Öffentliche Sicherheit : Gefahren analysieren und abwenden

Zukunftslabor des Forschungsforums Öffentliche Sicherheit der Freien Universität wurde eröffnet.

Leon Holly
Land unter: Überschwemmungen wie das Elbehochwasser im sächsischen Radebeul im Juni 2013 nehmen zu.
Land unter: Überschwemmungen wie das Elbehochwasser im sächsischen Radebeul im Juni 2013 nehmen zu.Foto: euroluftbild.de/Peter Schubert

Irene Mihalic hat keinen weiten Weg. Um das Future Security Lab zu erreichen, muss die Bundestagsabgeordnete der Grünen quasi nur die Straße überqueren. Das vor wenigen Tagen eröffnete Zukunftslabor des Forschungsforums Öffentliche Sicherheit der Freien Universität Berlin hat seinen Sitz im Einstein Center Digital Future in der Wilhelmstraße 67. Direkt gegenüber steht das Jakob-Kaiser-Haus, in dem Abgeordnete sitzen und Ausschüsse tagen; dahinter thront das Reichstagsgebäude. Die Nähe zum Regierungsviertel ist kein Zufall.

„Wir wollen hier aktuelle Forschungsergebnisse zur zivilen Sicherheit im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar machen – und das nicht nur für Sicherheitsexperten, sondern vor allem auch für Politiker und Entscheidungsträger“, sagt Lars Gerhold, Leiter des Zukunftslabors und Professor für Interdisziplinäre Sicherheitsforschung an der Freien Universität. „Da helfen kurze Wege.“

Für Irene Mihalic sieht die anschauliche Darstellung der sonst eher abstrakten Sicherheitsfragen als einen Gewinn für ihre politische Arbeit im Innenausschuss. „Ich kann mir vorstellen, ergänzend zu einer Anhörung im Ausschuss auch mal mit Kolleginnen und Kollegen eine kleine Exkursion hierher zu unternehmen.“ Und nicht nur die Politik profitiert von der räumlichen Nähe: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können mit Gesetzgebern in den Austausch treten und ihre Forschungsergebnisse direkt selbst zur Diskussion stellen. Das gilt auch für die Experten im Haus, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Einstein Center Digital Future, die die digitale Entwicklung und deren Folgen für unsere Gesellschaft erforschen.

Forschungsforum

Das Forschungsforum Öffentliche Sicherheit versteht sich als zentrale Anlaufstelle für Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zu allen Fragen öffentlicher Sicherheit. Es wurde 2009 an der Freien Universität gegründet und führt Forschungsprojekte und -ergebnisse unterschiedlicher Disziplinen und Einrichtungen zum Thema öffentliche Sicherheit zusammen. Ziel ist es, Entwicklungen auf diesem Gebiet wissenschaftlich zu untersuchen und zu bewerten und Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Organisationen abzugeben. Das Forschungsforum geht zurück auf eine überfraktionelle Parlamentsinitiative aus dem Jahr 2007.

Neue Technologien und alte Sicherheitsdilemmata

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Future Security Lab hat trotz seiner beschaulichen Größe einiges zu bieten: Ringsherum hängen an den Wänden große Bildschirme und kleine Tablet-Computer, die über technische Innovationen für mehr öffentliche Sicherheit informieren oder Besuchern und Besucherinnen Erkenntnisse aus der Sicherheitsforschung vermitteln. Gerade das digitale Zeitalter bringt neue Technologien mit sich, die gleichzeitig Probleme und Lösungen darstellen können. Einerseits schaffen sie neue Angriffsflächen für Hacker und Kriminelle, andererseits bieten sie bisher ungekannte Möglichkeiten zur Lösung alter und neuer Sicherheitsdilemmata.

Auf einem der Monitore des Labs wird eine Überwachungssoftware demonstriert, doch die Gesichter der gefilmten Personen sind unkenntlich gemacht. Nicht überall benötige man hochauflösende Bilder wie im Pilotprojekt zur Gesichtserkennung, das von August 2017 an ein Jahr lang vom Innenministerium am Berliner Bahnhof Südkreuz erprobt worden ist, erklärt Roman Peperhove, Leiter der Koordinierungsstelle des Forschungsforums öffentliche Sicherheit: „De facto ist es für viele Orte völlig unerheblich, wer sich wo aufhält, sondern nur, wie viele Personen sich wo befinden.“ Bei einem Notfall – etwa am Flughafen Tegel – sei es zum Beispiel nur entscheidend zu wissen, wo sich wie viele Menschen befinden, um sie systematisch zu den jeweils nächstgelegenen Notausgängen zu leiten.

Irene Mihalic, die viele konkrete Gefahrenlagen in ihrer Zeit als aktive Polizeibeamtin erlebt hat, profitiert bei der Arbeit im Parlament von der umfassenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit neuer Software. „Wenn man Politik macht, das sage ich auch ganz selbstkritisch, dann ist man manchmal empfänglich für angeblich einfache Lösungen, die einem präsentiert werden.“ Sie wisse deshalb zu schätzen, dass technische Fragen im Future Security Lab auch aus sozialwissenschaftlicher, politischer und praktischer Perspektive betrachtet werden. „Hier wird deutlich, dass sich – je nach Bedarf – die Form der Videoüberwachung unterscheiden kann.“

Forschende arbeiten mit Partnern aus der Praxis

Vom interdisziplinären Charakter des Showrooms zeugt auch die Vielfalt der Exponate: Auf einem Tisch liegen Virtual-Reality-Brillen aus, die den Besucher in ein verfallenes Gebäude befördern. Schnell wird klar, dass hier ein Anschlag stattgefunden hat: Die Fensterscheiben sind zerborsten, und auf dem steinernen Boden liegen verletzte Menschen, einige bluten. Man kann sich im Gebäude virtuell fortbewegen und noch andere Räume betreten, in denen weitere Opfer aufzufinden sind. Mithilfe dieser Software können Rettungskräfte den Ernstfall eines Einsatzes üben.

An einer anderen Wand des Zukunftslabors hängt ein Tablet-Computer, auf dessen Bildschirm ist eine topographische Karte der USA zu sehen. Als Lars Gerhold mit dem Finger über einen Regler fährt, beginnt plötzlich der Meeresspiegel zu steigen – Teile Floridas und der Ostküste stehen kurzerhand unter Wasser. Hier werden die Auswirkungen von Überschwemmungen infolge des Klimawandels simuliert – und auch, wie sich diese auf Regionen mit unterschiedlichen Bevölkerungsschichten auswirken. „Wie schwer die Folgen der Klimaerwärmung Menschen treffen, hat nicht nur etwas mit deren Wohnort zu tun, sondern auch mit deren sozialer Situation“, sagt Gerhold. Etwa ob Betroffene die Möglichkeit hätten, in eine andere Region zu ziehen oder Schäden durch Überschwemmungen finanziell aufzufangen. „Beim Thema Sicherheit spielt soziale Ungerechtigkeit eine große Rolle.“ Ähnliche Szenarien ließen sich auch für Europa durchspielen: Mit welchen Migrationsbewegungen wäre zum Beispiel zu rechnen, sollten in einigen Jahrzehnten durch den Anstieg des Meeresspiegels die flachen Küstengebiete der Niederlande überflutet werden?

Sicherheitsforscher Roman Peperhove (r.) erklärt Albrecht Broemme (Präsident THW/li.), sowie den Bundestagsabgeordneten Michael Kuffer (CSU, Mitte) und Benjamin Strasser (FDP, Hintergrund), wie ein Fluchtweg aus einem Labyrinth gefunden wird.
Sicherheitsforscher Roman Peperhove (r.) erklärt Albrecht Broemme (Präsident THW/li.), sowie den Bundestagsabgeordneten Michael...Foto: Simone Harr/ECDF

Um Gesetzgebung und politische Prozesse zu optimieren und bereits erlassene Regelungen zu überprüfen, arbeiten die Forscherinnen und Forscher in interdisziplinären Projekten mit vielfältigen Methoden und unterschiedlichen Kooperationspartnern aus der Praxis. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn etwa führte ein Wissenschaftlerteam der Freien Universität unter Leitung von Lars Gerhold eine Umfrage bei Nahverkehrskunden durch; Ziel ist es, herauszufinden, wie sicher sich Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln fühlen und in welchen konkreten Situationen ein Unsicherheitsgefühl aufkommt. Die Daten zur gefühlten Sicherheit könnten die Forscher dann mit empirischen Analysen zur realen Bedrohungslage abgleichen, erklärt Gerhold: „Die Leute haben gar nicht so große Angst vor Überfällen wie angenommen, sondern fühlen sich eher durch Enge und Überfüllung gestresst. Gerade Besucherströme aber sind eine Managementfrage, die man auch mithilfe von Technik lösen kann.“

Die Algorithmen sind nicht unfehlbar

Da die Sicherheitsforschung im Wandel begriffen ist, müssten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch mit neuartigen Fragen beschäftigen, konstatiert Lars Gerhold. Früher sei im Wesentlichen der Staat für die Sicherheit der Bürger zuständig gewesen, später habe man zunehmend auf individuelle Katastrophenvorsorge oder private Sicherheitsfirmen gesetzt, sagt der Wissenschaftler: „Heute sehen wir eine ,Technisierung der Sicherheit‘, das heißt, wir wollen am liebsten alle Probleme durch Technik lösen.“

Doch Lösungen für mehr öffentliche Sicherheit dürften nicht allein technikgetrieben sein. Auch ethische und gesellschaftliche Aspekte müssten berücksichtigt werden, sagt Lars Gerhold und nennt als Beispiel die in manchen Ländern bereits umfangreich eingesetzte Software zur Gesichtserkennung. Die Algorithmen solcher Software seien aber nicht unfehlbar und könnten im Ernstfall die Unschuldsvermutung aufweichen. „Wenn wir beispielsweise ein Programm mit einer Treffsicherheit von 99,9 Prozent haben: Akzeptiert man bei einer Fehlerquote von 0,1 Prozent, dass Menschen möglicherweise zu Unrecht verdächtigt werden?“ Wichtig sei vor allem der Diskurs: „Sicherheit ist nicht einfach gegeben, sondern das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen verschiedenen Akteuren aus Forschung, Bevölkerung und Politik.“

Irene Mihalic ist froh über die Möglichkeit für diesen engen Austausch. Die Grünen-Abgeordnete verabschiedet sich am Ende des Gesprächs, sie muss zurück an die Arbeit – direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite.