Erderwärmung und Politik : „Lieber Klimawandel als Ökodiktatur“

Der Sozialpsychologe Harald Welzer über die Vorzüge der Demokratie, politische Folgen der Erderwärmung und Lebenslügen der Gesellschaft.

Der Mensch bewundert die Natur - und tut relativ wenig gegen den Klimawandel.
Der Mensch bewundert die Natur - und tut relativ wenig gegen den Klimawandel.Foto: Getty Images

Herr Welzer, hängt von der Klimafrage das Überleben der Menschheit ab?

Menschheitspathos ist mir verdächtig. Es werden sicherlich die Überlebensbedingungen für viele Menschen in bestimmten Teilen der Welt schwieriger werden, das ist bitter genug. Aber ich glaube nicht, dass die Menschheit ausstirbt.

Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?
Anthropologisch betrachtet zeichnet sich die Spezies Mensch gerade dadurch aus, dass sie unfassbar anpassungsfähig ist. Insofern wird sie sich auch an gravierend verschlechterte Klimabedingungen anpassen können. Die Frage ist allerdings, ob es objektive Grenzen für diese Anpassung gibt, die nicht zu überwinden sind.

Tun wir genug, um den Klimawandel zu bremsen?
In keiner Weise. Man muss vielmehr feststellen: Wir haben gar keine Klimaschutzpolitik. Hätten wir eine, hätten wir immer weniger Emissionen – haben wir aber nicht, im Gegenteil. Und solange wir die Reduktion nicht haben, wird sich der Planet weiter aufheizen.

Laut Umfragen halten zwei von drei Deutschen den Klimawandel für ein wichtiges Problem – dennoch ändert sich am Verhalten nur wenig.
Die Menschen leben in einer Lebenslüge. Diese Lebenslüge ist keine individuelle, sondern eine gesellschaftliche. Die Leute sind mit zwei Botschaften konfrontiert. Einerseits soll alles immerzu weiterwachsen, sollen die Leute mehr konsumieren, mehr Autos kaufen, mehr Fleisch essen, mehr Kreuzfahrten buchen. Das ist die Benutzeroberfläche unseres Alltags. Auf der anderen Seite kriegen sie gesagt: Wir haben ein Problem, wir produzieren zu viele Emissionen, es wird zu heiß auf der Erde. Insofern stecken sie in der Falle, leben in einer permanenten Dissonanz: Sie haben Schuldgefühle, wenn sie ihr Flugticket buchen, buchen es aber trotzdem.

Ist es denn überhaupt an uns als Bürgern und Verbrauchern, immer noch mehr zu tun – ist es nicht Sache der Politik, das für uns zu regeln?
Absolut. Aber stattdessen verkauft die Politik uns als Klimapolitik, was ich „magisches Denken“ nennen würde. Man setzt auf Konferenzen, hofft darauf, dass symbolische Verträge das Klima ganz mächtig beeindrucken – und hält sklavisch an der Wachstumslogik fest. Wie ein Süchtiger, der den Stoff braucht und doch weiß, dass dieser Stoff ihn zerstört, sagt: Nächstes Jahr höre ich auf. Das Problem ist: Es gibt kein alternatives Konzept, um eine andere Ökonomie zu etablieren, die nachhaltig und zugleich in der Lage wäre, unseren zivilisatorischen Standard zu sichern.

Also stellt die Klimafrage in letzter Konsequenz die Systemfrage?
Jein. Es ist ja so: Wir leben in der historisch besten, nämlich sichersten, komfortabelsten und gesündesten Gesellschaft, die es je gegeben hat. Diese wunderbaren Lebensverhältnisse basieren auf einem wachstumswirtschaftlichen Prinzip. Und es gibt keine Idee für ein Wirtschaftssystem, das dieses Ausmaß an Lebenssicherheit gewährleistet und zugleich umweltschonend ist. Wir kennen nur das eine oder das andere: Entweder das Leben ist sehr schlecht, wie in armen Gesellschaften, da leben die Menschen in dem Sinne nachhaltig, dass sie keinen hohen Naturverbrauch haben. Oder die Lebensverhältnisse sind prima, wie in den reichen Gesellschaften, da aber ist der individuelle und kollektiv hochgerechnete Umweltverbrauch gigantisch hoch. Es ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts, dass wir unsere Form von freier und sicherer Gesellschaft auf eine andere materielle Basis stellen. Und es ist ein großes Versäumnis der Gesellschaftswissenschaften, sich kaum mit dieser zivilisatorischen Frage zu beschäftigen.

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Angst vor dem Klimawandel?
Angst vor dem Klimawandel?

Was meinen Sie?
Es ist ein großes Manko, dass die ganze Fragestellung des Klimawandels eine ist, die wesentlich von Naturwissenschaftlern bearbeitet wird, von Experten, die sich mit dem Klima, dem Meer, dem arktischen Eis befassen. Die machen einen hervorragenden Job, aber sie können sich nicht mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen beschäftigen. Die haben einen anderen Zugang. Deshalb sind die Rezepte, die sie vorschlagen, im Grunde rein moralischer Natur. Aber mit moralischen Argumenten verändert man nichts, kein Verhalten, keine Gesellschaft.

Was ist das, was Ihnen fehlt?
Wir müssen nach vorn schauen und Handlungsspielräume deutlich machen. Haben wir eine Sozialwissenschaft, die sich mit positiver Veränderung von Gesellschaft beschäftigt? Haben wir eine Wirtschaftswissenschaft, die sich mit nicht- wachstumsbasierten Ökonomien beschäftigt? Haben wir eine Geschichtswissenschaft, die erklärt, wie Gesellschaften sich aus Krisensituationen wie der aktuellen herausgearbeitet haben? Nein, jedenfalls viel zu wenig. Die vernaturwissenschaftlichte Debatte macht auch die Kommunikation so schwierig. Wir werden zugeballert mit Zahlen. 1,5 Grad, zwei Grad, mit CO2, was man nicht sehen, fühlen, schmecken kann. Das ist alles unglaublich abstrakt, hat mit unserem Alltag nichts zu tun.

Harald Welzer ist Sozialpsychologe und Direktor der "Stiftung für Zukunftsfähigkeit - Futurzwei".
Harald Welzer ist Sozialpsychologe und Direktor der "Stiftung für Zukunftsfähigkeit - Futurzwei".Foto: Jens Steingässer

Hat die alarmistische Sprache überhaupt noch den beabsichtigten aufrüttelnden Effekt – oder entmutigt sie eher?
Die Apokalypse-Rhetorik haben wir seit Jahrzehnten. Sie wird mit jeder Klimakonferenz und jedem Report noch einmal hochgerüstet, hat aber nur einen Sättigungs- und Ermüdungseffekt. Weil die Lebensrealität der Menschen von dieser Sprache nicht tangiert ist. Den Leuten geht es so gut wie noch nie, sie leben so sicher wie noch nie – und dann kommt ihnen die Wissenschaft mit diesem Horrorszenario.

Wie ließe sich denn anders über den Klimawandel reden?
Man muss das Ganze umdrehen und fragen: Wie können wir proaktiv, tatkräftig, motivierend unsere Gesellschaft besser machen? Deshalb erzählen wir bei „Futurzwei“ Geschichten von Menschen, Unternehmen, Initiativen, die unter den gegebenen Bedingungen andere Geschäftsmodelle und andere Lebensstile nicht nur propagieren, sondern auch praktizieren. Die sagen, man kann auch in Deutschland unter ökologisch vertretbaren Bedingungen Textilien produzieren; man kann andere Modi des Wohnens entwickeln; man kann andere Weisen des Ernährens finden. Das sind Projekte, die nicht aus irgendeinem Zwang oder dem Druck drohender Katastrophen entstehen, sondern positiv motiviert sind. Ich kann Dinge besser machen, ohne dass ich die Apokalypse zur Begründung heranziehen muss: Eine autofreie Stadt ist auch ohne Klimawandel gut. Der Erhalt der Regenwälder und Wiederaufforstungen auch.

Eine autofreie Stadt? Ist das Gute nur mit Verzicht zu erreichen?
Wieso Verzicht? Es ist doch vielmehr so, dass wir unter den gegebenen Bedingungen auf unheimlich viel verzichten. Wenn Sie an die Städte denken, die komplett durch das Verkehrsmittel Automobil definiert sind: Wir verzichten auf Ruhe, auf gesunde Luft, auf freie Bewegungsräume. In München zum Beispiel sind zwölf Prozent der Stadtfläche Parkplätze: eine gigantische Verschwendung von öffentlichem Raum. Auf all das verzichten wir – müssten es aber nicht, wenn wir zum Beispiel den Verkehr in Richtung ÖPNV umbauen würden.

Klimaforscher sagen, wir müssen jetzt handeln, radikal, in allen Bereichen – in ein, zwei Jahrzehnten ist es zu spät. Muss nicht alles viel schneller gehen?
Das sagen die seit Jahren. Das Problem an der Sache ist: Selbst wenn sie aus einer wissenschaftlichen Sicht recht haben, nützt das nichts, weil soziale Prozesse eine andere Zeitlogik haben als physikalische Prozesse. Wenn jetzt jede Initiative, die nicht das ganze große Klimaproblem auf einen Schlag löst, als nutzlos erachtet wird, weil es nicht reicht, dann führt das nur zu Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit. Aber so oder so müssen wir doch mit der Welt umgehen lernen, die wir haben – jetzt und in der vom Klimawandel veränderten Zukunft. Also fangen wir doch lieber mit kleinen Schritten an.

Aber wenn, wie Sie selbst sagen, die Naturwissenschaftler in der Sache recht haben: Ist eine Politik der kleinen Schritte angesichts der Größe des Problems nicht unangemessen, gar sinnlos?
Wenn ich mich an eine veränderte Lebenssituation schrittweise anpasse, ist das doch nicht unangemessen oder gar sinnlos. Es bedeutet nur, dass ich das Maximalziel nicht erreiche. Wenn ich einen Unfall habe, nach dem das Leben nicht so weitergehen kann wie zuvor, dann muss ich mich an die veränderten Bedingungen anpassen – wenn ich nicht zu hundert Prozent wieder so fit werde, wie ich’s war, ist doch mein Leben deshalb nicht sinnlos.

In Sachen Klimawandel herrscht halt der Eindruck vor, um bei Ihrer Analogie zu bleiben, der Unfall ließe sich womöglich noch verhindern …
Es weiß doch jeder, dass sich so schnell fundamental nichts ändern wird. Also sollten wir nach Wegen zu einer wirklichkeitstauglichen Veränderung suchen. Die Welt wird derweil nicht untergehen.

Ebendas bezweifeln einige. Die Frage steht im Raum, ob die Demokratie nicht zu langsam ist, um auf die ökologische Frage zu reagieren?
Ja, Demokratie ist langsam. Aber der Beweis steht noch aus, dass Diktaturen besser mit solchen Problemen umgehen könnten.

Ein autokratisches Regime wie das chinesische könnte, wenn es wollte, sicher besser, schneller, umfassender durchgreifen …
Das ist aber doch kein Argument. Den Klimawandel zu bremsen, ist ja kein Selbstzweck – wir tun das, weil wir bestimmte Lebensverhältnisse aufrechterhalten wollen. Für mich gehören eine freie Gesellschaft und die Demokratie unabdingbar dazu. Das Problem liegt woanders: Wir leben zwar in einer Demokratie, aber der Souverän, die Bürger und Bürgerinnen, bringt sich zu wenig ein. Wenn ich kleine Kinder hätte, würde ich eine Elterninitiative gründen, jeden Tag vor dem Wirtschaftsministerium für eine nachhaltigere Ökonomie demonstrieren und sagen: Leute, so geht das nicht, ihr verspielt die Zukunft unserer Kinder! Aber das passiert nicht. So kommt es dann, dass die Autoindustrie sich durchsetzt und Frau Merkel sich in Brüssel für weniger strenge Abgasgrenzwerte einsetzt.

Da, wo Menschen sich engagieren, siehe Gelbwesten in Frankreich, protestieren sie gegen eine Ökosteuer, weil die den Sprit teurer macht.
Da kann man mal sehen, wie wenig Umweltbewusstsein tatsächlich geschaffen worden ist in den vergangenen Jahrzehnten. Wenn es zum Schwur kommt, wenn die ökologische in Konkurrenz zur sozialen Frage tritt, ist die ganze Warnerei in den Wind gesprochen.

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