denker, ein bescheidener Mensch und feiner Diskurspartner“, erinnert sich Dietrich Böhler, der Jonas damals nach Berlin eingeladen hatte. Nicht nur als Technikphilosoph, auch als Religionswissenschaftler hatte sich Hans Jonas, der 1933 als Jude aus dem nationalsozialistischen Deutschland emigrieren musste, einen Namen gemacht. Drei Bände der Kritischen Gesamtausgabe widmen sich seinen Schriften zur Gnosis, einem im Altertum einflussreichen religiösen Weltbild, dessen scharfer Dualismus (beispielsweise Geist – Materie oder Licht – Finsternis) nicht nur den Zeitgeist prägte, sondern noch in der Moderne fortwirkt, was Jonas etwa einerseits an Descartes, andererseits am Existentialismus zeigt. Vor allem in seiner vielbeachteten Schrift „Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme“ setzte er sich mit der Theodizee-Frage auseinander: warum ein Gott das Leiden – den Holocaust – zulässt, wenn er doch die „Allmacht“ und die „Güte“ besitzen müsste, es zu verhindern. „Hans Jonas hat versucht, den Gottesbegriff nicht aufzugeben“, sagt Dietrich Böhler. Seine Zukunftsethik habe er aber klar vom Glauben getrennt: „Wie können wir unsere Pflicht gegen die Nachwelt und die Erde unabhängig vom Glauben begründen?“ hieß sein Vortrag auf dem Katholikentag 1984.

Im Ausland findet Hans Jonas neue Beachtung

Immer wieder warf er die Frage auf, ob die Menschheit die endgültige Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen verhindern werde oder ob sie „dem bösen Ende“ immer näherkomme. Zugleich mahnte er, nicht zu resignieren. Wie kein anderer Philosoph fand er in der Politik Gehör, so in der „Nord-Süd-Kommission“ Willy Brandts und besonders in der UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung, deren Leitbegriff „sustainable development“ er inspirierte. SPD, Teile der FDP und CDU sowie die neu gegründeten Grünen orientierten sich in den späten siebziger und den achtziger Jahren an Jonas’ Prinzip Verantwortung. Hans-Dietrich Genscher, Hannelore Hamm-Brücher, Richard von Weizsäcker, Hans-Jochen Vogel, Erhard Eppler, Herta Däubler-Gmelin, Oskar Lafontaine, Johannes Rau, Helmut Schmidt, Klaus Töpfer, Horst Köhler und Christian Wulff gehörten zu seinen Lesern. Sogar in Bundestagsdebatten wurde über die richtige Auslegung von Jonas’ Zukunftsethik gefochten. Und seit Richard von Weizsäcker berufen sich alle Bundespräsidenten auf Jonas als Kronzeugen einer verantwortlichen Erdpolitik.

Heute sind Begriffe wie Nachhaltigkeit und der Schutz der Rechte zukünftiger Generationen in der politischen Diskussion allgegenwärtig – letzterer wurde 1994, ein Jahr nach Jonas' Tod, sogar als Staatsziel im Grundgesetz verankert. Um den Philosophen selbst scheint es in Deutschland stiller geworden zu sein. Im Ausland jedoch findet er neue Beachtung: „Hans Jonas ist zu einem Klassiker geworden, der in einer zweiten Rezeptionswelle steht“, sagt Dietrich Böhler. „In Italien, in Osteuropa, Japan, China und Südamerika gibt es durch das zunehmende Umweltbewusstsein ein großes Interesse.“ Zu Recht, findet der Berliner Philosoph: Angesichts des Klimawandels und der dadurch ausgelösten Migrationsbewegungen sei Hans Jonas aktuell wie nie zuvor.