Unter die Haut : Die Tattoo-Forscherin

Ines Schreiver schrieb ihre Doktorarbeit über die Folgen des Tätowierens im Körper und wird im Dezember von der Körberstiftung dafür ausgezeichnet.

Anne-Sophie Schmidt
Die Nadeln einer Tattoo-Maschine werden vor dem Stechen in Farbtöpfe getaucht. Die Pigmente. die auch in die Lymphknoten wandern, enthalten giftige Stoffe wie Nickel und Chrom. .
Die Nadeln einer Tattoo-Maschine werden vor dem Stechen in Farbtöpfe getaucht. Die Pigmente. die auch in die Lymphknoten wandern,...Foto: Shutterstock/Panilov

Wenn Ines Schreiver über ihren Werdegang spricht, verwendet sie oft das Wort Glück. Die Postdoktorandin sagt, dass sie gegenüber einer Promotion lange Zeit durchaus skeptisch gewesen sei. Denn im Laufe ihres Studiums der Biotechnologie habe sie viele Doktorandinnen und Doktoranden gesehen, die frustriert an ihrer Dissertation gearbeitet hätten. „Natürlich braucht es viel Können und Motivation. Aber es gehört auch eine Portion Glück dazu, dort zu landen, wo man sich entfalten kann. Das hat bei mir gut funktioniert.“

Gut funktioniert heißt: Doktorarbeit an der Freien Universität und am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit Bestnote, nahtloser Übergang zur Postdoktorandin am BfR, als Leiterin einer Nachwuchsgruppe. Und jetzt der zweite Platz des Deutschen Studienpreises der Körber-Stiftung für die wichtigste Dissertation des Jahres im Bereich Naturwissenschaften.

Glück sei es auch gewesen, mit dem Thema ihrer Promotion so anwendungsorientiert forschen zu können: Vier Jahre arbeitete Ines Schreiver zu Tätowierungen. Interessiert an dem Thema habe sie zunächst der Fokus auf chemischer Analytik und der im Vergleich zu den Lebenswissenschaften stärkere Technikanteil: „Mir gefiel die Aussicht, mit dem Schraubenzieher an Geräten zu werkeln, Instrumente selbst bedienen zu lernen und Reparaturen zu machen“, sagt die Ingenieurin.

Abbauprodukte können krebserregend sein und Allergien auslösen

Sie untersuchte, was mit den Pigmenten, also den Farbstoffen einer Tätowierung, im Körper passiert, wenn diese durch Laserstrahlung entfernt werden. In Modellen simulierte sie den Zersetzungsprozess der Pigmente: Diese absorbieren Licht und werden dann durch die Laserstrahlung zersprengt. Dadurch wiederum entsteht Hitze, die chemische Bindungen aufbricht. Durch die Simulation wollte sie herausfinden, welche Abbauprodukte entstehen. Ihre Vermutung bestätigte sich: Abhängig vom Farbstoff entstehen durch die Laserstrahlung Abbauprodukte, die krebserregend oder allergieauslösend sein können.

Ines Schreiver untersucht die Folgen des Tätowierens im Körper.
Ines Schreiver untersucht die Folgen des Tätowierens im Körper.Foto: Körber-Stiftung/David Aussenhofer

Außerdem untersuchte sie, wie sich die Pigmente im Körper verteilen. „Mit unserem Forschungsteam waren wir die ersten, die jemals die Wanderungsbewegung von Pigmenten untersucht haben. Wir konnten beweisen, dass sie auch in die Lymphknoten wandern – und dabei giftige Elemente wie Nickel oder Chrom mit sich tragen.“ Für die Krebserkennung würden Lymphknoten auf Metastasen untersucht. Die Pigmente von Tattoos schränkten diese Möglichkeit ein: „Pigmente aus Tätowierungen, die in den Lymphknoten landen, führen dazu, dass man diese zunächst für Metastasen halten kann.“ Erst durch eine Biopsie könne dies unterschieden werden.

Gleich zu Beginn ihrer Arbeit an der Dissertation fand an der Freien Universität ein vom BfR organisiertes internationales Symposium zur Tattoo-Forschung statt, auf dem Ines Schreiver den aktuellen Stand der Forschung und alle wichtigen Personen auf diesem Feld kennengelernt habe, wie sie sagt. Auch die Kooperation mit den Partnern in Grenoble sei ein Glücksfall gewesen: Dort habe sie am größten für die Forschung mit Synchrotronstrahlung errichteten Teilchenbeschleuniger in Europa gearbeitet.

Praktische Relevanz in der Forschung

Gereizt habe sie an dem Promotionsthema auch, dass diese Forschung praktische Relevanz habe: „Fast jede vierte Person in Deutschland ist tätowiert und damit potenziell betroffen. Aber das Thema interessiert auch viele, die nicht tätowiert sind.“ Nicht jedes Forschungsthema eignet sich für die leichte Konversation – das von Ines Schreiver schon. Bekannte fragten sie, ob es gute oder schlechte Farben gebe. Sie versuche, in solchen Gesprächen aufklärend zu wirken. Sie sagt dann, dass man Tätowierungen nicht so leicht wegbekomme, wenn sie einem nicht mehr gefallen. Und dass man bunte Tätowierungen am besten mit Kleidung oder Sonnenschutzmitteln vor der Sonne schützen solle.

Nicht nur ihr Umfeld interessiert sich für Ines Schreivers Thema, auch zahlreiche Medien berichteten in den vergangenen Jahren darüber. Die Wissenschaftlerin wurde dermaßen oft angefragt, dass sie ein Pressetraining am BfR absolvierte. „Kleine Medienanfragen kamen von Anfang an, aber ich hatte nicht erwartet, dass es so viele sein würden. Das war überwältigend, aber natürlich auch schön und eine Form von Anerkennung für meine Arbeit. Es ist ein großes Glück, Forschungserkenntnisse so direkt zeigen zu können.“

Sie will noch viel mehr Fragen klären

Als Postdoktorandin forscht Schreiver weiter an dem Thema. Auch dabei sieht sie wieder Glück im Spiel: dass nämlich das Bundesinstitut für Risikobewertung zum Ende ihrer Promotion Nachwuchsgruppen einführte. Sie leitet nun die Gruppe „Tätowiermittel-Forschung“ in einem Team mit zwei Doktoranden und zwei technischen Assistenten. Als sie wusste, dass sie weiter am Institut „bleiben kann und weiterforschen darf“, habe sie sofort die nächsten Projekte und neue Kooperationen mit Forscherinnen und Forschern an der Freien Universität sowie Dermatologinnen und Dermatologen in Amsterdam und Dänemark begonnen, sagt Ines Schreiver.

„Jetzt kann ich die Früchte der Arbeit ernten, so viele Ideen und Projekte will man nicht liegen lassen.“ Und sie will noch mehr Fragen klären: Welche einzelnen Farbstoffe können Allergien verursachen? Rufen sie genetische Schäden hervor? „Es gibt so viele Fragen, ich könnte mir vorstellen, an dem Thema bis zu meiner Rente zu forschen, ohne dass es langweilig würde.“

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