Von TISCH zu TISCH - die Restaurantkritik : Die Eselin von A.

Wie sieht heute die bürgerliche deutsche Küche aus? Gelassen globalisiert und ohne Krampf – so wie in diesem Lokal.

Üppig portionierte Bauchküche auf erfreulich hohem Niveau: Die Eselin von A.
Üppig portionierte Bauchküche auf erfreulich hohem Niveau: Die Eselin von A.Foto: promo

Gibt es sie überhaupt noch - die bürgerlich deutsche Küche?

In der Stilgewittern der modernen Kulinarik kommt allerhand unter die Räder. Beispiel: Von einer gehobenen deutschen Küche mit Anspruch kann praktisch keine Rede mehr sein, weil sich unsere besten Köche über Jahrzehnte immer nur darin gefallen haben, globale Trendküchen von der französischen aufwärts zu perfektionieren. „Bürgerliche deutsche Küche“ ist in diesen Jahrzehnten zum Spottwort verkommen, wenngleich ein paar Stars wie Dieter Müller oder Tim Raue da und dort etwas versuchen; ich fürchte, das wird – bei aller Qualität – eine Randnotiz bleiben, auch wenn es durchaus Erfolg und belebende Wirkung hat.

Stilmix im Stammgastrestaurant

Denn die moderne bürgerliche Küche ist längst globalisiert, und das nicht nur in Deutschland. Es ist ein sich ständig verändernder Mix von mediterranen, französischen und – bei uns – auch deutschen Elementen, der in den Händen guter Köche Spaß machen kann, da darf das Wiener Schnitzel bleiben, muss sich den Platz aber mit asiatischen Garnelen und Lamm und Pizza teilen. Ganz so weit geht die „Eselin“ nach ihrem Umzug von Wannsee nach Charlottenburg nicht. Aber als gestandenes Stammgastrestaurant hat es viele eigene Klassiker – ein Pfund Garnelen mit Currywurst! – auf der Karte, weil die Stammgäste das erwarten. Nichts dagegen, wenn ein solcher Stilmix so akkurat gemacht wird wie hier.

Gutgelöste Kompromisse mit präzisem Handwerk
Küchenchef Lorenz Becker kennt das Repertoire, aber er muss es in einer kleinen Küche umsetzen, was manchen Kompromiss erzwingt. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass ein großer Teil der Hauptgerichte nach einem eigenartigen Baukastenprinzip konstruiert ist, das mehrere Fleisch- und Fischsorten mit einer jeweils einheitlichen Beilage zur Wahl stellt – kaum anzunehmen, dass damit immer die wirklich optimale Kombination getroffen wird. Aber das mag in dieser Restaurantkategorie auch zweitrangig sein: Wir waren jedenfalls mit der präzise rosig gebratenen Lammhüfte auf einem deftigen Kartoffel-Maroni-Ragout mit Mangold (22,90) sehr zufrieden, und auch der handwerklich ausgezeichnete gebratene Seeteufel kam mit seiner expressiv sepiaschwarzen und kräftig säuerlichen Sauce bestens zurecht (24,90). Bitte: Das ist hier nicht die höhere Gourmetszene, hier wird im Zweifel deftig und kräftig gewürzt ohne den Blick auf höhere Weihen, aber es schmeckt.

Geradlinige Bauchküche in üppigen Portionen
Eine gewisse Knappheit bei der Vorspeisenauswahl ist also auch nicht zu übersehen. Aber wieder die gleiche Diagnose: Die Blutwurst mit Kartoffelpüree, Apfelkompott, Zwiebeln und hausgemachtem Senf (13,90) überzeugte ebenso wie das pochierte Ei mit getrüffeltem Lauchsalat und Rotweinreduktion (12,90), das ist gradlinige Bauchküche, wie sie sein soll. Ein wenig eindimensional, aber voller Kraft gelangte auch die Miesmuschelsuppe mit Curry an den Tisch.
Die Portionen sind groß und gut proportioniert, aber nicht unsinnig riesig, die Optik ist angenehm, aber nicht wirklich instagrammable – ich vermute mal, genau das wollen viele Gäste, und sie bekommen es hier. Für Desserts ist weder im Magen der Gäste noch in der Küche viel Platz, also bitte: Kaffee-Crème-brulée mit Zwetschgen (8,90), kleiner Apfelstrudel (7,90), das schmeckte.
Wir staunten über die gute Auslastung dieses nicht kleinen Restaurants. Aber klar: Neben der verständlichen Küche macht der Gastgeber den Unterschied. „Eselin“-Gründer Harry Wolleschak ist ein geborener, der immer den richtigen Ton trifft und jedes Detail im Blick behält; das passable Weinangebot wird sicher noch wachsen. Dies ist ein Treffpunkt für Menschen, die nicht nur über Essen reden wollen und die eine stilistisch offene Küche lieber mögen als eine streng festgelegte. Und ab Frühjahr kommt ein Top-Argument dazu: der lauschige Vorgarten.

Die Eselin von A., Schloßstr. 61, Charlottenburg, Tel. 21 41 284, Di–So 17–23 Uhr

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